Die Bayerische Landgans

Gerade die Bayerische Landgans in grau sieht der Graugans sehr ähnlich

Noch vor 50 Jahren konnte man in vielen Dörfern und auf den meisten Höfen noch das Geschnatter von Gänsen hören. Sie wurden wegen ihres Fleisches und ihrer Daunen gehalten und hoch geschätzt, und das über Jahrhunderte hinweg. Aber heutzutage sieht man kaum noch Gänseherden auf den Höfen Deutschlands. Die heutigen Gänse stammen zumeist aus Hochleistungs-Züchtungen und werden oftmals nicht in Deutschland, sondern in osteuropäischen Ländern gehalten, von wo ihr Fleisch importiert wird. Auf diese Weise sind viele der alten Landgänserassen ausgestorben, und auch der Bayerischen Landgans wäre fast dieses Schicksal widerfahren. Sie war früher im gesamten süddeutschen Raum verbreitet, vornehmlich in Franken, der Oberpfalz, Niederbayern und Schwaben.

Eine nicht anerkannte Rasse

Die wilde Stammform aller europäischen Gänserassen ist die Graugans Anser anser. Der Bayerischen Landgans sieht man ihre „wilde“ Herkunft noch deutlich an, besonders bei den grau gescheckten Tieren. Aber es gibt auch andere Farbschläge: reinweiß, grau mit Schenkelbinden, einfarbig braun, hell- oder dunkelblau oder Tiere mit geschecktem Gefieder in schwarz, grau, mittel- und hellblau. Selten kommen auch Schimmel-farbige (männliche) Tiere vor. Je nach Farbschlag variiert auch die Augen- und Krallenfarbe. Weiße und Schecken haben beispielsweise blaue Augen, während Blaue und Braune dunkle Augen haben.

Glaubt man alten Geschichten und Berichten, hatten die verschiedenen Farbschläge in der Vergangenheit womöglich einen ganz praktischen Nutzen: Jeder Gänsehalter hatte nur einen bestimmten Farbschlag im Stall und konnte seine Gänse deshalb von denen der Nachbarn unterscheiden. Dies war wichtig, weil die Tiere oft auf Wiesen getrieben wurden, wo alle ihre Gänse weiden ließen.

Wegen der vielen unterschiedlichen Farbschläge und Typen erkannte der Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG) der Bayerischen Landgans als Landganstyp den Rassestandard nicht zu. Allein die Fränkische Gans in ihrem beliebten blauen Farbschlag wurde beim BDRG anerkannt. So stellt die Rassebezeichnung „Bayerische Landgans“ heutzutage nur einen Oberbegriff dar, unter dem seit 1996 die ursprünglichen Regionalschläge Frankengans, Rhöngans, Maingans, Ulmer Gans und Oberbayerische Gans zusammengefasst werden. In allen fünf Schlägen kommen alle aufgeführten Farben vor.

Geschichte

Wie bei so vielen alten Nutztierrassen wurde auch die Bayerische Landgans über die Jahre immer stärker verdrängt. Durch die Kriegswirren des 2. Weltkrieges dezimierten sich die Bestände der Bayerischen Landgans rasch, und danach verlor sie zunehmend an Bedeutung wegen der Umstrukturierung der Landwirtschaft – die Zahl der Kleinbauern nahm stark ab – und des Siegeszuges der durch die Geflügelindustrie veredelten Deutschen Legegans. Schließlich führte auch die Hysterie um die Vogelgrippe und das damit verbundene Freilandhaltungsverbot zu einem starken Rückgang dieser Gans.

Von einer Vielzahl regionaler Schläge sind heute nur noch einige wenige erhalten. Zu verdanken ist der Erhalt der Rasse vor allem dem Einsatz einiger engagierter privater Züchter wie zum Beispiel Günther Warmuth und Siegfried Förster. 2008 erfassten die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) und der BDRG noch 48 Bayerische Landganter und 78 Gänse sowie 99 Ganter und 178 Gänse der hellblauen Frankengans. Aktuell wird der Bestand neu erfasst. Die GEH führt die Bayerische Landgans unter Kategorie I (extrem gefährdet) auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen.


Steckbrief

Bayerische Landgänse können bis zu 6 Kilogramm schwer werden. Sie haben einen leichten, aber kräftigen Körperbau und eine stolze und aufrechte Haltung. Sie ähneln in ihrem Instinkt- und Brutverhalten stark der Graugans und sind auch noch voll flugfähig. Allerdings sind sie sehr standorttreu und kehren jeden Abend in ihren Stall zurück. Die Bayerische Landgans ist anspruchslos in Haltung und Fütterung und sucht sich ihr Futter hauptsächlich selbst. In der Regel suchen Gänse sich einen Partner fürs Leben und kümmern sich gemeinsam um die Aufzucht der Gössel. In einem Gelege befinden sich in der Regel zwischen 10 und 12 Eier.


Christina Petersen

Foto oben: © Bauernhausmuseum Amerang, Foto unten: © Judith Handy