Die besondere Reitschule

 

Rebecca Kohlstadt betreibt im schleswig-holsteinischen Stakendorf mit viel Herzblut die Naturreitschule „natürlich Reiten“. Ihre Pferde und Ponys leben ganzjährig in Offenstallhaltung und im Sommer auf den ostseenahen Weiden.  

 

1. Was macht Ihre Reitschule so besonders?

“Natürlich Reiten“ ist eine Naturreitschule, deren Konzept auf der Verständigung von Mensch und Tier basiert. An oberster Stelle steht für mich der Respekt dem Pferd gegenüber. Ich möchte meinen Reitern das Verständnis für ein Lebewesen vermitteln, was wettbewerbsorientiertes Reiten für mich ausschließt. Gute Führung bedeutet Verantwortung zu übernehmen, Selbstreflektion, Einfühlungsvermögen und so viel Wissen wie möglich. Diese Elemente fließen je nach Alter der Reiter spielerisch oder sachlicher in meinen Unterricht ein. Meine Pferde haben auf unterschiedliche Weise zu mir gefunden. Einige haben eine sehr traurig Vergangenheit. Meine Pferde müssen nicht funktionieren, so wie man es aus vielen konventionellen Ställen kennt. Ich freue mich, dass meine Pferde auch nach Jahren ihre individuelle Persönlichkeit behalten haben. Merke ich, dass eins der Pferde eine Auszeit braucht, so bekommt es diese auch. Sicherheit und Entspannung gibt ihnen eine seit Jahren fest bestehende und toll funktionierende Herde, in der auch mein ältestes Pferd mit 35 Jahren vollwertiges Mitglied war.

 

2. Sie geben viele Unterrichtseinheiten und Kurse. Welche drei häufigsten Problemfelder begegnen Ihnen immer wieder?

Durch unser modernes Leben sind sehr viele Menschen sich ihres eigenen Körpers und ihrer Körpersprache absolut nicht bewusst. Daraus resultiert auch, dass es sehr lange dauert, bis Reiter in der Lage sind, sich in ein anderes Lebewesen hinein zu fühlen. Der dritte Punkt liegt wohl in der Natur des Menschen, denn wir sind ja nun mal sehr handorientiert. Menschen denken, sie müssen die „Zügel in der Hand“ haben, was sich auf das Sprichwort bezieht. Viele Reiter überfallen ihre Pferde förmlich mit Hilfen und Anweisungen und erzeugen so Missverständnisse und Spannungen auf beiden Seiten.

 

3. Wie beurteilen Sie die Situation der Freizeit-, Zucht- und Sportpferde in Deutschland?

Das ist nicht so leicht zu sagen. Wer ist Freizeitreiter und wer Sportreiter? Freizeitreiter sind alle Reiter, die nicht ihren Lebensunterhalt mit reiten verdienen. Dazu gehören ehrgeizige schleifenjagende Sportreiter genauso wie Reiter, die überwiegend im Gelände unterwegs sind. Ich bin in jeder der Richtungen traurig, wenn das Wohl des Pferdes und das gesunderhaltende Reiten/Trainieren nicht an oberster Stelle stehen. In vielen Fällen mangelt es leider an Wissen um Psyche und Physis des Freizeitpartners. Mit der „großen Turnierszene“ beschäftige ich mich ehrlich gesagt nicht großartig, da ich der Meinung bin, dass ein System, welches eine eindeutig gesundheitsschädigende Kopfhaltung nach acht Minuten erst als tierschutzrelevant ansieht, davor aber nicht, gründlich überdacht werden sollte. Glücklicherweise gibt es auch dort Ausnahmen. 

 

 

4. Läuft etwas falsch? Wenn ja, woran erkennen Sie das?

Die Fragen sind so umfangreich und ebensolche Antworten würden wahrscheinlich den Rahmen meines Beitrages sprengen. Ja und nein. Es gibt erfreuliche Veränderungen in der Haltungsart und der Freizeitgestaltung mit unseren Pferden. So lange es in einer Sparte um Ruhm, Ehre und Prestige geht, geht es immer auf Kosten des Athleten und das ist hierbei leider das Pferd.

 

5. Welche Haltungsform halten Sie für Pferde am ehesten tiergerecht?

Tiergerecht oder artgerecht? Artgerecht bedeutet doch der Natur des Pferdes am ehesten entsprechend. Wer kann seinem Pferd heute noch abwechslungsreiche, zuckerarme Nahrung 24 Stunden verfügbar, eine feste Herdenstruktur und Motivation zu 20 bis 25 Kilometern Bewegung täglich bieten? Die Entwicklung der Offenställe gefällt mir sehr gut, aber auch dabei gibt es so viele Faktoren zu beachten. Es ist schon eine Wissenschaft für sich, mit der ich mich auch laufend auseinandersetze.

 

6. Denken Sie, dass diese Haltung für den Großteil der Pferde umsetzbar ist?

Für den Großteil ja, aber auch hier gibt es Ausnahmen. In Pensionsställen mit viel Pferdewechsel sehe ich für alte und rangniedere Pferde schon manchmal Probleme. Es müssen für jedes Pferd viele Faktoren bei der Auswahl der Haltungsform und den möglichen Gegebenheiten in Betracht gezogen werden.

 

7. Gibt es etwas, dass Sie sich von Freizeitreitern und Sportreitern im Umgang mit ihren Tieren wünschen?

Ich wünsche mir von allen Reitern, gleich welcher Sparte, Toleranz gegenüber anderen Sparten der Reiterei. Miteinander statt gegeneinander. Voneinander lernen und stets das gesundheitliche Wohl eines jeden Pferdes an oberste Stelle zu setzen.

 

8. Welchen Beitrag können Reitlehrer und Trainer dabei leisten?

Es ist die Pflicht eines jeden Reitlehrers, seinen Schülern einen pferdegerechten, fairen und überlegten Umgang mit den Pferden zu vermitteln.

 

9. Was halten Sie von der Qualifikation von Ausbildern, Freizeit- und Berufs-Reitlehrern?

Ich glaube es ist schwer, durch die große Vielfalt an Sparten der Reiterei und der vielfältigen Ausbildungsmethoden, ein einheitliches Ausbildungssystem zu schaffen. Reitlehrer ist kein geschützter Beruf, so dass sich quasi jeder so nennen darf. Wer entscheidet, welcher Ausbildungsweg richtig und welcher falsch ist? Die Schule des Légeretè von Philippe Carl oder die akademische Reitkunst nach Bernd Branderup sind beides keine staatlich anerkannten Ausbildungen und doch bringen beide unglaublich gute Ausbilder hervor. Ich denke genauso wenig, wie man die Ausbildung des Pferdes in ein festes System pressen kann, kann man die Ausbilder auf eine bestimmte Richtlinie festlegen. Es bleibt jedem Ratsuchenden die Möglichkeit, auf der Suche nach einem Ausbilder mit klarem Menschenverstand so viel Information wie möglich zu sammeln, dem Ausbilder über die Schulter zu schauen und die Dinge gern kritisch zu hinterfragen. Ein guter Ausbilder wird sich darüber freuen und bereitwillig antworten.

 

10. Der Sachkundenachweis ist nur für Stallbetreiber, die ein Gewerbe haben, verpflichtend. Würden Sie dafür plädieren, dass auch jeder Pferdehalter über so einen Sachkundenachweis oder „Pferdeführerschein“ verfügen sollte?

Ein Pferdeführerschein ist eine gute Idee, schließt aber wieder an die vorherige Frage an. Autos werden grundsätzlich alle ähnlich bedient, was den Führerschein rechtfertigt. Wie aber will ich ein Lebewesen in ein Schema pressen? Dass bei vielen Pferdebesitzern ein klares Defizit an Wissen über Umgang und Haltung besteht, zeigen ja schon diverse Internetseiten, auf denen zum Beispiel Fotos von Brennnesseln mit der Frage nach einer Giftpflanze gepostet werden. Auch hier wäre es wie bei allen Tierbesitzern wünschenswert, dass Menschen bewusster mit der Anschaffung eines Tieres umgehen.

 

11. Wie könnte die Haltung und der tägliche Umgang mit den Pferden Ihrer Meinung nach verbessert werden?

Mehr Wissen seitens der Pferdehalter, mehr Miteinander und Bereitschaft über den Tellerrand hinauszuschauen. Mehr Verantwortungsbewusstsein, weg von dem Leistungsgedanken hinsichtlich des Reitens zurück dazu Reiten als Kunst zu sehen und zu verstehen.

 

12. Haben Sie sonstige Wünsche, Ideen, Visionen?

Ich glaube, die vorherige Frage beantwortet meine Wünsche schon ganz gut. Begeben wir uns zur Abwechslung einmal in die „Hände“ unserer Pferde und lassen sie unseren Lehrmeister sein. Es gibt so viel zu entdecken!

 

Rebecca Kohlstadt, Berittführerin FN

24217 Stakendorf

Telefon mobil (0151) 23 76 69 97

www.natuerlich-reiten.net

E-Mail: info@natuerlich-reiten.net

 

PS: Rebecca Kohlstadt trainiert auch das PROVIEH-Pferd Lasse und seine Pflegerin Birte regelmäßig nach den Grundsätzen des Natural Horsemanship.

© Fotos: Rebecca Kohlstadt/ Natürlich reiten