Wolle in Deutschland – ein Wegwerfprodukt?

Das Schaf als Haus- und Nutztier begleitet den Menschen seit Tausenden von Jahren. Bereits vor 10.000 Jahren wurde das Mufflon als Stammform der heutigen Schafrassen domestiziert und ist damit eines der ältesten domestizierten Tiere überhaupt. Es wurde vor allem seines Fleisches und seiner Wolle wegen gehalten. Um die Wolle für die eigenen Bedürfnisse verwerten und an die längere und weichere Unterwolle gelangen zu können, unterband der Mensch den jahreszeitlich bedingten Wollwechsel durch Züchtung. In Deutschland spielte das Schaf früher als Wolllieferant eine große Rolle, doch heute wird es vor allem seines Fleisches wegen gehalten. Wolle ist in vielen Fällen für deutsche Schafzüchter nur noch ein „Nebenprodukt“.  

 

Wolle hat hervorragende Eigenschaften. Sie kann ein Drittel ihres Gewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen und ist:

 

  • schwer entflammbar
  • atmungsaktiv und warm
  • geruchsneutral
  • antibakteriell und langlebig

 

Eine Frage der Qualität

Beschäftigt man sich mit den Gründen für den Rückgang der deutschen Wollproduktion, stößt man – neben dem steigenden Wettbewerb von Wolle mit pflanzlichen und synthetischen Fasern – immer wieder auf das Argument der Wollqualität. Diese entscheidet maßgeblich, für welches Produkt Wolle verarbeitet werden kann. Für die Bekleidungsindustrie sind besonders feine Wollfäden vonnöten, für einen Wollteppich werden rauere Wollfasern verwendet. Das Vlies (von lateinisch vellus „Wolle“, die zusammenhängende Wolle eines Schafes nach der Schur) unterscheidet sich je nach Rasse: Es gibt feinwollige Vliese (Merinolandschaf), mischwollige Vliese (Steinschaf, Heidschnucke, Rauwolliges Pommersches Landschaf) und schlichtwollige Vliese (Leineschaf, Brillenschaf). Für Kleidung wird vor allem die feine, nicht kratzende Wolle des Merinoschafes verwendet. Dieses ist das weltweit am häufigsten gehaltene Feinwollschaf – seine Wolle ist dreimal feiner als klassische Wolle. Sie ist stark gekräuselt, weich, leicht, elastisch und kratzt nicht. Merinowolle lässt sich zu einem besonders feinen Wollfaden verarbeiten, der sich gut für Kleidung gut.

Die Wollfeinheit wird in Mikron (ein Tausendstel Millimeter) gemessen. Die feinste Wolle liefert das Merinoschaf. In Deutschland liegt die Qualität der Merinowolle bei 26-28 Mikron, in Australien, Neuseeland und China bei 14-21 Mikron. Die Wolle von Fleischschafen weist 30 Mikron und die Wolle von Landschafrassen 32 bis 34 Mikron auf. Zudem ist die Farbgebung der Wolle ein entscheidendes Kriterium. Die Wolle des Pommernschafes beispielsweise hat oft eine graue Färbung. Das daraus entstandene Tuch lässt sich schlecht bis gar nicht einfärben und eignet sich demnach nicht für die Kleidungsproduktion.

Heute kommt Merinowolle hauptsächlich aus Australien, Neuseeland und China. Die dortigen Züchter haben die Wollqualität auf ein großes Maß an Homogenität, Länge und Festigkeit gebracht, zudem ist die Wolle hochweiß und extrem fein. Die hohe Wollqualität wird sowohl durch das Klima als auch durch die kargen und sandigen Böden beeinflusst, die anderes Futter liefern. Auf dem Weltmarkt für Wolle kann Deutschland in der Qualität nicht mit diesen Ländern konkurrieren. Deren große Landesflächen erlauben zudem Herden von manchmal 10.000 Schafen, wodurch ein einzelner Züchter riesige Mengen Wolle produzieren kann. In Deutschland sind solche Herdengrößen unvorstellbar. Die großen produzierten Mengen erlauben es den Schafzüchtern, Wolle zu einem geringen Preis anzubieten.

 

Wolle – nichts mehr wert?

Viele Schäfer haben begonnen, ihre Wolle wegzuwerfen. Es lohnt sich schlichtweg nicht mehr, die Wolle zu verkaufen. Pro Schur liefert ein Schaf drei bis vier Kilogramm Wolle. Dafür erhält der Schäfer etwa 30 bis 80 Cent pro Kilogramm Mischwolle, für feine Merinowolle gibt es vielleicht 1,40 Euro. Die Schur kostet zwei bis fünf Euro pro Tier. Hinzu kommen die Arbeitszeit für das Sortieren der Wolle, die Transport- oder die Portokosten. Da gerät der Schafhalter unterm Strich ins Minus. Wer Glück hat, dem nimmt der Scherer die Wolle kostenlos ab, andere kompostieren sie oder nutzen sie als Wärmedämmung im Haus. Wolle, die über einen Wollhändler verkauft wird, geht zur weiteren Verarbeitung zu 80 Prozent ins Ausland. Dort wird sie gewaschen, gekämmt und gesponnen. China ist der weltweit größte Wollveredler. Dort wird deutsche Mischwolle häufig zu Teppichen, Industriefilz, Wollpellets oder Dämmmaterial weiterverarbeitet. Feine deutsche Wolle mit einer hohen Qualität wird besonders feiner Wolle untergemischt. 

Um deutscher Wolle wieder mehr Wert zu geben und die heimische Produktion zu fördern, gibt es wieder einige Firmen, die Wollprodukte komplett in Deutschland produzieren und nur heimische Wolle verarbeiten.

Svenja Taube   

 

Problemfeld Mulesing

 

Der größte Teil der Merinowolle wird in Australien produziert. Dort gehört das sogenannte Mulesing auf den meisten Farmen zum Standard. Bei diesem Eingriff werden den Lämmern Teile der Haut um den After – in der Regel ohne Betäubung – weggeschnitten. Das Mulesing wurde überhaupt erst zur Praxis durch die Überzüchtung der dort gehaltenen Schafe auf viele Hautfalten, damit sie einen hohen Wollertrag liefern. In den Falten um den After sammeln sich Fäkalien. Dies bietet ein ideales Milieu für Fliegen, die dort ihre Larven ablegen. Nach dem Schlüpfen fressen sich die Maden in die Haut der Schafe. Ohne Behandlung würde dies zu einem langsamen und qualvollen Tod der Schafe führen. Das Mulesing soll diesem Problem Abhilfe schaffen, denn auf der vernarbten Haut können sich die Maden schlechter einnisten. Die Farmer begründen den Eingriff als das geringere Übel. Doch nur 30 Prozent der Farmer wenden ein Schmerzmittel an und die Wunden der Lämmer werden oftmals nicht medizinisch versorgt. Die Alternativen zum Mulesing bedeuten für den Farmer höhere Kosten und mehr Arbeitsaufwand, denn die Schafe müssten mehrmals im Jahr um den Schwanz herum das Fell gestutzt bekommen. Eine zweite Alternative wäre, die Schafe mit Insektiziden zu besprühen, allerdings beginnen die Fliegen bereits, resistent zu werden. Die langfristige und tiergerechte Lösung des Problems wäre eine Rückzüchtung und damit das Wegzüchten der Falten um den After herum. Für den Verbraucher ist es schwer zu erkennen, ob Wolle ohne Mulesing produziert wurde, denn viele Siegel sagen nichts über das Tierwohl aus. 

 

Fotos oben: ardiss hutaff/unsplash; unten: Paul hanaoka/unsplash