"Echte Kerle statt Kastraten"

Kampagnenübersicht Ferkelkastration

Jahrzehntelang war es üblich, männliche Ferkel bei vollem Bewusstsein und ohne Schmerzausschaltung zu kastrieren – in der konventionellen ebenso wie in der Bioschweinehaltung. Grund dafür war, dass einige der männlichen Schweine in der Pubertät „Ebergeruch“ entwickeln können, der manchen Verbrauchern beim Erhitzen des Fleisches unangenehm auffällt. Die Schweine werden aber in der Regel vor der Pubertät geschlachtet. Allerdings können insbesondere Stress und falsche Fütterung zu erhöhter Geruchsauffälligkeit bei Ebern führen.

2007 wurde in den Niederlanden Kritik an der betäubungslosen Kastration laut. Leider wurde dort die Kastration unter CO2-Betäubung eingeführt, die PROVIEH aus Tierschutzgründen ablehnt. Nach Prüfung der übrigen Alternativen entschloss sich PROVIEH 2008, die Einführung der Ebermast als aus Tierschutzsicht beste Lösung voranzutreiben, zum Beispiel durch die PROVIEH-Kampagne „Kastratenburger? Schluss damit!“ Diese bewegte McDonald’s und Burger King im Juli 2009 innerhalb von drei Tagen, ihren Ausstieg aus dem Verkauf von Kastratenfleisch zum 1. Januar 2011 bekanntzugeben.

PROVIEH arbeitet seit Sommer 2008 gemeinsam mit der Firma Tönnies, dem führenden deutschen Schweinefleischproduzenten, an der Beseitigung der Hindernisse, die einem Umstieg auf die Mast unkastrierter männlicher Schweine (Jungeber) noch im Wege stehen. Da Eber nachweislich eine viel bessere Futterverwertung und magereres Fleisch haben als Kastraten und weibliche Tiere, gibt es für die Abschaffung der schmerzhaften Kastration einen echten wirtschaftlichen Anreiz. Noch im September 2008 verabschiedeten der Deutsche Bauernverband (DBV), der Verband der Deutschen Fleischwirtschaft (VDF) und der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) die sogenannte „Düsseldorfer Erklärung“, in der die  Jungebermast als Ziel festgelegt wird, wenn auch ohne Fristsetzung.

2009 wurde auch die EU-Kommission auf die Entwicklungen in Deutschland und den Niederlanden aufmerksam, weil sie für einen einheitlichen Binnenmarkt sorgen muss und in einigen Ländern der Verkauf von Jungeberfleisch gesetzlich verboten war (zum Beispiel Frankreich). Sie organisierte Workshops mit allen Interessenvertretern, darunter PROVIEH, die im Dezember 2010 in der „Brüsseler Erklärung“ mündeten, an der PROVIEH mitwirkte. Darin wurde Schmerzbehandlung verpflichtend ab 2012 festgelegt. Die gänzliche Abschaffung der betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration ist ab dem 01. Januar 2018 vorgesehen.

Das privatwirtschaftliche Unternehmen QS - Qualität und Sicherheit GmbH - beschloss aufgrund des Kampagnendrucks, ab April 2010 für alle am QS-System teilnehmenden Betriebe eine obligatorische Schmerzbehandlung bei der Ferkelkastration einzuführen. Allerdings wirken die zugelassenen Medikamente erst nach 20-30 Minuten schmerzstillend, so dass der Kastrationsschmerz selbst gar nicht ausgeschaltet wird, sondern nur der postoperative Schmerz.

2012 einigten sich die drei führenden Schlachtunternehmen in Deutschland - Tönnies, Vion und Westfleisch -, allen Mästern einen abzugsfreien Ankauf aller Jungeber zu garantieren, also auch der geruchsauffälligen Tiere. Damit bieten sie den Schweinehaltern einen sicheren Weg aus der Ferkelkastration.

Nach diesem Schritt der Industrie sah schließlich selbst die schwarz-gelbe Bundesregierung im 2013 überarbeiteten Tierschutzgesetz vor, das betäubungslose Kastrieren ab 2019 zu verbieten. Die Niederlande sind inzwischen im Inland komplett auf Jungebermast umgestiegen (ca. 40 Prozent der Gesamtproduktion) und wollen die Exportproduktion möglichst bis 2015 umstellen.

Die Umstiegsphase wird auch 2014 in Deutschland durch zahlreiche wissenschaftliche Forschungsprojekte und Praxisversuche begleitet. Es gibt bei guten Haltungsbedingungen keine Tierschutzprobleme. Entgegen erster Annahmen müssen männliche und weibliche Tiere auch nicht mit unterschiedlichen Futterqualitäten versorgt werden, und die Jungeber haben sowohl eine bessere Futterverwertung als auch geringere Nährstoffausscheidungen als Kastraten, was für die Tierhalter besonders attraktiv ist. Trotzdem werden bisher  nur etwa fünf Prozent der männlichen Tiere als Jungeber geschlachtet (ca. 60.000 pro Woche) - auch weil 2014 mit Vion und Westfleisch zwei der drei größten Schlachtunternehmen  die im Mai 2012 schriftlich zugesagte abzugsfreie Abnahmegarantie für Jungeber einseitig wieder abgeschafft haben, was die Erzeuger benachteiligt und verunsichert. Zudem bekennen sich die großen Lebensmitteleinzelhandelsketten mit wenigen rühmlichen Ausnahmen bisher nicht klar zum Verkauf von Eberfleisch – angeblich, weil sie auf eine technische Lösung für die  Erkennung von geruchsauffälligen Tieren warten..

Die Identifizierung eventuell geruchsauffälliger Tiere geschieht seit Jahren mithilfe menschlicher „Spürnasen“. Dazu werden am Schlachtband Riechtests von speziell dafür geschulten Menschen nach einer von QS (Qualität und Sicherheit GmbH) standardisierten Methode durchgeführt. Diese Tests werden seit vielen Jahren erfolgreich von Schlachtbetrieben aller Größenordnungen durchgeführt und haben sich als höchst verlässlich erwiesen. Es gibt also keinen validen Grund für den Handel, sich länger gegen Jungeberfleisch zu sperren. Aber weil diese Methode der menschlichen Spürnasen recht personalintensiv ist, arbeiten einige Unternehmen der Schlachtbranche  weiterhin an der Entwicklung einer elektronischen Nase. Diese hat sich als erheblich schwieriger herausgestellt, als ursprünglich anzunehmen war. Denn wenn man die Erkennung der Technik, statt empfindlichen menschlichen Spürnasen überlassen will, dann muss es ein sehr treffsicheres System sein – und das ist wegen der Korrosion an den Apparaten im Schlachthofambiente und angesichts der hohen erforderlichen Präzision bei komplexem Zusammenwirken verschiedener „Geruchsfaktoren“ kompliziert.

Spätestens ab dem 2. Quartal 2015 muss der Lebensmitteleinzelhandel aber seine Einkaufspolitik umstellen und ohne Wenn-und-aber Jungeberfleisch akzeptieren. Er kann nicht einerseits die Ebermast als Tierwohlkriterium im Rahmen der Initiative zum Tierwohl in der Schweinehaltung bonitieren und andererseits den Ankauf verweigern. Das wäre unlogisch und würde seine Glaubwürdigkeit stark beeinträchtigen. Die menschlichen Spürnasen haben sich als verlässlich genug erwiesen!

Stand: Januar 2015

Kontakt: Sabine Ohm, Fachreferentin für Schweinehaltung ohm@provieh.de


 

 

Mythen der Ferkelkastration auf dem Prüfstand

  • Wir haben für Sie die gängigsten Fehlinformationen über die Ebermast bzw. die Auswirkungen der Abschaffung der Ferkelkastration zusammengetragen. Zur Übersicht kommen Sie hier.
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