Achtsames Pferdetraining – zwölf Fragen an Herdis Hiller

 

Herdis Hiller ist Pferdepsychologin und Mitglied im Kompetenzverband Pro Pferd. Die 37-Jährige gibt Trainings, Lehrgänge und Seminare zum Thema Pferdeverhalten und betreut Pferd-Mensch-Paare bei Konflikten oder wenn es darum geht, eine bessere Einheit zu werden. 

 

1. Was macht Ihren Umgang mit Pferden und Ihr Training mit Pferd und Mensch so besonders?

Beides findet immer aus der psychologischen Sicht des Pferdes statt, denn nur wenn wir Pferde wirklich verstehen und uns ihnen gegenüber verständlich ausdrücken können, ist eine wirkliche Kooperation überhaupt möglich. Es geht mir nie um das Absolvieren und Einüben von Lektionen, sondern darum, eine Partnerschaft zu schaffen, die so stark ist, dass sich sämtliche Probleme von allein erledigen. Ich arbeite also an der Ursache, am großen Ganzen, und nicht am Symptom.

 

2. Sie beraten Pferdehalter und lehren den richtigen Umgang mit Pferden in Seminaren. Welche Problemfelder begegnen Ihnen immer wieder?

Es geistern so ein paar Mythen durch die Pferdeszene, die leider das Miteinander mit Mensch und Pferd deutlich verkomplizieren. Dazu gehört der Irrglaube, man dürfe Pferde nicht in die Augen schauen, oder der, dass man alles von einer bestimmten Seite aus tun müsse (führen, satteln, aufsteigen etc.). Sehr verbreitet scheint mir auch die menschliche Angst zu sein, vom Pferd nicht mehr als Freund angesehen zu werden, wenn man anzuführen beginnt. Und es fällt vielen Menschen schwer, sich die eigene Körpersprache bewusst zu machen, und dann auch gezielt einzusetzen.

 

3. Wie beurteilen Sie die Situation der Freizeit-, Zucht- und Sportpferde in Deutschland?

In Sachen Haltung und Fütterung gibt es in den meisten Ställen Deutschlands deutlich Luft nach oben (unabhängig davon, ob dort Freizeit- Sport- oder Zuchtpferde stehen). Viele Pferdeleute wissen gar nicht, was „artgerecht“ wirklich bedeutet. Das macht mich sehr traurig. Und ich hoffe, mit meiner Arbeit dazu beizutragen, dass immer mehr Menschen die Bedürfnisse des Pferdes erkennen und diesen Rechnung tragen. Im Sinne der Pferde, die wir doch alle so sehr lieben.

 

4. Läuft etwas falsch? Wenn ja, woran erkennen Sie das?

Die häufigste Todesursache von Pferden ist die Kolik, die zweithäufigste die Hufrehe. Beide gehen zu großen Teilen auf Fehler in der Fütterung und Haltung zurück. Die Anzahl an Zivilisationskrankheiten wie EMS, Sommerekzem, Atemwegsallergien, PSSM etc. steigt immer mehr. Nichts davon gibt es in dieser Häufigkeit in der Natur. Das sollte uns stutzig machen und zum Umdenken bewegen. Aber die bestehenden Traditionen und Strukturen sind sehr hartnäckig.

Ich hatte bisher in meiner beratenden Tätigkeit (auch im Rahmen meines zweiten Standbeines, der Krauterie) hundertfach mit gesundheitlichen Störungen zu tun, die sich zum Beispiel auf die Heulage-Fütterung zurückführen ließen. Ebenso konnte ich etliche Heilungen beobachten, die allein durch eine Umstellung auf Heufütterung geschahen.

 

 

5. Welche Haltungsform halten Sie für Pferde am ehesten tiergerecht?

Es gibt keine perfekte Haltungsform und ich finde, es sollte da auch keine Dogmen geben. Die Haltung sollte immer auf das individuelle Tier abgestimmt werden. Beispielsweise sind Robustrassen anders zu halten als sehr blütige Pferde. Immer aber sollte die Haltung sich an dem Ideal (der Natur) orientieren und 16 Stunden langsame Fortbewegung am Tag möglich machen, die die stetige Aufnahme rohfaserreicher und energiearmer Nahrung sowie eine stabile und ausgewogene Herde. Viele Haltungskonzepte kranken daran, dass die Idee nicht konsequent genug umgesetzt wird. Das Offenstallkonzept zum Beispiel wäre grundsätzlich für Robustrassen geeignet, aber nicht auf fetten Kuhweiden. Wenn Offenstall, dann auf Weiden, die extra für Pferde und ihre Bedürfnisse angelegt wurden: karg, stängelig, arm an Energie.

Oder die Aktivstallkonzepte: Auch eine schöne Idee, aber nur dann, wenn die Herde stabil bleibt, eine sehr geringe Fluktuation aufweist und vor allem: nicht zu groß ist. Oft werden aber auf kleinem Raum eine viel zu große Anzahl an Pferden gehalten, die auch von Rangordnung und Charakter nicht unbedingt zusammen passen. Das führt zu stetigem Stress und Verletzungen.

 

6. Denken Sie, dass diese Haltung für den Großteil der Pferde umsetzbar ist?

Artgerechtere Weiden anzulegen, könnte grundsätzlich jeder Stall. Den Platz, den man für eine artgerechte Haltung braucht, ist schon eher ein Problem und sicherlich nicht überall möglich. Denn für einen klassischen Pensionsstall würde das bedeuten, dass sich die Zahl der Einsteller um 2/3 reduziert – gleichzeitig können aber natürlich nicht die Preise um 2/3 angehoben werden (das würde kaum ein Pferdebesitzer mehr bezahlen). Das ist schon allein wirtschaftlich eine Gratwanderung.

 

7. Gibt es etwas, dass Sie sich von Freizeitreitern und Sportreitern im Umgang mit ihren Tieren wünschen?

Ich wünsche mir mehr Wissen in Hinsicht auf die Natur des Pferdes und mehr Verständnis für das ganz normale Pferdeverhalten. Pferde wollen uns nie ärgern, sie reagieren nur auf uns und die Umgebung – und meist sind wir Menschen das Problem. Pferdeverhalten persönlich zu nehmen, tut diesen tollen Wesen Unrecht und schafft viele Konflikte, die nicht sein müssten.

 

9. Welchen Beitrag können Reitlehrer und Trainer dabei leisten?

Reitlehrer und Trainer könnten gerade Anfängern das o.g. Wissen vermitteln. Außerdem ist es hilfreich, wenn das Gefühl des Reiters stärker geschult wird. Denn die meisten Menschen sind sehr kopfgesteuert und benötigen eher Schulung in Hinsicht auf Körpergefühl und Intuition im Umgang mit dem Pferd, um adäquat reagieren zu können, anstatt Tipps wie „Sitz gerade und nimm die Hacken runter“ ;).

 

10. Was halten Sie von der Qualifikation von Ausbildern, Freizeit- und Berufs- Reitlehrern?

Die hängt sehr vom individuellen Interesse fürs Pferd ab.

 

11. Der Sachkundenachweis ist nur für Stallbetreiber, die ein Gewerbe haben, verpflichtend. Würden Sie dafür plädieren, dass auch jeder Pferdehalter über so einen Sachkundenachweis oder „Pferdeführerschein“ verfügen sollte?

Wenn das vermittelte Wissen auf aktuellen Forschungsergebnissen der Pferdeverhaltensforschung und Ernährungswissenschaft basierte, fände ich einen Pferdeführerschein gut.

 

11. Wie könnte die Haltung und der tägliche Umgang mit den Pferden Ihrer Meinung nach verbessert werden?

Mehr Bewegung, mehr Rohfaser und weniger konzentrierte Futtermittel, mehr Wissen.

 

Haben Sie noch Fragen an Herdis Hiller?

Herdis Hiller

Langwedelerholz 3

24631 Langwedel

post@herdishiller.de

www.herdishiller.de

 

PS: Als Phytotherapeutin betreibt Herdis Hiller außerdem den Kräuterversand Krauterie. Seit 2016 versorgt sie PROVIEH-Pferd Lasse regelmäßig und kostenfrei mit hochwertigen Kräutern. Hierfür bedanken wir uns an dieser Stelle ganz herzlich!

© Fotos: Oben und Mitte - Susanne Hauk; Unten - Heiko Fuhrmann