Abgründe der Hochleistungszucht

12.12.2013: Die TV-Reportage Report Mainz veröffentlichte am 10.12.2013 erschütternde Aufnahmen von der Tötung „überzähliger“ Ferkel in Zuchtbetrieben. Die Bilder zeigen, wie grauenhaft der Missbrauch von Nutztieren als Produktionsmittel mittlerweile in den industriellen Strukturen ausgeprägt ist. PROVIEH fordert die deutsche Schweineindustrie auf, endlich auf die Verbesserungsvorschläge des Fachvereins einzugehen. Es ist allerhöchste Zeit.

Bei den erschütternden Aufnahmen ist zu sehen, wie Ferkel brutal erschlagen wurden, weil sie offenbar zu wenig wirtschaftlichen Ertrag versprächen oder besonderer Pflege bedürften. Nach Angaben des Senders entstanden die Bilder in drei deutschen Ferkelzuchtbetrieben in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Report Mainz stützt sich dabei auf verdeckte Ermittlungen von Tierrechtsaktivisten. Während die Aufnahmen bei den meisten Menschen zu Recht Bestürzung und Grauen hervorrufen, versuchen Lobbyisten der Agrarindustrie die Probleme auf „schwarze Schafe“, also wenige unglückselige Ausnahmefälle abzuwälzen.

PROVIEH hingegen weiß, dass diese Grausamkeit weithin System hat. Sie ist eine  erschreckende Folge des Produktivitäts- und Leistungswahns in der industriellen Massentierhaltung. Das muss sich ändern und dafür kämpft PROVIEH. Nun hat auch der mecklenburgische Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) die Generalstaatsanwaltschaft in Rostock eingeschaltet, um zu prüfen, inwieweit die Betriebe gegen das Tierschutzgesetz verstoßen haben.

Künstlich hochgezüchtete Fruchtbarkeit als Ursache

Hauptgrund für die Ferkeltötungen ist eine seit Jahren fehlgeleitete Zucht in Richtung immer höherer Ferkelzahlen pro Wurf beziehungsweise pro Sau und Jahr. Von Natur aus hat jede Sau eine physiologische Grenze für die Aufzucht ihrer Ferkel, nämlich 14 Zitzen. Meist sind aber ein bis zwei Zitzen etwas verkümmert, so dass eine Sau im Durchschnitt 12 bis maximal 13 Ferkel pro Wurf ernähren kann. Die Hochleistungszucht hat allerdings hat auch hier schon „Fortschritte“ gemacht und selektiert gezielt auf Sauen mit 16 Zitzen.

Findet ein Ferkel keine funktionsfähige Zitze bei seiner Mutter, so wäre es ohne weiteres menschliches Zutun zum Verhungern verdammt. Im günstigsten Fall werden solche „überzähligen“ Ferkel an eine Ammensau versetzt. Das lohnt sich wirtschaftlich nur, wenn sie ein vielversprechendes Geburtsgewicht haben. Deshalb ist der Anreiz groß, die „Kümmerer“ (Ferkel unter ca. 800-900 g Geburtsgewicht) gleich zu töten, weil ein Aufzuchtversuch unwirtschaftlich wäre: Falls die Tiere später doch eingehen oder kränkelnd und schwach einfach nicht schnell genug zulegen, rechnet sich der Einsatz von Muttermilch und Futter für die Ferkelerzeuger nicht.

Produktivität über Alles?

Einige Betriebe versetzen überzählige Ferkel in kleine Container, die beschönigend „künstliche Ammen“ oder „Rescue decks“ (deutsch: „Rettungsdecks“) genannt werden. Ursprünglich waren die mal gedacht, um die Ferkel zu retten, falls eine Sau bei der Geburt stirbt. Heute jedoch werden sie von vielen Betrieben systematisch zur Aufzucht genutzt. Das bedeutet für die Ferkel, völlig mutterlos mit gleichaltrigen Tieren in einer Art größeren Wurfkiste mit Ersatzmilch aufgezogen zu werden. Dadurch entwickeln sie häufiger Verhaltensstörungen wie Nabelsaugen, Bauchstubsen und Schwanzbeißen – ein weiteres, gravierendes Problem der modernen Schweinehaltung.

Infolge der heutigen Hochleistungszucht werden solche künstlichen Ammen immer häufiger eingesetzt. So gebären Sauen des dänischen Unternehmens DanZucht im Durchschnitt oft schon über 20 Ferkel pro Wurf. Trotzdem überleben bei 2,3 bis 2,4 Würfen im Jahr von über 45 geborenen Jungtieren pro Sau und Jahr aber nur rund 30 abgesetzte Ferkel. Das restliche Drittel stirbt entweder vor oder während der Geburt, wird als „zu schwach“ erschlagen oder erliegt später seinen zu schlechten Startvoraussetzungen (zum Beispiel niedriges Geburtsgewicht) aufgrund von Krankheiten.

„Natürliche Selektion“ pervertiert

Was man bei allem Entsetzen über die grausamen Fernsehbilder nicht vergessen darf: Die Euthanasie von sterbenden oder nicht lebenstauglichen Ferkeln war schon immer Teil der Ferkelerzeugung und wird es auch bleiben; denn nicht alle Ferkel kommen lebensfähig zur Welt. Das ist ganz natürlich – in freier Wildbahn würde eine Sau solche nicht lebensfähigen Jungtiere sogar auffressen. Früher jedoch betraf der frühe Tod nur wenige Ferkel auf einem Betrieb, heute ist die Ferkel-Euthanasie im Zuge der Hochleistungszucht zum traurigen Standardprogramm geworden.

Das Erschlagen oder Verenden lassen von Ferkeln als Folge einer irregeleiteten Zucht ist aus Sicht von PROVIEH absolut inakzeptabel und ethisch nicht vertretbar. Der Verein setzt sich deshalb seit langem dafür ein, dass solche einseitigen Hochfruchtbarkeits-Zuchtziele wirksam vermieden werden. Ein Verbot in Deutschland würde allerdings alleine nichts ändern, weil die Zuchtunternehmen oft im Ausland ansässig und international tätig sind. Deshalb muss die Branche zuallererst einmal dafür sorgen, dass sie nach anderen Maßstäben arbeitet. Sie darf nicht länger ethische Ansprüche ihrer Kunden den eigenen ökonomischen Zielen unterordnen.

Handlungsansätze

Deshalb fordert PROVIEH, dass das Problem an der Wurzel angepackt wird. Statt einseitig auf möglichst hohe Ferkelzahlen sollte auf solide Wurfzahlen hin gezüchtet werden, ausgerichtet an der natürlichen Zitzenzahl der Muttersauen sowie hohen Geburtsgewichten, Vitalität der Ferkel und guter Kondition der Sauen.

PROVIEH begrüßt deshalb den Entwurf der nordrhein-westfälischen Landesregierung für eine Bundesratsinitiative, der unter anderem die „Einholung einer tierärztlichen Beratungsleistung bei vermehrten Totgeburten oder Verlusten während der Aufzucht“ vorsieht.

In der Zwischenzeit aber rufen wir alle Schweinehalter und ihre Verbandsvertreter dazu auf, die in den Medien aufgezeigten grauenhaften Missstände endlich wirksam in den eigenen Reihen zu bekämpfen. Und die Landesregierungen müssen die Kontrolldichte und -qualität erhöhen. Es kann nicht sein, dass ein Tierhalter nur alle 10 bis 20 Jahre vom Veterinäramt geprüft wird, wie aus den Medienberichten hervorging; denn dann ist der ökonomische Anreiz zu Fehlverhalten zu groß und die Gefahr entdeckt zu werden zu klein.

Unabhängig von besseren und vermehrten staatlichen Kontrollen müssen Tierhalter aber der Moral mehr Rechnung tragen. Wenn ein Tier getötet werden muss, dann muss diese Tötung immer tierschutzgerecht unter Betäubung und bei bestmöglicher Vermeidung von Leid vorgenommen werden. Das gebietet nicht nur das Gesetz, es ist auch eine Frage der Ethik. Tiere sind fühlende Wesen mit einem breiten Spektrum an Empfindungen. Dazu gehören auch Schmerz und Angst. Tiere unbetäubt gegen Wände zu klatschen, halbtot geschlagene Ferkel in eine Tonne zu werfen oder leidende Tiere einfach verenden zu lassen ist grausam und einer modernen Gesellschaft absolut unwürdig. PROVIEH sagt: RespekTiere leben!

 

Sabine Ohm

Fotos: © PROVIEH


Quellen und weiterführende Informationen