Deutschland – Landwirtschaft mit Zukunft? Ein Interview mit Professor Dr. Friedhelm Taube.

Herr Taube, Sie sind Professor an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Kiel und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt betrifft unter anderem die ökologischen Auswirkungen landwirtschaftlicher Produktionssysteme. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe und wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus?

Wir Universitätsprofessoren gehören – wenn wir es denn wollen – zu den wenigen Personenkreisen, die uneingeschränkt unabhängig sind in ihrem Tun, und sich nicht von bestimmten Geldgebern abhängig machen müssen. Ich verstehe mich als Agronom und verbinde das mit dem Anspruch, Landwirtschaft als Systemwissenschaft zu betrachten, das bezieht auch den internationalen Kontext mit ein. Hochentwickelte Staaten mit Technologievorsprung, wie Deutschland, haben eine globale Verantwortung in Bezug auf die Frage, wie ein gutes Modell von Landwirtschaft künftig zu gestalten ist:  Wie schaffen wir Fairness im Welthandel? Hier kann man zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, aber sicherlich stehen wir an einer gewissen Zeitenwende. Bislang sind wir davon ausgegangen, dass wir durch Effizienzsteigerung und durch technischen Fortschritt mehr oder weniger alle Probleme lösen können. Inzwischen zeigen jedoch der Ressourcenverbrauch und die entsprechenden Studien zu den Konsequenzen, dass wir diesen Entwurf des Konsums und der Landnutzung aus den so genannten hoch entwickelten Gesellschaften nicht auf die ganze Welt übertragen können. Dafür werden die Ressourcen nicht reichen.

Wir stehen also in der Verantwortung, Konzeptmodelle zu erstellen, die für die Zukunft nicht nur die Sicherung der Welternährung gewährleisten, sondern in einen größeren Kontext eingebettet werden müssen und die wir als Verursacher vieler der geschilderten Probleme wiederum vordenken sollten.

Gibt es ein Hauptproblem – wo ist anzusetzen?

Ja, das ist die alles andere überlagernde Fokussierung auf technische Lösungen, die im Sinne der Steigerung der Arbeitsproduktivität das hohe Maß an Betriebsspezialisierung hervorgebracht hat, das wir heute sehen. Das hat deshalb zu den heute sichtbaren Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft geführt, weil die damit verbundenen ökologischen Kosten nicht auf die Verursacher umgelegt wurden. Eine langfristige einseitige Spezialisierung der Bodennutzung (Futterbau/Tierhaltung versus reiner Ackerbau) passt nicht langfristig auf biologische Systeme, denn hier spielen Aspekte wie Resilienz eine wesentlich größere Rolle. Gerade bei der Betrachtung  pflanzlicher Produktion fällt auf, dass diese Spezialisierungen ganze Systeme regelrecht in die Sackgasse gefahren haben. Für eine Zeitlang geht es mittels „chemischer Lösungen“ immer gut, doch wenn die Elastizität des Systems überstrapaziert wird, kommt die Quittung. Eine Umsteuerung ausgehend von der Bodennutzung und dem Pflanzenbau ist nötig hin zu Fruchtfolgen des  klassischen Gemischtbetriebes. Ob dann tatsächlich ein einzelner Betrieb wieder zum klassischen Gemischtbetrieb wird, ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr sollten neue Wege von Kooperationen zwischen Acker- und Tierhaltungsbetrieben mehr Raum gewinnen, um „virtuelle Gemischtbetriebe“ über gemeinsame Fruchtfolgen/Bodennutzung zu beider Nutzen zu realisieren.  Das Ziel sollten Systeme mit weiten Fruchtfolgen sein und der bedarfsgerechten Rückführung von organischem Dünger. So wird das gesamte System stabiler. Die Notwendigkeit der Diversifizierung von Produktionssystemen kann man auch für den Bereich der Milcherzeugung aufzeigen:  Die Ausrichtung der Milcherzeugung der letzten 30 Jahren, sichtbar an den Zuchtprogrammen für die Rasse Holstein Friesian (HF), sind „Einnutzungsrinder“, das heißt, sie sind nicht nur allein auf eine hohe Milchproduktion spezialisiert, sondern sie benötigen dafür zunehmend Futter vom Acker, weil die Energiedichte von Grünlandfutter für die Leistungen von 12.000 – 15.000 Liter Milch pro Jahr bei weitem nicht mehr ausreicht. Etwas provozierend formuliert: Diese Tiere werden inzwischen zunehmend so ernährt wie Schweine. Sie werden unter anderem mit Raps, statt mit dem ‚Koppelprodukt‘ Rapsextraktionsschrot gefüttert, um eine noch höhere Energiedichte zu erreichen. Ohne dieses proteinreiche Futter würde eine solch hohe Milchleistung nicht funktionieren. Auf dem Universitäts-Versuchsgut Lindhof gehen wir bewusst einen ganz anderen Weg: Wir nutzen die Erfahrungen der „Weideländer“ Irland und Neuseeland und modifizieren diese für Schleswig-Holstein, das heißt Milch aus Gras mit nur ganz geringem Einsatz von Konzentratfutter. Dazu nutzen wir die kleinrahmige Rinderrasse Jersey sowie Kreuzungstiere aus Jersey und anderen Rassen für unsere Forschung. Unsere Tiere werden mit Gras und Leguminosen (Weißklee, Rotklee, Luzerne) gefüttert und sie können vor allem hohe Leistungen aus Weidefutter umsetzen – sie werden auf der Weide satt. Das Protein kommt von den Leguminosen, nicht aus Raps und Soja.  Und zusätzlich setzen wir Kräuter in den Weidefuttermischungen ein, die gesundheitsfördernd wirken können. Mit diesem Ansatz erreichen wir eine Milchleistung von über 11.000 Litern Milch pro Hektar Weidefläche und von über 6.000 Liter je Kuh.

Warum kann man sich nicht mit einer „6.000 -7.000-Liter-Kuh“ zufrieden geben?

Weil das andere Leitbild der „Maximierung der Einzeltierleistung“ über Jahrzehnte getrieben allein von betriebswirtschaftlichen Zwängen ohne Berücksichtigung der ökologischen Konsequenzen  nicht einfach von heute auf morgen umgedreht werden kann. Das ist ein Prozess, aber er ist notwendig, wenn die ökologische Tragfähigkeit gewährleistet bleiben soll, denn de facto wirtschaftet heute ein großer Teil der intensiven Milcherzeuger mit Nährstoffüberschüssen, die absolut nicht tolerierbar sind. Die Forschung muss also zeigen, wie es gehen kann und das Spannende an unseren ersten Ergebnissen ist ja, dass der Ertrag unseres Ansatzes tatsächlich unter Berücksichtigung der globalen Flächenansprüche gar nicht geringer ist. Wenn Sie rechnen, wie eine 11.000 Liter Kuh konventionell mit drei Tonnen Kraftfutterbedarf im Jahr im Vergleich zu einer 5.000 Liter Kuh im irischen Weidesystem fast ohne Kraftfutter in Bezug auf Flächenbedarf und Treibhausgasemissionen abschneidet, müssen Sie auch die Flächenansprüche und Emissionen der zusätzlichen Futtermittel wie Weizen, Raps und Soja miteinbeziehen. Dann ist der Flächenbedarf pro Liter Milch tatsächlich in beiden Systemen nahezu identisch. Beide benötigen etwa 1,8 Quadratmeter je Liter Milch. Dass sich also etwas ändern muss, das realisieren viele junge Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter. Wir haben noch nie so viele konventionelle Landwirte auf dem Lindhof gehabt wie jetzt. Sie spüren auch, dass Veränderungsbedarf besteht. Wir führen unser Versuchsprogramm auf dem Lindhof unter Ökolandbaubedingungen durch, aber es wäre wünschenswert, dass nicht nur ökologische Betriebe, sondern im verstärkten Maße konventionelle Betriebe unsere Ideen adaptieren – sie müssen dafür nicht auf Ökolandbau umstellen. Vielmehr wird sich die konventionelle Milcherzeugung an den Bedarf der Verbraucher und Bürger nach Weidemilch, nach Verfahren tiergerechter Haltung und nach der Reduktion von Emissionen anpassen müssen – da bieten unsere Ansätze viele Möglichkeiten. Der Ökolandbau sollte primär weiterhin „Werkstatt“ bleiben und diese Funktion sollte nicht durch zu viele Neueinsteiger verwässert werden – die Probleme dieser ‚Verwässerung‘ sind heute schon offensichtlich.

Was bedeutet das für eine künftige EU-Agrarpolitik - wird an die falschen Landwirte ausbezahlt?

Die Landwirte in Deutschland erhalten fünf Milliarden Euro über die erste Säule dafür, dass über die sogenannten Querschnittsklauseln die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie, der Richtlinie über nationale Emissionshöchstmengen für bestimmte Luftschadstoffe (NEC-Richtlinie), der Nitrat-Richtlinien, der Meeresstrategie-Richtlinie und der Biodiversitätsstrategie erfüllt werden – aber nichts ist erfüllt! Das ist glattes Politikversagen. Und bisherige Einlassungen dazu lassen befürchten, dass es so weiter gehen soll. Untersuchungen dazu zeigen auf, dass die deutsche Landwirtschaft nicht nur gesellschaftliche Kosten über die erste Säule in Höhe von fünf Milliarden Euro verursacht, sondern die gleiche Summe mindestens noch einmal durch nicht internalisierte Umweltkosten verursacht werden.

Die  erste Säule sollte nach Ansicht vieler Fachleute aus der Wissenschaft komplett abgeschmolzen werden. Sarkastisch ausgedrückt ist es vor allem eine „Feudalherrenprämie“, weil es eine Prämie für Landbesitzer ist, da die Mittel im Fall eines Pächters zwar an den Pächter gehen, diese Mittel aber zwischen 60 und 90 Prozent auf den Pachtpreis umgelegt werden. Es profitieren also primär Landeigentümer unabhängig von der Bedürftigkeit – vergleichen Sie bitte einmal diese Situation mit der Situation bei der Sozialhilfe: Hier werden ohne Prüfung jeglicher Bedürftigkeit Milliarden an Landeigentümer gezahlt, während sich dort jeder Sozialhilfeempfänger komplett über seine finanzielle Situation erklären muss, um in den Genuss auch nur eines Euros von Transferzahlungen zu gelangen.

Eine überzeugende Agrarpolitik muss somit zukünftig sicherstellen, dass für Transferzahlungen des Staates nachprüfbar tatsächliche Gemeinwohlleistungen erbracht werden, das heißt, der Landbewirtschafter hat die notwendigen Daten uneingeschränkt bereitzustellen. Der Systemwechsel zu heute bestünde also darin, dass nicht mehr die weniger Guten legalisiert werden, sondern dass die Guten belohnt werden und die weniger Guten aus dem Transfersystem ausscheiden. Wir brauchen in Zukunft die Gelder der gemeinsamen Agrarpolitik in zwei großen Bereichen: 1. Gemeinwohlprämien im Bereich der Landnutzung und 2. Prämien für den Umbau der Tierhaltung. Davon sind wir heute noch sehr weit entfernt.

Wie schlecht steht es denn nun wirklich um unsere Umwelt? Wie schlimm ist die Verschmutzung durch Gülle?

Ich habe oben gezeigt, dass sämtliche EU-Umweltstandards für den Bereich Landwirtschaft durch den deutschen Staat nicht eingehalten werden. Dabei haben wir gesetzliche Standards! Ergo: Entweder sind die gesetzlichen Standards zu schwach (Defizite in der Legislative) oder sie werden nicht entsprechend umgesetzt (Defizite in der Exekutive). Beides trifft in Deutschland zu. Die gesetzlichen Standards sind schon Kompromisse zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Umsetzbarkeit aufgrund des Einflusses unter anderem des Bauernverbandes und anderer Lobbygruppen auf die politischen Entscheidungsträger. Außerdem sind die Kontrollen bisher für die Akteure, die sich nicht an die Regeln halten, offensichtlich nicht ausreichend abschreckend. Anders wäre es gar nicht möglich, dass wir in Deutschland immer noch Stickstoffüberschüsse in Höhe von 100 Kilogramm pro Hektar landwirtschaftlicher Fläche und Jahr haben – das sind bildlich gesprochen 250.000 LKW-Ladungen an Stickstoffdünger, die jedes Jahr die Umwelt belasten. Ich werde nicht müde darauf hinzuweisen, dass das, was politisch als „gute fachliche Praxis“ dargestellt wird, alles andere als das ist – es hat mit einer wissenschaftlich fundierten guten fachlichen Praxis, die an Universitäten gelehrt wird im Nährstoffbereich sehr wenig zu tun.

Aber warum machen wir einfach so weiter? Wer verhindert, dass sich hier etwas ändert?

Wie schon oben erwähnt, ist die Agrarlobby politisch immer noch extrem effizient. Dennoch ändert sich ja doch einiges, das Mut macht. Die Zivilgesellschaft hat zum Beispiel im Bereich des Tierschutzes dazu beigetragen, dass unter anderem nach unserem Gutachten des wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik zur Tierhaltung in Deutschland eine politische Bewegung in die Tierwohldebatte hineingekommen ist, die vor zwei-drei  Jahren noch undenkbar schien. Und genau so wird hoffentlich (aus Sicht der Umwelt) der Druck zum Beispiel im Bereich der Düngegesetzgebung steigen. Dazu kommt, dass auch die berufsständische Vertretung der Landwirte nicht mehr der uneingeschränkt monolithische Block früherer Tage  ist – vielmehr gibt es viele jüngere Mandatsträger dort, die wissen, dass Veränderungen kommen müssen und werden. Und schließlich ist es notwendig, die  staatlichen Organe immer wieder daran zu erinnern, gesetzliche Regelungen umzusetzen und diese Umsetzung auch zu kontrollieren – nur so bleibt das Vertrauen in das Funktionieren unseres Gemeinwesens gewährleistet. Dazu muss auch die Wissenschaft beitragen und damit schließt sich der Kreis zu meinem Eingangsstatement zu der großen gesellschaftlichen Bedeutung der Unabhängigkeit der Wissenschaft. Wir brauchen die Universität mehr denn je nicht nur in ihrer Funktion als Ort, wo neues Wissen wächst, sondern als Ort gesellschaftlicher Debatten auf der Basis seriöser wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das schließt ein, dass sich die Professorinnen und Professoren der Agrar- und Umweltwissenschaften stärker in diese Debatten einmischen und so den Lobbygruppen – welcher Seite auch immer – mehr Einhalt gebieten, als das bisher der Fall ist – da haben wir noch einiges an Luft nach oben.

Vielen Dank!

Das Interview führten Kathrin Kofent und Stefanie Pöpken