Deutschlands letzte Wilde

Im westfälischen Dülmen im Naturschutzgebiet Merfelder Bruch bietet sich ein einmaliges Mosaik aus Wäldern, Wiesen und Feldern. Dort leben sie, Seite an Seite mit Uhu, Brachvogel und Fischotter: Europas letzte Wildpferde.

Die Geschichte

Die Dülmener Wildpferde (ursprünglich: „Dülmener Brücher“) zählen zu den ältesten deutschen Pferderassen. Erstmals urkundlich erwähnt wurden sie 1316. In jenem Jahr sicherte sich Herrman de Merfeld im Merfelder Bruch das Recht auf Jagd, Fischerei und an den „Wilden Pferden“. Im 19. Jahrhundert wurde der Lebensraum der Wildpferde durch die fortschreitende landwirtschaftliche Intensivierung immer weiter beschnitten. So wurden Niedermoore und Auen trocken gelegt, das Land kultiviert und parzelliert. Die Dülmener Wildpferde wurden als Weidekonkurrenten bejagt oder eingefangen und beispielsweise als Grubenponys eingesetzt. Glücklicherweise ließ Alfred Franz Friedrich Philipp der Zehnte, Herzog von Croÿ um 1850 die letzten 20 Wildpferde einfangen und stellte ihnen ein Gehege im Merfelder Bruch zur Verfügung. So sicherte er das Fortbestehen der Rasse. Bis in die heutige Zeit leben die Tiere dort ursprünglich, ungezähmt und nahezu frei. Mit den Jahren wuchs die Herde, und die Weideflächen wurden erweitert. Noch immer sind die kleinen Wilden im Besitz der Familie von Croy. Das heutige Schutzgebiet mit seinen Weiden, Moor- und Heideflächen, Birkengestrüpp sowie Nadel- und Eichenhochwäldern umfasst eine Fläche von 350 Hektar.

Eingriffe und Auslese

Die etwa 360 Dülmener Wildpferde leben dort ganzjährig im Freien in einem großen Sozialverband, welcher in viele Familien aufgeteilt ist. Jede Familie besteht aus verwandten Stuten mit ihren Fohlen und wird von einer erfahrenen Leitstute angeführt. Die Tiere sind weitgehend sich selbst überlassen. Sie folgen ihren Instinkten und sind optimal an die Gegebenheiten ihres Lebensraumes angepasst. Von April bis September werden ausgewählte Deckhengste in die Stutenherde gelassen. Den Rest des Jahres leben sie von der Herde getrennt. Ziel dieses Herdenmanagements ist, dass die Fohlen – nach elf Monaten Tragzeit der Stuten – in den milderen, nahrungsreichen Frühlings- und Sommermonaten geboren werden. Auch bei den Junghengsten nimmt der Mensch Einfluss. Um Inzucht und erbitterte Rangkämpfe zwischen Hengsten in diesem doch begrenzten Lebensraum zu vermeiden, werden diese einmal jährlich aus den Herden herausgefangen und im Rahmen einer Auktion an Liebhaber der Rasse verkauft. Einige ausgewählte Junghengste werden aufgezogen und als Deckhengste in die Herde entlassen. Um Inzucht zu vermeiden, werden außerdem Konikhengste aus dem Tarpan-Rückzüchtungsprogramm aus einem staatlichen Reservat im Popielno Wald (Polen) eingesetzt. Weiterhin wird das freie Leben der Wildpferde durch den Menschen nur wenig beeinflusst. In harten Wintern mit Schneelage wird den Pferden Raufutter zugefüttert. Zwecks Regenerierung werden Weideflächen zeitweise gesperrt. Trinkwasser steht in Tränkegräben zur Verfügung, so dass die Tiere nicht auf Oberflächenwasser angewiesen sind.

Extrem gefährdet

Der Bestand der Dülmener Wildpferde stellt trotz Einkreuzungen heute einen wichtigen erhaltenswerten Genpool dar. Seit 1994 werden die kleinen Wilden auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen der GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V.) in der Gefährdungskategorie I als extrem gefährdet geführt. Früher wurden Stuten zu Zuchtzwecken auch in private Hände gegeben. Da diese Zucht außerhalb des Merfelder Bruchs stattfand, durften die Nachkommen nicht als Dülmener Wildpferde bezeichnet werden, sondern nur als „Dülmener“. Von dieser Rasse wurden im Herdbuch 2011 der „Zentralen Dokumentation Tiergenetischer Ressourcen in Deutschland“ 48 Stuten und 24 Hengste für die Herdbuchzucht anerkannt.


Steckbrief

Das Dülmener Wildpferd gilt als ausgesprochen robust und widerstandsfähig, dabei als gutmütig, freundlich und bei entsprechender Behandlung als sehr lernfähig. Vorherrschend sind Grau- und Braunfalben mit dem wildpferdetypischen Aalstrich auf dem Rücken und den gestreiften „Socken“. Es finden sich aber auch Braune und gelegentlich Füchse. Mit ihrem Stockmaß von 125 bis 140 Zentimetern und wegen ihres ausgeglichenen Charakters sind die Dülmener gut geeignet als Reitpferde für Kinder und Jugendliche und für das therapeutische Reiten.


Kathrin Kofent

Foto: © Uwe Yves Becker