Von Kuscheltieren und Tiefkühlbraten - Kaninchenleid in Europa

Aus vielen deutschen Kinderzimmern sind sie nicht mehr wegzudenken. Die kuscheligen, süßen Kaninchen. Rund 3,9 Millionen der fröhlichen, geselligen „Langohren“ hoppeln derzeit durch deutsche Haushalte.

Parallel dazu hat der Konsum von Kaninchenfleisch spätestens seit der BSE-Krise stark zugenommen. Rund 1,5 Kilogramm lässt sich statistisch gesehen jeder Bundesbürger pro Jahr schmecken. Besonders zur Osterzeit findet Kaninchenfleisch den Weg auf die Teller in unserem Land. Deutschlandweit werden nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) jedes Jahr etwa 22 Millionen Kaninchen geschlachtet (Stand 2013). Etwa 60.000 Hobbyhalter und knapp 60 industrielle Mäster produzieren laut Schätzungen der Bundesregierung 65 beziehungsweise 15 Prozent der jährlich in Deutschland verzehrten 26.650 Tonnen Kaninchenfleisch. Die übrigen 20 Prozent (8.200 Tonnen) werden aus China und Osteuropa (Polen, Tschechien, Ungarn) importiert.

Kaninchen in Käfigen

Für in Deutschland gemästete und gezüchtete Kaninchen gelten seit dem 11. August 2014 Mindestanforderungen für die Haltung. Die neue Nutztierhaltungsverordnung sieht aber für viele Altanlagen mit Batteriekäfigen noch Übergangsfristen von bis zu zehn Jahren vor. In der deutschen Gesetzgebung sind außerdem nach wie vor Käfige zugelassen, wenn auch in ausgestalteter Form. Die Käfige werden den bewegungsfreudigen Kaninchen aber in keiner Weise gerecht, denn die Tiere werden viel zu stark in ihrem natürlichen Bewegungs- und Sozialverhalten beschränkt. Die Zustände in den Käfiganlagen sind oft katastrophal: Viele Tiere leiden an wunden Pfoten und haben teils schwere Verletzungen durch Aggressionsverhalten und Kannibalismus. Viele Mast- und Zuchttiere sind apathisch oder krankhaft aktiv. Trotz Grenzwerten für die maximale Belastung mit Ammoniak kommt es außerdem weiterhin zu Schleimhaut- und Augenreizungen, da die Tiere direkt über ihren Exkrementen leben müssen.

Auf EU-Ebene steht eine gesetzliche Regelung nach wie vor aus. Es gibt keinerlei verbindliche Vorgaben zu Bodenbeschaffenheit, Besatzdichte, Gruppengröße und Mindestfläche je Tier. Seit 1986 existieren allerdings Empfehlungen des Europarates zur Kaninchenhaltung. Diese waren aber für Versuchskaninchen gedacht, nicht für Mastkaninchen zur Fleischgewinnung.

PROVIEH sieht hier dringenden Handlungsbedarf, am besten auf europäischer Ebene, denn die Hauptproduzentenländer in Süd- und Osteuropa haben überhaupt keine Regelungen. Das Recht, gesetzgeberische Initiativen für die EU zu ergreifen, liegt in Brüssel allerdings nicht bei den gewählten Parlamentariern des Europaparlaments (EP), sondern allein in der Hand der von den Mitgliedsstaaten ernannten EU-Kommissare.

Erster Erfolg

Aktuell traf unsere Europareferentin Sabine Ohm am 10. März 2016 den Europaabgeordneten Stefan Eck, kurz nach einem ersten bahnbrechenden Erfolg: Nach 15-monatiger Überzeugungsarbeit wird er nun im Auftrag des Europäischen Parlaments (EP) einen „Initiativbericht“ verfassen, um die EU-Kommission zum Entwurf einer Kaninchenhaltungsrichtlinie zu bewegen. In einem Gespräch von Eck mit dem zuständigen EU-Kommissar Andriukaitis zeigte dieser sich erschüttert über die verstörenden Bilder aus real existierenden Kaninchenhaltungen in Europa. Laut seinem Arbeitsprogramm bis zu seinem Mandatsende 2019 will er allerdings vorrangig die Umsetzung bestehender EU-Gesetze vorantreiben und keine neuen Vorschriften erlassen, bevor die bereits verabschiedeten nicht von allen eingehalten werden

Trotzdem ist dieser Initiativbericht ein wichtiges Signal an die Kommission, dass die Tierschützer sich mit dem bisher Erreichten nicht zufrieden geben, zu weit hinken die Zustände in der Tierhaltung, bei Transport und Schlachtung  hinter den gesellschaftlichen Ansprüchen an die Nutztierhaltung hinterher. Im Initiativbericht zur Kaninchenhaltung sollen nach Vorstellungen von Stefan Eck und PROVIEH möglichst strengere Regeln verankert werden, als die deutsche Nutztierhaltungsverordnung von 2014 beinhaltet, da sie einige gravierende Tierschutzprobleme der Kaninchenhaltung nicht löst. Darauf werden wir gemeinsam hinarbeiten.

Wünschenswert wäre ein Verbot der Käfighaltung auf EU-Ebene. Wahrscheinlicher scheint allerdings derzeit, dass – ähnlich wie bei den Legehennen – erst der Umweg über die ausgestalteten Käfige (siehe Deutschland) gewählt werden muss. Zu hoffen bleibt, dass eine gesetzliche Regelung am Ende uneingeschränkt den Kaninchen zu Gute kommt und nicht zu einer Verlagerung der Produktion in außereuropäische Länder wie China führt. Dies könnte man durch eine umfassende Herkunftskennzeichnung, wie sie PROVIEH fordert, sicherlich vermeiden.

 

Kathrin Kofent und Sabine Ohm

Foto: CAFT