Stellungnahme zur Anhörung im Landtag SH - Tierexporte stoppen

Mündliche Anhörung des Umwelt- und Agrarausschusses am 08. Mai 2019

Stellungnahme von PROVIEH e. V. zu „Tierexporte in tierschutzrechtlich problematische Staaten stoppen“

Tiertransporte in Drittländer

PROVIEH spricht sich generell gegen Tiertransporte außerhalb der Europäischen Union aus, da diese für die Tiere in der Regel mit Stress, Leiden und auch Schäden in Verbindung gebracht werden müssen.

Unter diesen Gesichtspunkten sind Tiertransporte nicht mit der Deutschen Gesetzgebung vereinbar. Wir beziehen uns hierbei auf das deutsche Tierschutzgesetz, sowie die deutsche Transport- und Schlachtverordnung.

Das Tierschutzgesetz gibt vor, dass keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Schäden oder Leiden zugefügt werden dürfen. Dies gilt auch für die Tiertransport-Verordnung, die aufführt, dass beim Transport von lebenden Tieren jegliches Risiko in Bezug auf Verletzungen oder unnötiges Leiden ausgeschlossen werden muss. Auch die Schlachtverordnung kollidiert mit den Schlachtmethoden im Zielland, denn hier ist weder eine Betäubung vor Tötung sichergestellt, noch werden Stress, Leiden und Schmerzen bei der Schlachtung vermieden.

Dokumentation der Missstände bei Tiertransporten

Seit vielen Jahren dokumentieren seriöse Organisationen regelmäßige, gravierende Missstände bei Tiertransporten in Drittländer. Die transportierten Tiere leiden unter Hitze, Enge, Mangel an Futter und Wasser, Verletzungen und Krankheit. Wie die immer wiederkehrenden sehr verstörenden Dokumentationen zeigen, handelt es sich hierbei nicht um Einzelfälle, sondern um jahrzehntelanges, geduldetes Tierleid.

PROVIEH fordert daher eine Null-Toleranz-Politik. Da Missstände und Rechtsbrüche bei Tiertransporten in Drittländer nicht zuverlässig ausgeschlossen werden können, muss auf den Export von lebenden Tieren verzichtet werden.

Geplante Datenbank für Tiertransporte

Eine Datenbank, die Routen, Entlade- und Versorgungsstationen, Wetterbedingungen und Zielorte dokumentiert und bewertet, hätte bereits im Rahmen der Einführung von TRACES erfolgen müssen. Nun, nach jahrzehntelanger, ausgiebiger Dokumentation von Missständen wäre die logische Konsequenz, gänzlich auf Tiertransporte in Drittländer zu verzichten. Stattdessen wird aktuell an der Ausgestaltung einer deutschen Datenbank zur Datenerfassung und -auswertung für Deutschland gebastelt, die zum Ziel hat, weiterhin Tiertransporte in Drittländer zu legitimierten, aber das Risiko von Tierleid bei Transporten in Drittländer nicht verhindern wird.

Daher halten wir die Einführung einer deutschen Datenbank zur Erfassung und Bewertung von Transportrouten außerhalb der Europäischen Union als nicht geeignet, um Missstände bei Tiertransporten sicher ausschließen zu können.

Aufbau von Zuchtlinien in Drittländer

Unsere deutschen Milchvieh-Zuchtlinien eignen sich selten zum Zuchtaufbau in Drittländern. Häufig führen klimatischen Bedingungen, Futter und Managementfehler zu Leistungseinbrüchen und vorzeitigem Abgang. Dies haben mehrere Vor-Ort-Berichte internationaler Tierschutzorganisationen bestätigt. Vielmehr sollte in den jeweiligen Ländern eine heimische Leistungsrasse aufgebaut und optimiert werden, die den Gegebenheiten angepasst ist. Dies würde allerdings die Nachfrage nach deutschen Tieren zum Erliegen bringen und ist somit nicht erwünscht, denn die deutsche „Überproduktion“ muss dringend das Land verlassen.

Wie störanfällig das System der Milchviehhaltung ist, zeigt sich aktuell am Beispiel der BTV-Sperrgebiete. Wegen der eingeschränkten Transport- und Exportmöglichkeiten herrscht in einigen Bundesländern ein teilweise dramatischer Überschuss an Kälbern. Normalerweise wird ein nicht unerheblicher Anteil der Kälber zur Mast ins Ausland verkauft. Wegen BTV-Ausbrüchen in einigen Bundesländern müssen die Tiere nun in der Region, bzw. im Betrieb verbleiben. Hierdurch entstehen hohe Kosten für Futter und Stallkapazitäten, die vom Milchviehhalter keinesfalls durch den viel zu geringen Milchpreis abgedeckt werden können.

Systemfehler

Die deutsche Überschussproduktion in der Milchwirtschaft fordert ihren Tribut. Die Folgen sind zu große Tierbestände, Hochleistungstiere, unzureichende Milchpreise und zu viele Kälber. Weniger leistungsfähige Tiere, männliche Kälber von Milchkühen und sogar „ein Zuviel“ an weiblicher Nachzucht können vom schwachen Milchpreis nicht mitgetragen werden. Aus diesem Grund muss der Export von Rindern in Drittländer aufrecht erhalten werden. Das „System Milch“ funktioniert nur unter diesen Bedingungen. Ein regelrechter „Verschleiß“ an Hochleistungsmilchkühen mit einer Lebenserwartung von nur etwa 5 Jahren, der Transport von 14 Tage alten männlichen Kälbern zur Kälbermast ins benachbarte EU-Ausland und der Export von Milchkühen in Drittländer stützen ein krankes System und erhalten es auf Kosten der Tiere künstlich aufrecht.

Umdenken

Das Elend der Tiere bei Langstreckentransporten in Drittländer ist ein grausamer „Nebeneffekt“ der industrialisierten Nutztierhaltung und einer fehlgeleiteten Agrarpolitik. Statt der Stärkung regionaler, nachhaltiger und tierfreundlicher landwirtschaftlicher Strukturen, werden Tiere und Landwirte zur Dumpingpreis-Produktion im Weltmarkt getrieben. Wohl wissend, dass dies nur auf Kosten von Mensch und Tier umsetzbar ist.

PROVIEH fordert daher nicht nur ein Ende der Tiertransporte in Drittländer, eine Transportbegrenzung auf 8 Stunden innerhalb der Europäischen Union, sowie 4 Stunden innerhalb Deutschlands, sondern ein generelles Umdenken der Nutztierhaltung. Hierzu zählen wir:

‣ Den Einsatz von Zweinutzungsrassen, die sich sowohl zur Fleisch- als auch zur Milchgewinnung eignen.

‣ Eine Reduzierung der Milchleistung und ein Fokussieren auf die Lebensleistung.

‣ Einen angemessener Milchpreis für eine tiergerechte und nachhaltige Milcherzeugung.

‣ Eine artgemäße Haltung und Fütterung der Tiere, die zur Kostenreduktion und zur Schonung der Umwelt beiträgt.

 

Angela Dinter Fachreferentin für Tiertransporte PROVIEH e. V.