Die Hühnerzucht und das versteckte Leiden der Elterntiere 

Früher war es gang und gäbe Hennen und Hähne derselben Rasse zu halten und diese als Eier- sowie als Fleischlieferanten zu nutzen. Die Hennen legten die Eier und die Hähne wurden gemästet und gegessen. Die dafür verwendeten Zweinutzungstiere hatten eine moderate Leistung, waren jedoch robust und gesund und man konnte beide Geschlechter “verwenden”. Um einen wachsenden Bedarf an Eiern und Fleisch zu decken, werden ungefähr seit den 1950er Jahren verstärkt Hybridtiere eingesetzt, die entweder speziell für eine hohe Legeleistung oder einen starken Fleischansatz gezüchtet wurden. Damit einher gingen etliche Probleme sowohl für die eingesetzten Hochleistungshybriden als auch für ihre Elterntiere.  

Hochleistungshybride in der Hühnerzucht 

Von Hybridtieren ist die Rede, wenn verschiedene Rassen gekreuzt werden, um bestimmte optimale Eigenschaften zu erhalten. In der heutigen Hühnerzucht dreht sich alles um zwei verschiedene Linien: Legehennen und Masthühner. Legehennen sind darauf ausgerichtet viele Eier zu legen, während Masthühner sehr schnell viel Fleisch ansetzen. Eine Kombination aus beiden Eigenschaften schließt sich genetisch aus – entweder die Tiere haben eine hohe Legeleistung oder einen hohen Fleischansatz. Die schnell wachsenden Masthühnerrassen werden innerhalb von 32 bis 45 Tagen auf ihr Schlachtgewicht gemästet. Die optimierten Legehennen vollbringen eine Legeleistung von bis zu 320 Eiern pro Jahr. Mit Hybridtieren wird nicht weitergezüchtet, denn die definierten Merkmale würden in der nächsten Generation verloren gehen.  

Heute gibt es im Geflügelbereich nur eine Handvoll Konzerne, die den Markt beherrschen (EW-Group, Hendrix/ISA, Grimaud, Tetra und Tyson). Diese bestimmen die Zuchtziele der zukünftigen Generationen und halten die Reinzuchttiere (Großelterntiere). Die Hühner aus diesen Linien werden in drei oder vier Generationen miteinander gekreuzt, bis die gewünschten Ergebnisse bei den Tieren erreicht sind. Die daraus entstehenden Elterntiere werden dann in bestimmten Betrieben vermehrt und die befruchteten Eier in Brütereien ausgebrütet. Diese werden je nach Zuchtlinie als Legehennen- oder Masthühnerküken an die hühnerhaltenden Betriebe verteilt. Bei den Masthühnern werden beide Geschlechter verwendet. Wenn ein Mastdurchgang beendet ist, wird der Stall gereinigt und neue Küken eingestallt. Bei den Legehennen werden nur die weiblichen Tiere in einen Junghennenbetrieb eingestallt und dort ungefähr 18 Wochen aufgezogen. Dann kommen sie in einen anderen Stall (meist auf einem anderen Betrieb) und werden weitere 12 bis 14 Monate als Legehennen verwendet. Neue Küken müssen nach jedem “Durchgang” bei beiden Linien neu gekauft werden, denn eine eigene Zucht wäre zu teuer und die Nachkommen der Hybridtiere würden in ihren Leistungen nicht an ihre Eltern herankommen. So sichern sich die Konzerne zudem ihre Marktmacht. 

Gesundheitsprobleme der Hybriden 

Legehennen und Masthühner leiden als Folge der Hochleistungszucht und der industriellen Haltung oft an Erkrankungen und Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus. Legehennen haben häufig Probleme mit Osteoporose und Knochenbrüchen und Entzündungen der Eileiter. Masthühner leiden aufgrund ihres schnellen Wachstums und des hohen Gewichtes an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beinschwächen sowie schmerzhaften Fuß- und Fersenhöckerentzündungen. Diese Probleme sind vielen bereits bekannt - das Leid der Elterntiere wird jedoch oftmals übersehen. 

Nie endender Hunger der Elterntiere 

Die Elterntiere aus der jeweiligen Linie werden zusammengehalten, oft in Bodenhaltung. Besonders bei den Elterntieren der Masthühner gibt es erhebliche Probleme, denn die Masthuhn-Elterntiere haben eine ähnliche Genetik wie ihre Nachkommen: Das Sättigungsgefühl wurde ihnen weggezüchtet, das heißt die Tiere würden, wenn man sie ließe, die ganze Zeit fressen. Dies ist jedoch unerwünscht, da es ihre Reproduktionsleistung negativ beeinflussen würde. Die Elterntiere würden dann sehr schwer werden und weniger befruchtete Eier legen, aus denen Masthühner schlüpfen könnten. Zudem würden die Hühner sich ein so enormes Gewicht anfressen, dass mit hohen Sterberaten gerechnet werden müsste. Die Lösung der Industrie lautet daher, die Tiere restriktiv zu füttern, das bedeutet sie bekommen nur über einen begrenzten Zeitraum Futter und leiden den Rest des Tages an Hunger. Dies begünstigt die haltungsbedingten Verhaltensstörrungen, wie Leer- oder Objektpicken, vermehrtes Trinken und Unruhe. Die Nutzung von Hybridrassen sollte allein aus diesem Grund eingestellt werden, denn Tiere zu züchten, die zu jedem Zeitpunkt Hunger leiden, ist Tierquälerei.  

Fehlende Haltungsverordnung 

Um die Elterntierhaltung tiergerechter zu machen, muss sie an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden. Die Hühner brauchen mehr Platz, um sich gegenseitig auszuweichen, erhöhte Ebenen und Sitzstangen, um aufzubaumen sowie Versteckmöglichkeiten. Zudem benötigen sie ausreichend Beschäftigungsmaterial und einen Auslauf zum Picken, Scharren, Sonnen- und Staubbaden. In der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung gibt es bisher weder für die Legehennen- noch für die Masthühner-Elterntiere einen speziellen Abschnitt, der die Haltungsbedingungen festschreibt. PROVIEH setzt sich daher für verbindliche gesetzliche Regelungen ein, die auch für die Großeltern- und Elterntiere gelten. Außerdem befürworten wir kleine, bäuerliche Strukturen und die Rückkehr zur Nutzung von extensiven Zweinutzungsrassen in artgemäßer Haltung, die den Bedürfnissen der Hühner angepasst ist. Es sollten nur noch Rassen verwendet werden, bei denen auf eine restriktive Fütterung verzichtet werden kann. 

Kükentöten 

Die männlichen Tiere der Legehennen werden in der Regel nach dem Schlupf getötet, da sie keine Eier legen und nicht so viel und schnell Fleisch ansetzen wie die dafür gezüchteten Masthühner. Eine Aufzucht lohnt sich aus Sicht der Wirtschaft nicht – die männlichen Geschwister der Legehennen gelten daher als überflüssig. Den Küken wurden je nach Geschlecht unterschiedlich lange Federn beziehungsweise Farben des Gefieders angezüchtet. So kann man Männchen und Weibchen gleich nach dem Schlupf identifizieren und auseinander sortieren (sexen). Es gibt inzwischen zwar Ansätze zur Vermeidung des Kükentötens durch eine Geschlechtsbestimmung im Ei und es existieren auch Initiativen zur Bruderhahnaufzucht, dennoch  werden jedes Jahr rund 45 Millionen Küken in Deutschland getötet. Das Töten durch Ersticken mit CO2 kann bis zu 40 Sekunden dauern und kann unter Stress, Angst und möglicherweise Schmerz geschehen. Bis die Bewusstlosigkeit eintritt, kann es außerdem zu Reizungen der Atemwege kommen. Erst 2022 wird voraussichtlich mit dem Kükentöten in Deutschland Schluss sein. 

 

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Mareike Petersen