Pferde damals und heute – geliebt, genutzt, gequält – Teil 1

27.01.2014: Das Pferd – ein Nutztier? Rinder, Schweine und Schafe zählen wir im allgemeinen Sprachgebrauch zu den Nutztieren. Sie liefern Fleisch, Milch, Wolle und Leder. Doch wie ist es beim Pferd? PROVIEH wird in den folgenden Ausgaben des PROVIEH-Magazins einen Einblick in dieses Thema geben.

Vom Wildtier zum domestizierten Tier

In frühester Steinzeit, als die Menschen als Jäger und Sammler das Land durchstreiften, folgten sie den Pferdeherden, um sie als „lebenden Proviant“ zu nutzen. Im späteren Verlauf versuchten sie, die Pferde auf ihren Wanderschaften zu besonders guten Weidegründen zu lenken, denn davon profitierten beide Seiten.

Lange waren der genaue Ort und der Zeitpunkt der Domestikation des Wildpferdes umstritten. Forscher des Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung, des Deutschen Archäologischen Institutes (beide in Berlin) und des Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchten in Kooperation mit amerikanischen und spanischen Spezialisten sehr alte DNA-Proben. Mithilfe der Analyse von Farbgenen gelang es ihnen 2009, das Rätsel zu lösen: Wildpferde wurden im 3. Jahrtausend v. Chr. in der Ponto-Kaspischen-Steppe (heutiges Russland, Kasachstan, Ukraine, Rumänien) domestiziert.

Bis zum 2. Jahrtausend v. Chr. waren die Pferde in ganz Europa verbreitet. Mit einem Stockmaß von 120 Zentimetern waren sie relativ klein. Zunächst dienten sie als Zugtiere. Funde, die das Reiten in unseren Breiten belegen, finden sich erst ab der Eisenzeit, also ab 800 v. Chr. In den folgenden Jahrhunderten war das Pferd ein unverzichtbarer Begleiter des Menschen. Viele Kriege wurden auf dem Rücken der Pferde gewonnen, neue Lebensräume wurden erst dank ihres Einsatzes erschlossen. Und für die Landwirtschaft wurden sie zu unverzichtbaren Arbeitstieren, die Egge und Pflug zogen und die schweren Wagen mit der Ernte heimbrachten.

Pferde im Krieg und als Freizeittier

Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten rund drei Millionen Pferde und Maultiere als Reit-, Zug- und Tragtiere allein im Dienste der deutschen Wehrmacht und leisteten Unglaubliches. Über 60 Prozent von ihnen starben im Kriegsgeschehen. Nach dem Krieg nahm die Technisierung in der Landwirtschaft ihren Lauf. Die Arbeitspferde wurden von Beginn der 50er bis zum Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts weitestgehend durch landwirtschaftliche Maschinen ersetzt. Gab es laut Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN = Fédération Équestre Nationale) im Jahre 1950 noch 1,57 Millionen Pferde in der damaligen Bundesrepublik Deutschland, so waren es 1970 nur noch 252.000 Tiere.

Umgekehrt wurden Pferde als Freizeitpartner in der Reiterei immer beliebter. Es entstanden Pensionsställe und Reitschulen. Eine Studie der FN ergab für das Jahr 2001 über eine Million Pferde und Ponys und 1,6 bis 1,7 Millionen Menschen, die reiten. Die Reiterei ist mittlerweile ein beliebtes Hobby in Deutschland. Deswegen wurden Reitsport und Freizeit-Pferdehaltung zu wichtigen Wirtschaftsfaktoren.

Doch so vielfältig wie die Pferderassen – vom Minishetty bis zum schweren Kaltblüter – sind auch ihre Nutzung und ihr Stellenwert in der Gesellschaft. Einerseits sind sie Freizeit-Reitpartner, Sportpferde, Kutschpferde, Zugtiere in Holz-Rückebetrieben, Touristenattraktionen, andererseits aber auch Milch- und Fleischlieferanten.

Auf der einen Seite sehen wir in dem Hobby-Pferd einen geliebten Begleiter, der im besten Aktiv-Laufstall und auf großzügigen Weiden mit seinen Artgenossen seinen arteigenen Bedürfnissen nachkommen darf und ein langes friedliches Leben führt. Auf der anderen Seite leidet zum Beispiel das Haflingerfohlen, welches nach vier bis sechs Monaten auf der Alm lange Transportwege und eine häufig folgende Anbindemast ertragen muss, um am Ende seines kurzen Lebens in einem süditalienischen Schlachthof nach einem falsch gesetzten Bolzenschuss qualvoll zu sterben. Bei keinem anderen Nutztier ist die Varianz der menschlichen Zuwendung so groß wie beim Pferd.

Das Pferd als Fleischlieferant

Nach Angaben der EU-Kommission verspeisen die EU-Bürger jährlich und wissentlich 110.000 Tonnen Pferdefleisch. 70.000 Tonnen davon stammen aus europäischer Zucht. Besonders die Italiener lieben Pferdefleisch. Etwa ein Kilogramm pro Kopf und Jahr verzehren sie, in Luxemburg sind es 600 Gramm, in Frankreich 350 Gramm und in Deutschland nur zwischen 40 und 50 Gramm. Insgesamt wurden in Deutschland 2012 acht Millionen Tonnen Fleisch erzeugt, davon aber nur rund 3.000 Tonnen Pferdefleisch.

Viele private Pferdehalter lassen ihre lieb gewonnenen Pferde bei unheilbarer oder schwerer Krankheit im heimischen Stall einschläfern. Deren Fleisch landet also nicht auf unseren Tellern. Allerdings wurden 2012 in Deutschland immerhin 11.250 Pferde für den menschlichen Verzehr geschlachtet. Sie stammten aus privater Hand, von Sportlern, Züchtern und von Landwirten. Das Leben dieser Pferde endete beim regionalen Pferdeschlachter. In der gesamten Europäischen Union (EU) wurden 2011 214.000 Pferde geschlachtet, die meisten allerdings in Südeuropa.

Die Statistiken lassen Böses erahnen. Ein großer Teil der Pferde wird nicht regional in ihren Heimatländern geschlachtet. Von Sammelstellen starten große Transporter aus Osteuropa (Polen, Rumänien, Ungarn oder Litauen), Spanien und Frankreich und bringen geschätzte 100.000 Pferde auf bis zu 36 Stunden dauernden Transporten meist in süditalienische Schlachthöfe. Auch Pferde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz landen dort. Einige diese Schlachthöfe wurden erst kürzlich mithilfe von Fördergeldern modernisiert. Nicht wenige der Pferde sind bei der Ankunft am Ende ihrer Kräfte, viele von ihnen zudem verletzt. Da das Pferd ein Fluchttier ist und äußerlich klaglos auch starken Schmerz zu ertragen scheint, bleibt das wahre Leiden der Tiere oftmals verborgen. Pferde leiden still.

PROVIEH wird auf unserer Internetseite sowie in den folgenden Ausgaben dieses Magazins über das Schicksal der Schlachtpferde sowie zu weiteren kritischen Themen rund um das Nutztier Pferd berichten.

Kathrin Kofent

Diesen Beitrag finden Sie auch im PROVIEH Magazin 04-13