Der Bodenatlas 2015 – aufrüttelnd

Besserer Umgang mit Böden – dringend geboten

07.09.2015: Gibt es Grenzen des Wachstums? Natürlich, wir haben sie in den letzten Jahrzehnten schon weit überschritten. Warum haben wir diese Grenzüberschreitung nicht bemerkt? Ganz einfach: Man muss nur auf Kosten anderer leben. Das tun wir zum Beispiel dadurch, dass wir für die Erzeugung unserer Güter nicht nur das eigene Land nutzen, sondern auch viel Land außerhalb unserer Grenzen. Dafür braucht die EU eine Fläche, die rund anderthalb Mal so groß wie sie selbst ist.

Was das landwirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch bedeutet, zeigt der Bodenatlas 2015. Die  Daten und Fakten über Acker, Land und Erde wurden erarbeitet und zusammengestellt von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem IASS Potsdam (Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.), dem BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.) und Le Monde diplomatique. Die Studie – frei zugänglich im Internet – wurde erarbeitet, weil die Vereinten Nationen (UN) 2015 zum Internationalen Jahr der Böden aufgerufen haben und so für den Bodenschutz werben wollen. Das Thema ist also auf hoher politischer Ebene angekommen als ein ernsthaftes Problem, das dringend der Lösungen bedarf. Ob die Mächtigen der Welt dies auch so sehen, sei dahingestellt. Der Bodenatlas jedenfalls schlägt Lösungen für die großen Probleme vor, die von Übernutzung, ungerechter Verteilung und globalem Handel von Böden handeln.

Die Lage ist ernst, denn die Böden werden immer unfruchtbarer. Im Idealfall leben unter einem Hektar Fläche 15 Tonnen Bodenlebewesen. Zu ihnen gehören Bodenbakterien, Bodenpilze, Regenwürmer und Gliedertiere. Vereint sorgen sie für die Humusbildung und damit für die Bodenfruchtbarkeit, speichern Kohlenstoff und viel Wasser, durchlüften den Boden, unterstützen die Pflanzen bei der Aufnahme von Mineralien und verhindern gemeinsam mit den Pflanzen die Bodenerosion. Die schweren Maschinen der industriellen Landwirtschaft aber verdichten den Boden, verringern so dessen Wasserhaltungsvermögen und schädigen massiv die Bodenlebewesen. Und wer von diesen überlebt, wird  leicht Opfer von zu starker Düngung und dem Einsatz von diversen tödlichen Agrargiften.

Richtig schlecht im Bodenatlas kommt die Massentierhaltung weg. Riesige Landflächen (33 Prozent der weltweiten Anbauflächen) sind nötig allein für die Erzeugung von Viehfutter. Dafür werden der Amazonas-Urwald und andere Lebensräume in atemberaubendem Tempo vernichtet. Deutschland importiert massenhaft viel Viehfutter. Extra dafür wurde der Hafen Brake an der Wesermündung ausgebaut. So konnte im Westen von Niedersachsen die Massentierhaltung dominant werden. Die massenhafte Verfütterung von Futter erzeugt massenhaft Gülle. Ungeklärt kommt sie als Dünger auf die Felder.

Doch der Westen von Niedersachsen erzeugt viel zu viel Gülle. Die Felder sind schon überdüngt, das Grundwasser ist verdorben, und trotzdem mussten allein 2013 runde 1,8 Millionen Tonnen in andere Regionen exportiert werden. Das produziert viel Verkehr. Muss das alles sein, um unseren Fleischbedarf zu decken? Keineswegs, denn Deutschland erzeugt im Gegenteil einen großen Überschuss an Fleisch, und der wird exportiert. Viele Verantwortliche feiern das als eine meisterhafte Exportleistung, doch ist das ganze System der Massentierhaltung übel und verantwortungslos. Es war ein Fehler, diese Fehlentwicklung politisch und durch Subventionen massiv zu fördern.

Der Bodenatlas erklärt auch, warum sich Deutschland so hartnäckig gegen eine Reform der EG-Agrarpolitik stemmt: In Ostdeutschland wurden zu DDR-Zeiten viele Bauern zwangsenteignet, um staatseigene, landwirtschaftliche Großbetriebe von feudaler Größe zu schaffen. 40 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche kamen so bis zur Wende in Staatsbesitz. Die großen Dimensionen wurden nach der Wende beibehalten. Deshalb können knapp 1.500 ostdeutsche Großbetriebe jede EU-Agrarreform verhindern, und der größte dieser Betriebe – KTG Agrar mit 30.000 Hektar – bekommt jährlich 9 Millionen Euro an EU-Flächenprämie, das sind pro Arbeitskraft bis zu 150.000 Euro. Von solchen Ausschüttungen pro Arbeitskraft können bäuerliche Betriebe nur träumen.

Wie lässt sich die Entwicklung umkehren? Für die Stärkung der Bodenfruchtbarkeit setzt der Bodenatlas ganz auf den Öko-Landbau, auf die Rückbesinnung auf alte bäuerliche Weisheiten und Traditionen und auf die kluge Umsetzung neuer Ideen, die durch aufmerksame Naturbeobachtung gewonnen werden. Segensreich würde sich auch ein moderater Konsum tierischer Produkte auswirken. Die Politik habe kaum noch eine andere Wahl, als den Öko-Landbau wegen erwiesener Vorteile stärker als bisher zu unterstützen, denn die Intensiv-Landwirtschaft hat uns eine Überzahl an Problemen geschaffen.

Sievert Lorenzen