Bambi in Not: Etwa Fünfzig Prozent der Rehkitze werden jährlich totgemäht

Silage statt Gras und Heu

„Tote Wildtiere verderben die Silage“ diese Überschriften sind im späten Frühling seitenweise im Internet zu finden, wenn es um die Ernte des ersten Grasschnittes geht. Landwirte, die ihre Kühe nicht auf die Weide lassen und sie deshalb mit Grassilage füttern, beklagen immer wieder die durch tote Tiere verdorbene Grasernte.

"Etwa 50 Prozent der Kitze, die in dieser Zeit von ihren Müttern ins hohe Gras gesetzt werden, damit sie vor Raubwild geschützt sind, fallen dem Mähwerk zum Opfer und sterben meist qualvoll langsam mit abgemähten Gliedmaßen", berichten erfahrene Landwirte und Jäger aus Schleswig-Holstein.

 

Mähzeit ist Setzzeit

In der intensivierten Landwirtschaft wird heute bis zu vier Mal im Jahr gemäht und siliert. Das heißt, Gras wird durch Vergären haltbar gemacht, ohne es zu Heu trocknen zu müssen. Es dient als Futter für Kühe in permanenter Stallhaltung. Moderne Grassorten und Dünger sorgen für schnelles Wachstum und hohe Erträge. So kann bereits im Mai der erste Schnitt erfolgen.

Dies ist ausgerechnet der Zeitpunkt, in dem Ricken, so werden weibliche Rehe genannt, gebären. Hierzu ziehen sie sich ins hohe Gras zurück, um ihren neugeborenen Nachwuchs vor Feinden zu schützen. Kitze haben in den ersten Lebenswochen keinerlei Witterung und sind daher vor Füchsen, Wölfen und Hunden geschützt. Im hohen Gras werden sie auch nicht von Menschen entdeckt, denn bei drohender Gefahr verharren sie geduckt und unbeweglich am Boden. Sie geben nur im Notfall sehr helle Ruflaute von sich. So kann die Rehmutter für einen kurzen Zeitraum ihr Kitz zurücklassen, um selbst Nahrung aufzunehmen. Rehe sind Wiederkäuer und brauchen Gras, das sie in Energie umwandeln, genau wie Rinder.

Feldhasen verhalten sich ähnlich. Bei Gefahr ducken sie sich zunächst dicht an den Boden und sind so kaum erkennbar. Nur in allergrößter Not flüchten sie in hohem Tempo. Dieser Schutzmechanismus hat Jahrtausende das Überleben dieser Wildtiere gesichert. Nun bedeutet er für Hasen und Kitze den sicheren Tod.

 

Moderne Landwirtschaft und ihre weitreichenden Folgen

Im vorindustriellen Zeitalter und vor der Erfindung der Silage wurde einmal im Jahr Gras gemäht und gewendet, um es gründlich zu trocknen. Das so entstandene Heu wurde gelagert und im Winter an die Tiere verfüttert. Die Heuernte fand je nach Wetterlage im Hochsommer statt. Je länger das Gras und je sonniger das Wetter, umso besser waren Qualität und Ertrag. Zu dieser Jahreszeit sind Rehkitze schon groß genug, um mit ihren Müttern zu flüchten.

Schon in prähistorischer Zeit wurde Wald für Ackerbau und Holzgewinnung gerodet. Der europäische Waldbestand hat sich innerhalb mehrere Jahrhunderte halbiert. Heute verfügt Deutschland über eine Waldfläche von 11, 4 Millionen Hektar. Jedoch ist der Anteil an Wald je Bundesland sehr unterschiedlich. In Schleswig-Holstein beträgt die Waldfläche gerade einmal 11 Prozent. Hier fiel der Wald nachweislich der Landwirtschaft zum Opfer.

Mit Hilfe von modernen landwirtschaftlichen Maschinen konnten große Flächen in kurzer Zeit bearbeitet werden. Wälder, die Wildtieren als Rückzugsmöglichkeit dienten, wurden abgeholzt und als landwirtschaftliche Nutzfläche eingesetzt. So wurden auch Waldbewohner zu Opfern der industrialisierten Landwirtschaft.

 

Das Feldreh

Eine moderne Variante des Rehwildes ist das Feldreh. Dort, wo der eigentliche Lebensraum knapp wurde und Wald fehlt, hat sich eine neue Variante des Rehs entwickelt, dass von Wildbiologen als „Feldreh“ bezeichnet wird. Diese Tiere haben ihr Verhalten an die Agrarlandschaft angepasst. Sie brauchen den Wald als Lebensraum nicht mehr. Ihr Verhalten ähnelt dem von Steppentieren. Sie leben nicht mehr alleine oder in kleinen Gruppen, sondern in großen Herden von 30 bis 40 Tieren. Aber auch diese anpassungsfähigen Tiere sind vor dem todbringenden Mähwerk nicht gefeit.

 

Verdorbene Silage, eine Brutstätte für tödliche Bakterien

Megabetriebe, die tausende von Milchkühen halten, bedeutet der Tod einiger Kitze recht wenig. Ihnen geht es hauptsächlich um die Qualität ihres Tierfutters. Scheinbar lässt sie die ethische Seite der Kuhfuttergewinnung kalt. Doch gibt es ein Bakterium, das Rinderhalter das Fürchten lehrt.

Clostridium botulinum ist ein Bakterium, dass unter Luftausschluss gedeiht und Sporen bildet. Die Sporen der Clostridien sind äußerst robust und jahrzehntelang überlebensfähig. Unter Luftausschluss keimen die Sporen aus und setzen ein Gift, das Botulinumtoxin frei. Dieses Nervengift ist etwa 30 000 Mal stärker als Dioxin und damit eines der stärksten natürlichen Gifte überhaupt. Es führt unter Anderem zu Lähmungserscheinungen am Kehlkopf, der Atemwegs- und der Herzmuskulatur und kann den gesamten Rinderbestand auslöschen, denn die klassische Form des Botulismus verläuft in der Regel tödlich.

In eiweißreichen Futtermitteln, wie beispielsweise Silage, können sich die Botulismuserreger ausbreiten. Das Gift der Botulinumbakterien gelangt dann mit der Futteraufnahme in den Organismus der Rinder und schädigt das Nervensystem. Die Tiere erleiden schwerste Lähmungserscheinungen und verenden elend. In Betrieben mit Hochleistungskühen steigt die Zahl der Botulismus-Erkrankungen stetig an.

 

Sind alle Bauern Kitz-Mörder?

Nein, natürlich nicht. Bei mir Zuhause wird auch Heu geerntet und teilweise siliert. Aber nur einmal im Jahr und zwar im Spätsommer, wenn die Kitze schon groß genug zum Flüchten sind. Trotzdem stellen wir vorher Flatterbänder und Fahnen in die Wiesen, damit Rehe und Hasen diese Flächen ein paar Tage fürchten und nicht betreten. Wir gehen sie nach Möglichkeit vor dem Mähen mit dem Jagdhund ab und verhindern damit auch, dass Hasen sich im hohen Gras verstecken. Beim Mähen fangen wir in der Mitte an und arbeiten uns nach Außen vor, statt am Rand zu beginnen. So haben die Tiere die Möglichkeit zu flüchten, statt in der Mitte der Mähfläche eingekesselt zu werden.

So oder ähnlich arbeiten sehr viele verantwortungsvolle Landwirte. Dieses System kann natürlich nur bei einer überschaubaren Größe und Anzahl von Weideland zum Einsatz kommen.

 

Welche Möglichkeiten gibt es für Betriebe, die tausende Hektar Land bewirtschaften?

Besonders wichtig ist die Rücksprache mit dem Jagdpächter. Er weiß in der Regel, wo sich Wild bevorzugt aufhält. Besonders die Randbereiche der Grasflächen müssen in Augenschein genommen werden, denn hier werden die meisten Kitze von ihren Müttern abgelegt. Am besten ist, sie vorerst ganz von der Mäharbeit auszuschließen und den zuständigen Jäger mit der Absuche zu beauftragen, oder ganz auf das Mähen der Randbereiche zu verzichten und Blühstreifen anzupflanzen. Diese Maßnahme käme auch Insekten zu Gute. Das Mähen sollte nur bei gutem Tageslicht erfolgen, keinesfalls in der Dämmerung, denn so kann der geübte Landwirt oft in letzter Minute ein Kitz entdecken und unter strenger Berücksichtigung von sachgerechten Maßnahmen, das Kitz an eine andere Stelle bringen. Die Fläche sollte immer von innen nach außen gemäht werden, dies ist die effektivste Methode, um das Töten von Wildtieren zu verhindern, denn so bekommen sie ausreichend Möglichkeiten, um zu flüchten.

Eine noch recht neue Methode ist die Suche nach Rehkitzen mittels Wärmebildkamera-Drohnen. Ein Jagdhundeverband in Baden-Württemberg hat diese Tierschutz-Offensive finanziert und zwei Jäger mit Wärmebildkamera-Drohnen ausgestattet. Innerhalb von zwei Wochen konnten durch den Einsatz der Jäger und der Drohnen rund achtzig Jungtiere vor dem sicheren Tod durch Mähwerke gerettet werden.

Die Anschaffung der Drohnen ist mit 12.500 Euro recht teuer, aber der Einsatz der Geräte kann genau wie bei Maschinenringe, bei denen sich mehrere Besitzer Mähdrescher und andere landwirtschaftliche Maschinen teilen, finanziert und genutzt werden.

PROVIEH fordert daher den verpflichtenden Einsatz von Wärmebild-Drohnen vor Mäharbeiten im Feld, denn tote und verstümmelte Wildtiere dürfen keinesfalls billigend in Kauf genommen werden.

01.06.2017

Angela Dinter

 


 

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