Das North Ronaldsay-Schaf

 

North Ronaldsay ist die nördlichste und abgelegenste Insel des im Nordosten vom schottischen Festland befindlichen Archipels der Orkneys. Auf den rund 70 Inseln, von denen knapp 20 ständig bewohnt sind, spielt die Haltung von Schafen nach wie vor eine große Rolle. Dabei kann das etwa sechs Kilometer lange und bis zu drei Kilometer breite North Ronaldsay mit einer ganz besonderen Rasse aufwarten, dem North Ronaldsay-Schaf.

Entstehung der Schafrasse

Als eigenständige Rasse, die den Nordischen Heideschafen zugerechnet wird, hat sich das North Ronaldsay-Schaf seit 1832 entwickelt. Damals gingen die Inselbewohner daran um ihr Eiland einen Steinwall zu errichten, und die Schafe auf den schmalen, felsigen Küstenstreifen zwischen dem Bauwerk und dem Meer zu verbannen. Grund für die "Aussperrung" war der Mangel an landwirtschaftlicher Fläche auf der seinerzeit stark bevölkerten Insel. Die Schafe zwang man damit, sich ausschließlich von dem zu ernähren, was der Küstenstreifen hergibt, nämlich salzhaltigen Seetang. Da davon im Winter wegen des heftigeren Seeganges mehr angeschwemmt wird als im Sommer, ist die Futtergrundlage während der kalten Jahreszeit am besten.

Unter dem hohen Selektionsdruck der harschen Bedingungen des neuen Habitats bildete sich im Verlaufe der Jahre das typische North Ronaldsay-Schaf. Die derzeit knapp 3.000 Tiere, die sich auf 15 Halter verteilen, weiden gemeinsam. Durch individuelle Ohrmarken sind sie den einzelnen Besitzern zuordenbar. Als Ausgleich für die Nutzung der „Weiderechte“ sind die Schaffarmer gemäß einer Satzung, den "Native Sheep Regulations", verpflichtet, die Funktionsfähigkeit des Steinwalls durch ihren Arbeitseinsatz aufrechtzuerhalten. Der sich auf einer Länge von gut 20 km um die Insel herumschlängelnde Wall ist, wie in Schottland üblich, mit Feldsteinen lose aufgeschichtet. Das Bauwerk ist mittlerweile in die Liste der schützenswerten Monumente Großbritanniens aufgenommen worden.

Haltung und Vermarktung

Die Schafe leben nahezu das ganze Jahr über auf dem Küstenstreifen. Lediglich zum Ablammen im Frühjahr sowie für einige daran anschließende Wochen treibt man sie zwecks besserer Ernährung auf Weiden innerhalb des Steinwalls. Bevor sie wieder auf den Küstenstreifen kommen, werden die männlichen Tiere, soweit sie nicht für die Reproduktion vorgesehen sind, kastriert. Die Auswahl der Zuchtböcke erfolgt traditionsgemäß nach äußeren Merkmalen.

Die Mutterschafe gebären ihr erstes Lamm zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr. Ihre Haltungsdauer beträgt bis zu zwölf Jahre. Wegen ihrer geringen Größe werden North Ronaldsay-Schafe nicht als Lämmer verkauft, sondern sind bei ihrer Schlachtung meist schon drei bis vier Jahre alt. Die Seetang-Diät verschafft ihrem Fleisch einen eigenen Geschmack, den nicht wenige Verbraucher schätzen. Dafür sind sie auch bereit, einen relativ hohen Preis zu zahlen.

Wertvolle Schafwolle

Zur Schur in der Zeit von Juli bis August bringt man die Schafe in unmittelbar am Steinwall gelegene Einfriedungen, die sogenannten „punds“. Dieser Vorgang, ''punding'' genannt, wird von den Inselbewohnern gemeinschaftlich durchgeführt und ist wohl eines der letzten Elemente kooperativer Tierhaltung auf den Orkney-lnseln. Hunde kommen dabei nicht zum Einsatz. Man wartet den Zeitpunkt des höchsten Standes der Flut ab, um dann auf dem so schmäler gewordenen Küstenstreifen die Tiere leichter in die gewünschte Richtung dirigieren zu können.

Die dichte, flauschige Schafwolle wird seit dem Jahre 2000 zu einem Teil wieder auf der Insel verarbeitet. Nachdem das Handspinnen in den Bauernfamilien kaum noch anzutreffen ist, wurde eine kleine mechanische Spinnerei eingerichtet. Aus dem gewonnenen Wollgarn fertigt man entweder auf der Insel selbst oder in anderen Teilen der Orkneys in Handarbeit hochwertige Kleidungsstücke an. Diese werden in einem Laden am Fuße des 33 m hohen Inselleuchtturms sowie im Rahmen des „Orkney Craft Trails“, einer Vereinigung von Künstlern und Kunsthandwerkern, zum Verkauf angeboten.

Zukunftsperspektiven

Das Überleben der Schafe auf North Ronaldsay hängt davon ab, ob es dort auch in Zukunft Menschen gibt. Nun ist zwar die Gefahr, dass das Eiland bald zu den unbewohnten Inseln der Orkneys gezählt werden muss, zurzeit nicht akut. Der Rückgang der Bevölkerung ist aber alarmierend. Im 19. Jahrhundert, zur Blütezeit der Kelp-Industrie (Trocknung und Verbrennung von Seetang zu Asche als Grundstoff für die Seifen- und Glasfabrikation), hatten zirka 500 Menschen auf North Ronaldsay ihre Heimat. Seither geht ihre Zahl kontinuierlich zurück. Waren es im Jahre 1950 noch rund 250 und 1980 etwa 130, so sind in unseren Tagen nur gut 60 Inselbewohner übriggeblieben. Erschwerend kommt das hohe Durchschnittsalter hinzu.

Die alternde, für schwere Arbeiten nur bedingt einsetzbare Bevölkerung der Insel, zeitigt schon heute negative Auswirkungen auf den Zustand des Steinwalls. Er ist an manchen Stellen durch Stürme beschädigt und nur behelfsmäßig durch Holzzäune ausgebessert. Ein intaktes Deichbauwerk sowie Farmer zur Betreuung der Schafe sind jedoch unabdingbare Voraussetzung für den Fortbestand der North Ronaldsay-Rasse. War im 19. Jahrhundert der Bevölkerungsdruck auf der Insel Grund für den Bau des Steinwalls und damit verbunden für die Entstehung des sich mit Seetang ernährenden Schafes, könnte die Rasse bei weiterer Abnahme der Bevölkerung letztlich mit den Menschen wieder verschwinden.


Steckbrief

Beim North Ronaldsay-Schaf handelt es sich um ein kleinwüchsiges, kurzschwänziges Tier mit einer Schulterhöhe von etwa 45 cm. Im ausgewachsenen Zustand wiegt es rund 50 kg. Die männlichen Schafe sind fast ausnahmslos behornt, die weiblichen nur zu ungefähr 20 Prozent. Die Farbe ihrer Wolle ist vielfältig. Sie variiert zwischen schwarz, grau, braun und weiß, wobei die schwarzen Tiere als besonders widerstandsfähig gelten.


Text und Bilder: Reinhold Belz und Dr. Walter Kreul