Rinder

 

Ein Rinderleben in Deutschland

Kuhmilch ist ein fester Bestandteil unseres Nahrungsangebotes. In jedem Supermarkt finden wir zahlreiche Tetrapacks mit werbungsträchtigen Namen wie „Landmilch“ oder „Weidemilch“.

Das Leben einer heutigen Hochleistungskuh hat allerdings nichts mehr mit dem romantischen Wiesenalmklischee gemein. Damit eine Kuh Milch geben kann, muss sie ein Kalb gebären. Nach zwölf bis vierundzwanzig Stunden wird es von der Mutter getrennt. Anschließend wird die Kuh so schnell wie möglich wieder besamt. Die Wahl des Erbguts spielt dabei eine große Rolle. Ein einziger „Spitzenzuchtbulle“ kann an die 100.000 Nachkommen haben.

Im Durchschnitt konsumiert jeder Deutsche sechzig Liter Milch im Jahr. Für die Deckung dieses Bedarfs sorgen mehr als vier Millionen Milchkühe (meist Holstein-Friesian). Obwohl es immer weniger Milchkühe und Milchviehbetriebe gibt, hat sich die Milchproduktion in den letzten hundert Jahren verdreifacht. Bei manchen Hochleistungskühen liegt die Milchleistung bei über 10.000 Liter pro Jahr. Parallel zum Leistungsanstieg haben jedoch die Gesundheitsprobleme zugenommen. Um eine hohe Milchleistung zu erbringen, muss eine Hochleistungskuh mit einem hohen Anteil an Kraftfutter gefüttert werden. Darauf ist ihr Verdauungssystem jedoch nicht eingestellt. Nach zwei bis drei Jahren als Milchkuh werden die Tiere aufgrund von „Fruchtbarkeitsstörungen“, Euter- und Klauenerkrankungen geschlachtet. Diese Extremzuchten erreichen etwa ein Alter von fünf Jahren. Bei guten Haltungsbedingungen kann eine Kuh hingegen zwanzig Jahre alt werden.

Mastrinder

Auch das Fleisch von Mastrindern gehört zum Alltagsangebot. In Deutschland gibt es etwa acht Millionen Mastrinder. Gemästet werden Rinderrassen die ausschließlich zur Fleischgewinnung gezüchtet werden, aber auch die männlichen Kälber der Milchrassen. Hinzu kommt das Fleisch von Milchkühen, die nicht mehr genug Leistung bringen können und deshalb geschlachtet werden. Auch Mastrinder bekommen einen hohen Anteil an Kraftfutter, um schnell das benötigte Mastgewicht zu erreichen. Als Wiederkäuer ist ihr ursprüngliches Verdauungssystem jedoch auf Grünfutter eingestellt. Deshalb kommt es oft zu erheblichen Stoffwechselstörungen. Da die männlichen Kälber der Milchrassen genetisch weniger Muskelfleisch ansetzen, haben sie keinen großen wirtschaftlichen Wert, so dass sie oftmals vernachlässigt werden. In der Aufzuchtsphase liegen die Verluste durch Krankheiten bei durchschnittlich zehn Prozent.

Verhaltensstörungen und Krankheiten

Beim Fressen, Liegen und Laufen halten artgerecht gehaltene Rinder zumeist einen Mindestabstand von 0,5 bis fünf Metern zueinander ein. In der Regel werden Milchkühe aber ganzjährig im Stall gehalten. Auf die Weide kommen sie höchstens nur dann, wenn sie „trockenstehen“, d.h. in den zwei Monaten vor der nächsten Geburt, in denen sie nicht gemolken werden. Auch Mastrinder verbringen oftmals ihr ganzes Leben in intensiver Stallhaltung auf Vollspaltenböden. Hier hat ein 600 Kilogramm Mastbulle lediglich drei Quadratmeter Platz. In dieser drangvollen Enge ist natürliches Verhalten nicht mehr möglich. Verhaltensstörungen sind die Folge. Zudem wird mehr als ein Drittel der Kühe in Anbindehaltung gehalten. Artgemäße Bewegungs- oder Verhaltensweisen sowie das Pflegen von Sozialkontakten sind hierbei unmöglich. Durch die Vollspaltenböden kommt es zu Gelenk- und Klauenverletzungen. Besonders betroffen sind zudem die Schwanzspitzen, die sich durch Trittverletzungen schnell entzünden. Fünfzig bis neunzig Prozent der Tiere sind davon betroffen. Auch die Laufstallhaltung führt zu Stress, weil rangniedrigere Tiere Ranghöheren nicht ausweichen können. Um die Tiere enger halten zu können werden ihnen als Kälbern die Hörner entfernt. Dieser Vorgang ist schmerzhaft, denn die Hörner sind von Nerven durchzogen und durchblutet. Nach achtzehn Monaten ist die intensive Rindermast beendet. Die Weidemast dauert in der Regel zwei Jahre.

Weidehaltung vs. Nahrungskonkurent

Rinder sind für die extensive Landwirtschaft von ganz besonderer Bedeutung. Sie verwerten auch Pflanzen, die auf Flächen wachsen, wo kein Ackerbau betrieben werden kann. Die ganzjährige Weidehaltung wäre damit die umwelt- und tierfreundlichste Rinderaufzucht überhaupt. Stattdessen werden die Rinder in der industriellen Intensiv-Tierhaltung mit kostbarem, importiertem Sojakraftfutter gefüttert. Angebaut auf Ackerflächen aus Brandrodung, in direkter Nahrungskonkurrenz mit Menschen ärmerer Weltregionen. PROVIEH macht seit langem auf diese globalen Zusammenhänge aufmerksam.

Langfristig fordert PROVIEH die Umstellung von der intensiven, industriellen Haltung auf tierfreundliche Haltungssysteme, mit täglich freiem Zugang zur Weide. Die Mutterkuhhaltung stellt dabei ein artgerechtes Haltungssystem dar, denn es ist eine natürliche, umweltschonende, landschaftserhaltende und energiesparende Variante. Die Tiere werden in der Herde gehalten und die Kälber können lange bei der Mutter bleiben. Die gesundheitlichen Probleme aus der Extremzucht ließen sich durch die verantwortungsvolle Züchtung einer gesunden „Zweinutzungsrasse“ lösen. Eine Rinderrasse, die Milch als auch Fleisch liefert, würde sowohl die Umwelt schonen als auch dem Tierwohl zugutekommen. Auf teures, importiertes Kraftfutter kann und muss weitestgehend verzichtet werden.

Dafür setzt sich PROVIEH ein:

  • Verbot von Enthornung (außer aus medizinischen Gründen) und absolutes Verbot der betäubungslosen Enthornung bzw. des Abbrennens der Hornabsätze
  • Senkung der Besatzdichte in den Ställen und ausreichend Stroh als Liegefläche; Abschaffung der Vollspaltenböden und Weidehaltung im Sommer für alle Rinder
  • Langfristig: Einführung von extensiver, ganzjähriger Freilandhaltung
  • Züchtung auf Gesundheit und angemessene Lebensleistung statt auf hohe Jahresleistung
  • Förderung des gewerblichen Einsatzes von gesunden und robusten „Zweinutzungsrassen“, die weitgehend mit Rauhfutter versorgt werden können
  • Wirksame Kontrollen beim Schlachten und Nachbetäubung im Zweifelsfall

Weiterführende Informationen:

Infoschriften zum Download:

Buchtipps:

  • Der Murks mit der Milch. Gesundheitsgefährdung durch Milch. Genmanipulation und Turbokuh. Vom Lebensmittel zum Industrieprodukt: Dr. med. Max Otto Bruker und Dr. phil. Mathias Jung. (2001)
  • "Blutmilch": Romuald Schaber