Buchtipp: Der Metzger der kein Fleisch mehr isst …

…wenn er nicht genau weiß, woher es kommt und wie das Tier gelebt hat.

Ein Buch oder besser, ein Leben, das ebenso gut den Stoff für einen Hollywood-Film liefern könnte – so erzählt Karl Ludwig Schweisfurth in 14 abgeschlossenen Geschichten sehr offen, wie er vom handwerklichen Metzger über den Fleischindustriellen zum „aufgeklärten“ Metzgermeister und „Auswärts-Vegetarier“ wurde.

Schweisfurth übernahm den Metzgerbetrieb „Herta“ von seinen Eltern. In jungen Jahren schickte ihn sein Vater zu Studienzwecken in die USA. Seine Informationsreise führte ihn nach New York und Chicago, wo er die Fließbandarbeit und die großen industrialisierten Schlachthöfe kennenlernte. Der „technische Fortschritt“ begeisterte den Fünfundzwanzigjährigen und inspirierte ihn zum Umbau des eigenen Unternehmens. Der elterliche Familienbetrieb wurde zum Fleischgiganten „Herta – wenn's um die Wurst geht“. In seinen 30er und 40er Jahren war Schweisfurth Europas größter industrieller Fleischproduzent und zeitweilig Präsident der Europäischen Fleischwarenindustrie.

Doch mit dem Erfolg kamen die Zweifel, geschürt durch die kritischen Fragen seiner Kinder, die das Familienunternehmen keinesfalls weiterführen wollten.

„Mich bewegten schließlich […] Fragen mit sehr harten Kanten, die mir mein Sohn Karl stellte: „Wohin sollte denn diese durchmaschinisierte Fleischproduktion führen? Zu noch größeren Schlachthäusern, zu noch mehr Fleischbergen, deren Produktion die Böden belastet und die menschliche Gesundheit bedroht? Derjenige, der so fragte, war mein Sohn, der zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen hatte, Bauer zu werden. Bauer! Nicht Imperienbauer, sondern Landwirt.“

Vom Großindustriellen zum Öko-Bauern

Von den ersten Zweifeln bis zur endgültigen Entscheidung, ein neues Leben anzufangen, dauerte es noch Jahre. Dann, 1985, verkaufte er sein Imperium an Nestlé und gründete noch im selben Jahr seine Schweisfurth-Stiftung, die sich der Suche nach Auswegen aus der ökologischen Krise verschrieben hatte, insbesondere in der Landwirtschaft. Ein Jahr später, 1986, rief er ein Zentrum für nachhaltige, ökologische „Lebens-Mittel“ in Herrmannsdorf ins Leben: die „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“ (siehe auch Seite zwölf in diesem Heft, „Eier-Initiativen gegen Kükentötung“ , Das Hermannsdorfer Landhuhn.) Die Landwerkstätten sollten ein praktisches Beispiel sein, wie eine neue zukunftsweisende Synthese von landwirtschaftlicher Erzeugung, Lebensmittelverarbeitung und Lebensmittelvermarktung aussehen könnte.

„Eine Weile, vielleicht sogar eine lange Weile, kann man so viel um die Ohren haben, dass man nicht hört, was Vernunft, was Moral, was bessere Einsicht einem zurufen. Aber irgendwann hat man nur noch die Wahl: taub zu werden – an Ohr und Seele – oder das Gehörte zu bedenken und tätig zu werden.“

„Aber ich sah, dass ich, wenn ich weiter im Takt der Fließbänder gehen würde, verkümmern müsste. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“[...]. Und ich begriff, dass es eine Chance gab, das Falsche zu lassen und das Richtige zu tun.“

Die Werkstätten waren sein Weg, um noch einmal neu anzufangen. Stück für Stück entstand auf einem Gutshof bei München ein Ensemble aus verschiedenen Produktionsstätten – eine Warmfleischmetzgerei, eine Rohmilchkäserei, eine Natursauerteig-Bäckerei, ein Hofladen sowie ein Landgasthaus. Dabei ist es Schweisfurth enorm wichtig, dass das Wohlergehen der Menschen und eine artgemäße Tierhaltung an oberster Stelle stehen. Die alten, bereits fast vergessenen Handwerks-Traditionen, bei denen Kreativität und Hingabe Schlüsselelemente sind, bilden einen krassen Gegensatz zur monotonen, stumpfen Fließbandarbeit, die Schweisfurth viele Jahre zuvor so fasziniert hatte. Eine Leitfrage der „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“ ist: Was führt zu einem achtsamen Umgang mit Tieren, mit den Böden und mit den Menschen?

Ein Versuch, diese Frage zu beantworten, ist auch die „symbiotische Landwirtschaft“. Seit zehn Jahren läuft das Experiment von Schweisfurth in den Landwerkstätten, das das Zusammenleben verschiedener Arten zum gegenseitigen Nutzen und Wohlbefinden untersucht.

„Die Idee: weg vom linearen Denken! Hin zu der Erkenntnis, dass die Lebenslinien der Erde fein verwoben sind und dass man keine Fäden ziehen kann, ohne dass das Gespinst reagiert.“

Die „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“ gelten als »Leuchtturm« und Beispielbetrieb für ein nachhaltiges Leben und Arbeiten mit der Natur.

Die Erzählweise des Buches schlägt keinen linearen Weg ein, sondern macht Umwege und schweift scheinbar von Zeit zu Zeit vom Thema ab – doch nur, um den eigentlichen Sachverhalt am Ende verständlicher und „begreifbarer“ zu machen. Eine sehr lesenswerte Autobiographie, die Schweisfurths Freude am Leben und Arbeiten mit der Natur sowie seinen Respekt vor den Tieren und der Liebe zu dem Schaffen von guten „Lebens-Mitteln“ offenbart.

 

Christina Petersen

„Ich musste ein alter Mann werden, ehe ich ansatzweise begriff, was Böden sind, was sie leisten und wie unmittelbar unser Schicksal an ihnen hängt. […] Eine Handvoll Wiesen- oder Ackerboden ist von weitaus mehr Lebewesen bewohnt, als es Menschen auf der Erde gibt. […] Etwa ein Viertel der Bodenzerstörung, die weltweit geschieht, ist Folge der Landwirtschaft, sagt der von Weltbank und Vereinten Nationen in Auftrag gegebene Weltagrarbericht. Kann man diese Landwirtschaft noch Wirtschaft nennen?“

 


„Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich werde immer öfter und immer früher morgens wach. Dann bin ich verzagt. Wir wissen alle, was wir falsch machen, und wir wissen genau, was wir ändern müssen. Aber warum ändern wir nichts? Warum zieht die Karawane weiter, als ob nichts wäre?

Die Karawanenführer sind weder dumm noch böse. Sie sehen den Abgrund, aber sie ziehen weiter.

Dann sage ich mir: Aufstehen, Alter, weitermachen.

Denk an deine acht Enkel. Guten Abend.“

 

(Dankesrede von Karl Ludwig Schweisfurth, als ihm im Juli 2013 der Ehrenpreis von der Bio-Brauerei „Neumarkter Lammsbräu“ verliehen wurde)


Der Metzger, der kein Fleisch mehr isst... Karl Ludwig Schweisfurth (Autor), Sarah Wiener (Vorwort), oekom verlag (17. März 2014); Gebundene Ausgabe, 240 Seiten; 19,95 Euro; ISBN: 978-3865814708