Ferkelkastration: Ganze Kerle statt Kastraten

Das Verbot der betäubungslosen Kastration männlicher Ferkel stand zum Ende des Jahres bevor, jedoch hat der Bundestag nun auf Druck der Agrarlobby für eine zweijährige Fristverlängerung gestimmt. Das ist ein Armutszeugnis für das Staatsziel Tierschutz, ein Hinweis auf politisches Versagen und ein Beleg für mangelnde Kooperation in der Fleischerzeugerkette, denn PROVIEH hat bereits vor zehn Jahren Wege aufgezeigt, die tierschutzgerecht und wirtschaftlich sind.

Die Ebermast 

Schon 2008 entschloss sich PROVIEH die Ebermast voranzutreiben. Aus Tierschutzsicht die konsequenteste Lösung, denn hierbei bleiben die Tiere unversehrt und müssen keinen chirurgischen Eingriff über sich ergehen lassen. 

Mit unserer PROVIEH-Kampagne „Kastratenburger? Schluss damit!“ erreichten wir bei McDonald’s und Burger King bereits im Juli 2009 innerhalb von drei Tagen den Ausstieg aus dem Verkauf von Kastratenfleisch zum 1. Januar 2011.

PROVIEH arbeitete seit Sommer 2008 gemeinsam mit Vertretern der Fleischbranche an der Beseitigung von Hindernissen, die dem Umstieg auf die Mast unkastrierter männlicher Schweine im Wege stehen. Noch im September 2008 verabschiedeten der Deutsche Bauernverband (DBV), der Verband der Deutschen Fleischwirtschaft (VDF) und der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) die sogenannte „Düsseldorfer Erklärung“, die die Jungebermast als Ziel festgelegt.

2009 wurde auch die EU-Kommission auf die Entwicklungen in Deutschland und den Niederlanden aufmerksam. Sie organisierte Workshops mit allen Interessenvertretern, darunter PROVIEH, die im Dezember 2010 in der „Brüsseler Erklärung“ mündeten, an der PROVIEH mitwirkte. Darin wurde Schmerzbehandlung verpflichtend ab 2012 festgelegt. Die gänzliche Abschaffung der betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration wurde 2013 per Gesetz mit einer Übergangsfrist zum 01. Januar 2019 festgeschrieben.

Einige deutsche Lebensmittelunternehmen gingen mit gutem Beispiel voran und änderten bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes ihre Einkaufspolitik. Sie vermarkten ausschließlich Fleisch von unversehrten Tieren.

Durch unsere stetige Arbeit konnten wir die Ebermast als festen Bestandteil im Schweinefleischsektor etablieren. Jedoch ist die Abnahme von unkastrierten Ebern begrenzt, denn das Fleisch eignet sich wegen seiner besonderen Zusammensetzung nicht für alle Verarbeitungsformen. Eine weitere, ebenso schonende Alternative musste daher den Weg in den Handel finden.  

Die Eberimpfung

Als ebenso gute Alternative hat sich die Impfung gegen Ebergeruch erwiesen. Bei ein bis drei Prozent der Tiere kann es zu Geruchsabweichungen kommen, die von einem geringen Teil der Verbraucher als unangenehm empfunden werden. Das Ziel der Impfung ist es, die Bildung der Stoffe, die für den unerwünschten Geruch verantwortlich sind, zu verhindern. Dies geschieht mit einer zweimaligen Injektion während der Mast. 

Die Eberimpfung bietet sich als tierschutzgerechte Lösung an, denn auch hierbei bleiben die Eber unversehrt und sie hat zudem einen positiven Einfluss auf das oftmals aggressive Verhalten junger Eber. Die Fleischqualität entspricht eher dem Fleisch von Kastraten und ist somit vielseitig einsetzbar. 

PROVIEH setzt sich ebenfalls seit 2015 für die Eberimpfung ein und führt seither intensive Gespräche mit dem Handel und den Schlachthofbetreibern. Auch im Bündnis für Tierschutzpolitik haben wir uns ausdrücklich für diese Methode als praxistaugliche Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration ausgesprochen. 

Durch Kampagnen, schriftliche Aufforderungen an Politik und Handel, durch Medienauftritte, Pressemitteilungen und Podiumsdiskussionen machen wir immer wieder unseren Standpunkt klar und fordern die sofortige Umsetzung, jedoch stagniert der Erfolg wegen der Preisdumping-Politik unserer Bundesregierung und wegen der Weigerung einzelner Handelspartner, diese tierschutzkonformen Lösungen einzusetzen. 

Fristverlängerung für die betäubungslose Ferkelkastration

Die Fristverlängerung wird kommen, doch wir nutzen sie. Wir werden nicht locker lassen, bis wir alle Beteiligten von den einzig tierschutzgerechten Alternativen, die Ebermast mit und ohne Eberimpfung, überzeugt haben. 

Für PROVIEH steht die Unversehrtheit der Tiere im Vordergrund. Deshalb halten wir an der Ebermast mit und ohne Impfung fest. Es besteht immer noch großer Bedarf an Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit, dem wir uns gerne stellen. Denn nur durch intensive Facharbeit können wir in den letzten Monaten vor dem gesetzlichen Verbot zur betäubungslosen Kastration den Weg für Methoden ebnen, die nicht nur für Tierhalter, sondern besonders für die Tiere am besten sind.

Verfahren zur Schmerzausschlaltung

Die einzigen in Deutschland zugelassenen Verfahren zur Schmerzausschaltung bei der Kastration von männlichen Ferkel sind:

  • Die chirurgische Kastration unter Vollnarkose mit anschließender Gabe von Schmerzmittel. Die Hoden der männlichen Ferkel werden chirurgisch entfernt. Zur Linderung des Kastrationsschmerzes werden nach dem Eingriff Schmerzmittel (sogenannte NSAR, die auch bei der Schmerzbehandlung von Menschen angewendet werden, zum Beispiel Ibuprofen, Diclofenac) eingesetzt. Die Nachschlafphase stellt hier das größte Problem dar. Die Ferkel können dabei unterkühlen und verpassen eine „Mahlzeit“. Schwache Ferkel leiden hierbei besonders und es kommt nicht selten zu Todesfällen.

 

  • Die chirurgische Kastration durchInhalationsnarkose mit Isofluran darf nur vom Tierarzt ausgeführt werden. Sie weist erhebliche Schwachstellen auf, denn die Betäubungswirkung ist stark abhängig vom richtigen Sitz der Atemmaske und dem Gewicht der Ferkel. Bei den über drei Kilogramm schweren Tieren sind nur 71,5 Prozent wirklich betäubt. Mehrere Studien zeigen, dass bei Ferkeln im Alter von sieben Tagen nur noch 61 Prozent und mit acht Tagen nur noch 55 Prozent ausreichend betäubt sind. Auch hier ist die Gabe von NSAR zwingend notwendig.

 

  • Die Lokalanästhesie, besser bekannt als örtliche Betäubung, mit den Wirkstoffen Procain oder Lidocain, ist weder in Deutschland zur Kastration von Ferkeln zugelassen, noch erfüllt sie den Anspruch der Schmerzausschaltung. Daher ist sie aus Sicht des Tierschutzes abzulehnen.

Angela Dinter

 

Dieser Artikel ist im PROVIEH Magazin 04-2018 erschienen.