Brennpunkt Bullenmast

Die beklagenswerte Situation der Kälber und Rinder gab 1973 den Ausschlag für Margarethe und Olga Bartling den „Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung“ zu gründen. Die Schwestern haben auf einer Studienfahrt die unwürdigen Lebensbedingungen der Kälber und die schlechte Haltung der Rinder gesehen und wussten, dass sie handeln mussten. Vier Jahrzehnte später stellt sich die Frage, ob die beiden Schwestern mit der Entwicklung des Tierschutzes in der „Nutz“tierhaltung zufrieden wären. Vieles hat sich seit den siebziger Jahren maßgeblich verbessert. Dennoch würden die Bartlings auch heute genau auf die Rinder schauen. Denn die Kälberaufzucht ist in der Tierschutznutztierhaltungsverordnung zwar mittlerweile genauer geregelt, doch es fehlen bis heute selbst die Mindestanforderungen in der Haltung von adulten Rindern.

Stiefkind Bullenmast

Langsam rückt die Bullenmast in den Fokus der Tierwohl-Debatte. Die Haltungsverordnung für Nutztiere schreibt für Rinder ab 220 Kilogramm Lebendgewicht einen Mindestplatzbedarf von 1,8 Quadratmetern vor. Theoretisch bräuchten die Tiere in der Endphase der Mast demnach nicht mehr Platz, als ihnen eine normale Bettmatratze bietet. Doch Rinder – auch Mastrinder – sind Weidetiere und als solche haben sie einen arttypischen Bewegungsdrang.  Dieser wird bei der Bullenmast jedoch einfach ignoriert. Auch zusätzlicher Auslauf und damit das gezielte Aufsuchen unterschiedlicher Klimabereiche gibt es nicht. Die meisten Empfehlungen der Wissenschaft beziehen sich hauptsächlich auf die Haltung im Stall und haben sich auf ein Maß von 3,5 Quadratmetern Platz pro Rind eingependelt. Das ist immerhin fast doppelt so viel, wie in der Haltungsverordnung steht. Nach Meinung von PROVIEH ist das aber immer noch zu wenig Platz und weit entfernt von artgerechter Haltung.

Ochsenmast

Bei der Forderung „Bullen auf die Weide“ graut es so ziemlich jedem Bullenmäster. Zu gefährlich sei die Bullenhaltung auf der Weide für den Menschen. Zu teuer die zusätzliche Sicherung der Weiden mit Stacheldraht und Elektrozaun. Aber geht es nicht auch anders? Müssen die Tiere tatsächlich ihr kurzes Leben lang im Stall stehen? Nein! Denkbar wäre zum einen, jedem jungen Mastbullen bis zum ersten Lebensjahr zumindest über einen Zeitraum von drei oder vier Monaten den Aufenthalt auf der Weide zu ermöglichen. Wenn die Strukturen nicht gegeben sind, sollte der Stall zumindest so gestaltet sein, dass den Tieren unterschiedliche Klimazonen, zum Beispiel in Form eines Laufhofes, zur Verfügung stehen. Eine andere Möglichkeit ist die Ochsenmast.

Gerade in Norddeutschland wurden seit der Bronzezeit bis ins späte 19. Jahrhundert Ochsen aus Dänemark durch Norddeutschland in Richtung Wedel getrieben, um auf dem Weg dorthin gemästet und dann verkauft zu werden. Ochsen gelten im Gegensatz zu Bullen als genügsam. Normalerweise werden sie circa  zweieinhalb bis drei Jahre lang gemästet, bevor sie geschlachtet werden. Sie können ohne Probleme auf der Weide gehalten werden. Ochsenfleisch wird vom Konsumenten nicht mehr nachgefragt. Daher finden sich nur noch wenige Betriebe, die diese Form der Rinderhaltung praktizieren. Natürlich geraten wir als Tierschützer in die Kritik, wenn wir die Kastration mit Betäubung und anschließender Schmerzbehandlung von männlichen Rindern befürworten. Wenn den Tieren dadurch allerdings ein artgerechtes Leben auf der Weide ermöglicht wird, anstatt ein beengtes Leben im Stall mit all seinen Nachteilen für Körper und Seele, kann dies eine unterstützenswerte Option sein.

Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass in der Haltung von Mastbullen noch viel Handlungsbedarf besteht. Es wird sich mehr um die täglichen Zunahmen der Tiere gesorgt, als um das physische und mentale Wohlbefinden. Leider heißt es immer noch: hohe Zunahmen = besonders viel Tierwohl. Auch wenn diese These längst überholt ist. Es wird sich erst etwas ändern, wenn wir beim Einkauf aktiv nachfragen, woher die Tiere stammen und wie sie gehalten wurden. Es gibt viele Betriebe, die ihren Tieren mehr bieten als nur den  Mindeststandard. 

 

Stefanie Pöpken