Das Leineschaf

Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Nutztierrassen (GEH) hat dieses Jahr das Leineschaf im ursprünglichen Typ zur „gefährdeten Nutztierrasse 2013“ gekürt. Die GEH lenkt mit der Vergabe des Titels die dringend benötigte Aufmerksamkeit auf diese vom Aussterben bedrohte Schafsrasse.

Herkunft und Entstehung

Das Leineschaf stammt vom „Rheinischen Schaf“ ab, das im 19. Jahrhundert in Deutschland weit verbreitet war. Im Königreich Hannover hat man verschiedene englische Rassen mit dem Rheinischen Schaf gekreuzt, um den Woll- und Fleischertrag zu verbessern. Aus dieser Züchtung entwickelte sich ein reinweißes, gut bemuskeltes Landschaf mit gekräuselter Wolle. Es war anpassungsfähig und robust, besaß gute Muttereigenschaften und galt als außerordentlich fruchtbar. Zudem wurde seine gute „Marschfähigkeit“ gerühmt, eine Eigenschaft, die besonders für die Hüte-Haltung wichtig war. Ein einheitliches Zuchtziel existiert seit 1906.

Die guten Eigenschaften des Leineschafes machten es schnell beliebt. Gezüchtet wurde hauptsächlich entlang des Flusses Leine zwischen Göttingen und Hannover sowie im Eichsfeld. Diesem Verbreitungsgebiet verdankt es auch seinen Namen. Kurzzeitig waren auch die Namen Aller- oder Weserschaf gebräuchlich, die sich aber nicht durchsetzen konnten. Bis 1937 hatte sich die Population des Leineschafs in ganz Deutschland auf etwa 70.000 Tiere gesteigert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Deutschland der Niedergang des Leineschafs. Die Intensivierung der Landwirtschaft, der schnell wachsende Verkehr auf den Straßen, die zunehmenden Billigimporte von Wolle und der daraus resultierende Verfall der Wollpreise machten die Zucht eines „Universalschafs“ wie dem Leineschaf zunehmend unattraktiv. Als attraktiv erschien jedoch, das Leineschaf mit profitableren Rassen zu kreuzen. So entstanden seit Anfang der sechziger Jahre neue Zuchtlinien, die je nach Zuchtziel mehr Milch, Fleisch oder Wolle erbringen als das Leineschaf. Von der Originalrasse überlebte in Deutschland lediglich eine kleine Herde im Erfurter Zoo. Das „neue verbesserte Leineschaf“ wurde 1974 vom Dachverband der deutschen Schafszuchtverbände als Fleischschaf anerkannt.

Auch außerhalb von Deutschland überlebte das originale Leineschaf. In den fünfziger Jahren musste Deutschland im Zuge von Kriegsreparationszahlungen 1500 Leineschafe an Polen abgeben. Dort hielt sich die Originalrasse viel länger als in Deutschland. Ein Bestand wurde 1992 in Cerkwica wiederentdeckt. Mit Hilfe der Zuchtverbände Thüringen und Sachsen wurden in den folgenden Jahren insgesamt 86 weibliche Jungschafe und 40 Zuchtböcke nach Deutschland gebracht. Sie sollten zusammen mit den Leineschafen aus dem Erfurter Zoo den deutschen Zuchtbestand wieder aufbauen. In Polen dagegen schrumpfte der Bestand des Leineschafs in der Umbruchphase des ehemaligen Ostblocks so rasant, dass 1995 nur noch 300 Tiere übrig waren. Die letzte polnische Zuchtherde fiel 2002 einem Stallbrand zum Opfer.

Aktuell ist in den Bundesländern Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ein Zuchtbestand von etwa 1600 Muttertieren und 45 Vatertieren des ursprünglichen Typs verzeichnet und gehört damit laut der Roten Liste der GEH in die Kategorie 1 der extrem gefährdeten Rassen. Die Zukunft des Leineschafs liegt heute in der Weidehaltung – zur Pflege und Erhaltung von Kulturlandschaften wie Magerrasen, Obstwiesen, Hängen und Weiden. Aus dem echten Landschaf wurde also ein „Landschaftspfleger“, der hoffentlich bald vermehrt anzutreffen sein wird.


Steckbrief

Weibliche Tiere können zwischen  55-70 Kilogramm schwer werden, während die Böcke ein Gewicht von 100-115 Kilogramm erreichen. Das mittelrahmige Schaf besitzt eine weiße und glänzende Wolle, wobei der lange, hornlose Kopf und die Beine unbewollt sind. Die Leineschafwolle gilt als besonders strapazierfähig und haltbar und wird zumeist zur Herstellung von Socken und Teppichen genutzt. Die Wollmenge eines Mutterschafs liegt im Sortiment C zwischen 3,6 und 4 Kilogramm im Jahr.


Verena Stampe

Fotos: © Ricarda Grothey