Geflügelpest und Zoonosen: Die verkannte Gefahr aus der Geflügelindustrie 

Während sich Deutschland auf eine mögliche dritte Welle der Corona Pandemie vorbereitet, sorgt eine neue Hiobsbotschaft aus Russland für Schlagzeilen. Der Geflügelpesterreger H5N8, eine hochpathogene Form der Vogelgrippe, die durch Influenza A Viren verursacht wird, soll auf sieben Mitarbeiter einer Geflügelfarm in Russland übergesprungen sein.

Da auch die oft zitierte „Spanische Grippe“ ihren Ursprung in einer Geflügelpest hatte, ist die Beunruhigung groß.

Schon lange beobachten Wissenschaftler mit zunehmender Sorge die weltweiten Geflügelpestausbrüche. Vor allem der Subtyp A H5N1 sorgte bereits für große Aufregung, da er in den vergangenen Jahren gelegentlich von infiziertem Geflügel auf den Menschen übersprang. Von den weltweit 862 infizierten Menschen starben immerhin 455 an den Folgen der Infektion.

Glücklicherweise ist die Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch derzeit nicht gegeben, so dass die WHO das Risiko für Menschen, sich an H5N1 zu infizieren, als äußerst gering einschätzt wird. Allerdings ist den Wissenschaftlern auch klar, dass die Viren jederzeit mutieren können.

So galt auch H5N8, der aktuell in Europa grassierende Geflügelpesterreger, als nicht auf Menschen übertragbar. Offensichtlich ist er mutiert.

Wie kommt es immer wieder zu Geflügelpestausbrüchen in Europa?

„Achtung: Wildvogel-Geflügelpest“, heißt es seit November des Jahres 2020 immer wieder auf zahlreichen Hinweistafeln, die auf Geflügelpest-Sperrbezirke aufmerksam machen.

Denn die Wildvögel, so die These des Friedrich-Loeffler-Instituts in seiner Eigenschaft als Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, stellen eine große Gefahr für unser Hausgeflügel dar. Mit dem Vogelzug, so heißt es nach der „Wildvogel-Hypothese“ des Instituts, würden Wildvögel die tödliche Virenlast aus Asien oder, wie im jüngsten Geschehen, aus dem südlichen Sibirien zu uns bringen.

Die Geflügelpest sei demnach ein Naturphänomen, das ähnlich wie eine Flut-katastrophe regelmäßig über uns hereinbrechen würde. Um sich vor ihr zu schützen, müsse man sich eben abschotten und jegliches Geflügel aus der Freilandhaltung in die Stallhaltung verbannen, um die Flut an infizierten Wildvögeln unbeschadet vorbeiziehen zu lassen.

Doch war es nicht, wie so oft in der Geschichte, die Menschheit selbst, die die Naturgewalten unterschätzt hatte und so zum Wegbereiter dramatischer Katastrophen wurde?

Denn seltsam ist, dass die Geflügelpest in der Vergangenheit so gut wie keine Erwähnung in schriftlichen Aufzeichnungen fand. Seltsam ist auch, dass die Häufigkeit an Geflügelpestausbrüchen in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat.

Die Geflügelpest kommt aus Asien zu uns

Die Geflügelpest hat, genau wie jede menschliche Grippewelle, regelmäßig ihren Ursprung in Asien. Dort kommen die Gruppeviren in niedrigpathogener (wenig krankmachender) Form vor allem in wildlebenden Wasservögeln vor. Da Wasservögel an das Grippevirus angepasst sind, zeigen sie in der Regel keine Symptome.

Erst wenn das harmlose Vogelgrippevirus auf Hausgeflügel trifft, das unter schlechten Bedingungen dicht gepfercht in Massentierhaltungen steht, kann das Virus sein tödliches Potential entfalten und zu einem hochpathogenen Geflügelpestvirus mutieren. Die Auswirkungen eines Ausbruchs sind verheerend: Binnen Stunden verendet nahezu der gesamte Bestand des infizierten Hausgeflügels.

Gelangen hochpathogene Geflügelpesterreger aus der Geflügelhaltung zurück in die Umwelt und infizieren dort wildlebende Wasservögel, so kommt es auch bei ihnen zu einem Massensterben, so dass es unwahrscheinlich ist, dass sie die Virenlast nach Art eines Staffellaufs noch über tausende Kilometer hinweg verbreiten können. Dennoch hält das Friedrich-Loeffler-Institut an seiner „Wildvogel-Hypothese" fest. Aber sie steht im krassen Widerspruch zu den Erkenntnissen der Vogelzugforscher, die anhand von Ringdaten-Funden nachweisen konnten, dass die bei uns überwinternden Wildgänse, Wildenten und Wildschwäne fast alle von Nordwestrussland und vom angrenzenden Norden Skandinaviens zu uns kommen, nicht von Südsibirien her. Auch ist nur schwer vorstellbar, dass infizierte Vögel noch weite Strecken fliegen können, denn dafür fehlt es ihnen an Kraft und Ausdauer.  

Verbreitung über Handelswege am wahrscheinlichsten

Wir alle wissen, wie sich im Frühjahr 2020 das Coronavirus von der chinesischen Stadt Wuhan rasend schnell über den gesamten Globus verbreiten konnte.

Erscheint es da nicht wesentlich plausibler, dass auch Geflügelpesterreger über die Handelsrouten der global vernetzten Geflügelindustrie und nicht durch Zugvögel verbreitet werden?

Tagtäglich werden lebendes Geflügel (von der Mastente bis zum frisch geschlüpften Eintagsküken), gefrorenes Geflügelfleisch, Geflügelschlachtabfälle und sogar Geflügeldung über Kontinente hinweg gehandelt und verfrachtet. Da sich hochpathogene Geflügelpesterreger bei niedrigen Temperaturen bis zu drei Monate in Geflügeldung, Federn und Kadavern halten und in gefrorenen Produkten nahezu unbegrenzt lange überleben können, besteht immer die Gefahr, dass das Virus unbemerkt mitreist. Daran werden auch stichprobenartige Kontrollen der Warenströme nur wenig ändern können.

Auch der Umgang mit Milliarden Tonnen Geflügelkot, die jährlich in der Geflügelwirtschaft anfallen, erscheint angesichts der potenziellen Infektionsgefahr sehr problematisch. So ist aus Asien und Südrussland bekannt, dass Geflügelkot aus Geflügelanlagen zur Nährstoffanreicherung in Fischfarmen eingesetzt wird, was dort regelmäßig zu Geflügelpestausbrüchen bei Wildvögeln führt.

In Deutschland sieht es nicht viel besser aus. Als begehrtes Düngemittel darf Geflügelmist direkt aus den Intensivställen und ohne vorherige Desinfektion auf unsere Felder ausgebracht werden. Dieser Mist ist mit Medikamentenrückständen und multiresistenten Keimen angereichert und kann durchaus auch Geflügelpest-Erreger enthalten.

Sogar Biogasanlagen machen ein gutes Geschäft mit dem Geflügelmist. Dabei wird dieser energieträchtige Rohstoff oftmals erst offen auf dem Gelände der Anlagen zwischengelagert.

Wenn dann im Herbst, bei sinkenden Außentemperaturen, der herbstliche Vogelzug einsetzt und die ersten Wildgänse auf unseren Wiesen landen, sollte man vielleicht einmal die Frage stellen: Wer infiziert hier eigentlich wen? Die Wildvögel unser Hausgeflügel oder umgekehrt? Oder haben wir Menschen womöglich selbst den Geist aus der Flasche gelassen und ein hochpathogenes Virus in unseren weltweiten Tierfabriken erst erbrütet und dann per Handel verbreitet?

Ende 2020 wurden wieder Forderungen laut, Wildgänse abzuschießen, um die Seuche einzudämmen. Das ist so, als würde man Fledermäuse zum Abschuss freigeben wollen, um zu verhindern, dass sie erneut auf einem Wildtiermarkt im fernen Asien eine Pandemie bei der Menschheit auslösen können.

Überall, wo Tiere auf engstem Raum gehalten werden, egal ob in einer Geflügelanlage in Russland, einem Putenstall in Deutschland oder auf einem Wildtiermarkt in China, immer gibt man den Krankheitserregern dann die Chance, sich zu neuen und hochpathogenen Erregern und schlimmstenfalls sogar zu einer Zoonose zu entwickeln. Zumindest das sollten wir im laufenden Jahr aus der Corona-Pandemie gelernt haben.

Um zukünftige Geflügelpestausbrüche oder gar weitere Pandemien zu verhindern, müssen wir die „Wildvogel-Hypothese“ als blinden Fleck aus der Forschung ausmustern. Wir dürfen uns nicht mehr scheuen, für die Ausbreitung von Tierseuchen menschliche Aktivitäten in den Blick zu nehmen.

Prof. Dr. Sievert Lorenzen, Svenja Furken

22.02.2021