Die überzähligen Kälber – ein Tierschutzproblem der Milcherzeugung

16.04.2015: Dass Millionen männlicher Eintagsküken als „Überschuss der Legehennen-Produktion“ getötet werden, ist allgemein bekannt. Dass es ein ähnliches Problem in der Milchviehhaltung gibt, ist weniger bekannt, bedarf aber ebenso dringend einer Lösung. Aktuell leben in deutschen Ställen 4,3 Millionen Milchkühe, die zusammen 31 Millionen Tonnen Milch pro Jahr „produzieren“. Damit liegt Deutschland EU-weit auf Platz 1 in der Milchproduktion. Eine deutsche Hochleistungskuh kommt auf eine tägliche Milchmenge von 40 und mehr Litern. Rund eine Millionen Kühe werden noch immer in Anbindehaltung gehalten, die übrigen in immer größeren Herden in sogenannten Boxen-Laufställen. Laufhöfe oder Weidegang bleiben vielen Kühen verwehrt. In Norddeutschland kamen 2010 rund 75 Prozent der Kühe auf die Weide, in Ostdeutschland 19 Prozent und in Bayern nur 16 Prozent.

Um eine durchgehend hohe Milchmenge zu produzieren, stehen die Tiere unter enormer körperlicher Belastung. Trotz hoher Kraftfuttergaben „verhungern die Kühe beinahe am vollen Trog“, da ein großer Teil der Nahrung für die Milchbildung verbraucht wird. Es ist üblich, dass jede Kuh einmal jährlich ein Kalb zur Welt bringt. So soll im Mittel ein Milchfluss in gleichbleibender Menge und Qualität gesichert werden. Die Kühe werden üblicherweise künstlich besamt. Dafür stellen Hochglanzprospekte Vererber (Bullen) mit unterschiedlichen Eigenschaften zur Wahl, zum Beispiel „Robot Ready“ (besonders geeignet für Melkroboter) oder „Polled“ (genetische Hornlosigkeit). Bereits nach zwei bis drei Geburten und Laktationen ist eine Kuh mit vier bis maximal sechs Jahren, körperlich verbraucht und muss ihre letzte Fahrt zum Schlachthof antreten. Bis zu zehn Prozent der Kühe sind zum Zeitpunkt der Schlachtung tragend, und nach dem Tod der Mutter erstickt das ungeborene Kalb qualvoll. Bislang wird dieser tragische Umstand weder in Gesetz noch in der Praxis berücksichtigt.

Alljährlich kommen in Deutschland über vier Millionen Milchkälber zur Welt. Erschreckend ist die hohe Verlustrate (inklusive Totgeburten) von 10 bis 20 Prozent. Gleich nach der Geburt werden die meisten Kälber von ihren Müttern getrennt. Ein Teil der weiblichen Kälber geht in die Nachzucht. Nach durchschnittlich 29 Monaten bekommen sie ihr erstes Kalb und werden dann als Ersatz für ausgemusterte ältere Tiere eingesetzt. Doch was passiert mit den restlichen Kälbern, die nicht zur Nachzucht gebraucht werden?

Die Zuchtauswahl bei Milchviehrassen - in Deutschland vor allem die „Holstein Friesian“ - konzentriert sich sehr auf hohe Milchleistung. Deshalb sind die weiblichen und männlichen Kälber dieser Rasse fast wertlos für die Mast. Zu gering ist die Fleischausbeute, zu kostspielig eine längere Mast. Dennoch mästen viele Milchbauern ihre eigenen Bullenkälber selbst, sofern sie Platz dafür haben.

Die meisten anderen dieser Kälber werden im frühen Alter von zwei bis vier Wochen zur Mast verkauft. Sind sie gesund und gut entwickelt, erbringen sie einen Erlös von 60 bis 80 Euro. Kleine Kälber (weiblich oder Zwilling) nimmt der Viehhändler oft nur aus Gefälligkeit ohne Bezahlung mit. Auf zuvor erkrankten Kälbern oder solchen mit schlechtem Entwicklungszustand bleibt der Milchbauer in der Regel sitzen. Aber die Gesundheitsfürsorge für die Kälber rechnet sich für Milchbauern nicht. Deswegen ist es in einigen europäischen Ländern üblich, Bullenkälber als „Überschuss“ direkt nach der Geburt zu töten. Das ist in Deutschland verboten.

 

Das kurze Leben der Mastkälber

 

Kälber, die im Alter von zwei bis vier Wochen an Mastbetriebe verkauft werden, gelangen dorthin auf Sammeltransporten, auf denen Kälber aus unterschiedlichen Betrieben zusammenkommen und einer großen Zahl von Keimbelastungen und Erkrankungen ausgesetzt sind. Das Immunsystem der Kälber ist aber erst ab einem Alter von drei bis vier Monaten voll entwickelt. Deshalb fangen sich die Kälber auf dem Transport leicht Atemwegs- und Durchfallerkrankungen ein und werden auf den Empfangsbetrieben in großem Umfang mit Antibiotika behandelt. Eine landesweite Datenerhebung des niedersächsischen Agrarministeriums zum Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung zeigte 2011, dass in der deutschen Kälbermast in ausnahmslos allen betrachteten Betrieben Antibiotika eingesetzt wurden (zum Vergleich: Bei der Hühnermast in 83 Prozent aller untersuchten Betriebe, Putenaufzucht und -mast 92 Prozent, Schweinemast 77 Prozent).

Die meisten der deutschen Kälber von Milchviehrassen werden zur Mast jedoch ins Ausland verkauft, größtenteils in die Niederlande, viele auch nach Frankreich. 2012 waren es insgesamt fast eine halbe Million Kälber von höchstens 80 Kilogramm Gewicht. Die meisten Mastkälber werden im Alter von 22 Wochen und einem erwarteten Schlachtgewicht (nicht Lebendgewicht!) von 150 Kilogramm geschlachtet und als Kalbfleisch vermarktet. Europaweit stammen zwei Drittel des Kalbsfleisches von Milchviehrassen.

In Deutschland wird die Kälberhaltung durch die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung geregelt. Spätestens ab der neunten Woche werden die Kälber in Gruppen auf Vollspaltenböden aus Bongossiholz oder Beton gehalten. Ein Ausleben des Spiel- und Bewegungstriebes auf diesen Böden, wenn sie durch Kot und Urin rutschig geworden sind, ist extrem eingeschränkt bis unmöglich. Das lernen die Kälber in kürzester Zeit und bewegen sich dann nur noch vorsichtig. Zwecks Kosteneinsparung ist es üblich, dass die Spaltenböden während der gesamten Mastdauer nicht gereinigt werden. Rinder suchen von Natur aus weiche Liegeflächen auf. Deshalb fordert die EU-Richtlinie über die Mindestanforderungen für den Schutz von Kälbern einen Liegebereich mit „ausreichend geeigneter Einstreu“. Dieser Aspekt der „bequemen Liegefläche“ wurde in deutsches Recht nicht übernommen. Ein höchst fraglicher Umstand. Trotz des Verbotes der Anbindehaltung für Kälber wird ein Teil von ihnen immer noch auf diese Weise gemästet.

 

Die Biokälber

 

Auf Biobetrieben werden oft ebenfalls Hochleistungsmilchkühe gehalten. Auch sie bekommen jedes Jahr ein Kalb. Wussten Sie, dass viele von ihnen (größtenteils männlich, zum kleineren Teil weiblich) nicht auf dem Bio-Betrieb gemästet werden, sondern an konventionelle Mäster verkauft werden? Konsumieren wir also Bio-Milch, müssen wir diese Tatsache in Kauf nehmen. Biokälber müssen laut EU-Ökoverordnung mit Vollmilch aufgezogen werden. Deswegen verkauft der Biolandwirt sie oft möglichst früh zur Mast, um die wertvolle Milch lieber zu vermarkten statt sie mit Verlust zu verfüttern. Nur in der konventionellen Haltung darf zur Kälberaufzucht Milchaustauscher eingesetzt werden. Dies macht die konventionelle gegenüber der Bio-Mast rentabler.

 

Mögliche Lösungen des „Kälberproblems“

 

Gäbe es eine einfache Lösung für das „Kälberproblem“, wir hätten sie schon lange. Das Tierschutzgesetz schreibt in Paragraf zwei vor, dass Tierhalter und Betreuer Tiere „angemessen zu pflegen“ haben. Diese Formulierung ist rechtlich schwammig, denn unbestimmt bleibt, was als „angemessen“ gelten soll. Deshalb kommen außer den Milchviehhaltern auch die Hoftierärzte oft in einen Konflikt: Darf der Pflegeaufwand aus ökonomischen Erwägungen beschränkt werden? Dürfen überlebensschwache oder kranke Kälber getötet werden, um sie vor Siechtum und Leiden zu bewahren? Das sind ethische Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind und dennoch einer Antwort harren, wie Tierarzt Michael Drees von der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) in den TVT-Nachrichten 1/2014 eindringlich begründete.

Aus Sicht von PROVIEH gibt es weitgehend konfliktfreie Lösungen für das Problem. Zu ihnen gehört, einseitige Milchviehrassen durch Zweinutzungsrassen zu ersetzen, die – wie früher üblich – gut zur Milch- und Fleischgewinnung eingesetzt werden können. Zu solchen Rassen gehören zum Beispiel Gelbvieh, Braunvieh und Rotbunte alter Zuchtrichtungen sowie das Fleckvieh, das schon jetzt in Bayern das dominante Milchvieh ist. Kühe dieser Rassen geben zwar weniger Milch als reine Milchkühe, können ihre Milchleistung aber länger im Leben auf einem hohen Niveau erhalten, und ihre Kälber eignen sich gut für die Mast.

Ein weiterer Ansatz wäre die Erhöhung der Zwischenkalbezeit. So würden je nach Ausdehnung der Zwischenkalbezeit zumindest weniger „Wegwerfkälber“ auf die Welt kommen. Eine Übergangslösung beziehungsweise Kombilösung dazu wäre folgende: Zur sicheren Remontierung der Milchviehherde könnten gezielt nur gute Muttertiere mit Samen von entsprechenden Leistungsbullen besamt werden. Die anderen Kühe könnten mit Sperma eines Fleischbullen besamt werden. So würden Kälber geboren werden, die nicht „überzählig“ wären, sondern deren Mast sich wirtschaftlich lohnen würde.

Für Biobetriebe wäre eine muttergebundene Kälberhaltung oder eine Ammenkuhhaltung ein Ausweg. Die so erzeugte Milch müsste zum Ausgleich für die Mehrkosten um einiges teurer sein, aber viele Verbraucher wären sicherlich bereit, dieses Mehr an Tiergerechtheit durch den Kauf dieser Milch wertzuschätzen. Der ideale Weg wäre dabei eine Direktvermarktung mit Kundenbindung, beispielsweise im Rahmen der gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft.

 

Mögliche Lösungen aus der (Bio)praxis

 

Während Deutschland in der EU der größte Milchproduzent ist, liegt der Anteil an im Inland gemolkener Bio-Milch mit 2,3 Prozent weit hinter anderen europäischen Ländern wie Schweden (2013 fast 13 Prozent) oder dem Spitzenproduzenten Österreich (um die 15 Prozent). Hier ist also noch viel Luft nach oben.

Auf Biobetrieben werden oft ebenfalls Hochleistungsmilchkühe gehalten. Auch sie bekommen jedes Jahr ein Kalb. Die meisten weiblichen Biokälber in der Milcherzeugung werden nach der Trennung von der Mutterkuh – wie auch auf konventionellen Betrieben üblich – mit der Eimertränke aufgezogen. Unter natürlichen Bedingungen saugen junge Kälber fünf- bis zehnmal am Tag und trinken bei jeder Mahlzeit jeweils fünf bis zehn Minuten. Hierbei nehmen sie durchschnittlich zehn Kilogramm Milch täglich auf. Im Vergleich dazu bekommen die Kälber bei der Eimertränke üblicherweise zweimal täglich bis zu drei Liter Milch. Dieser Vergleich verdeutlicht, wie wenig tiergerecht eine solche Aufzucht ist.

 

Es gibt andere Wege (Beispiel Antonihof)

 

Mit dem Wegfall der Milchquoten ist eine Veränderung auf dem Milchmarkt zu erwarten. Befürchtet wird, dass nur noch Großbetriebe bei wachsendem Preiskampf auf dem Milchmarkt bestehen können. Alternativ zur Intensivierung der Produktion in der konventionellen Landwirtschaft hat sich ein Teil der Biobranche jedoch auf „neue Wege“ begeben. Landwirte zeigen, dass ökonomische und zugleich tiergerechte Milchwirtschaft sich keinesfalls gegenseitig ausschließen.

Dass Milchproduktion und Kälberaufzucht annähernd tiergerecht möglich sind, und dabei auch noch den Landwirt ernähren können, verdeutlicht ganz konkret eine aktuelle Gegenüberstellung von fünf baden-württembergischen Biobetrieben, welche aufgrund ihres individuellen Kälberaufzuchtsmanagements ausgewählt worden waren. In den fünf Betrieben werden neben dem üblichen Trennen von der Mutter mit anschließender Eimer-Vollmilchtränke noch drei weitere mutter- oder ammengebundene Aufzuchtverfahren praktiziert:

  • die Kälber kommen zweimal täglich vor oder nach den Melkzeiten zu ihren Müttern, um zu trinken
  • die Kälber sind während der Melkzeiten bei einer Amme
  • die Kälbergruppe wird dauerhaft mit einer bestimmten Anzahl an Ammen- beziehungsweise Mutterkühen gehalten

Einer der dort beschriebenen Höfe ist besonders interessant. Der Antonihof erwies sich mit seiner Methode als der wirtschaftlichste und ist zugleich besonders tiergerecht: Landwirt und PROVIEH-Mitglied Christoph Trütken stellte den elterlichen Betrieb seiner Frau Birgit Strohmeier 2008 auf Biolandwirtschaft um. Nicht ohne Grund erhielt der Antonihof 2013 für seine vorbildliche Milchviehhaltung den baden-württembergischen Landestierschutzpreis. 30 Kühe (Fleckvieh und Braunvieh) grasen hier von Anfang April bis Ende Oktober auf den Hof nahen Weiden. Zu den Melkzeiten gibt es statt Kraftfutter hochwertiges Heu aus der eigenen Solar-Trocknung. Auch im Winter reicht die alleinige Raufuttergabe aus. Dann leben die Kühe in einem großzügigen, lichtdurchfluteten Zweiraumstall mit Tiefstreu-Liegehalle, Laufhof und Fresshalle. Aufgrund der großen Stallfläche von acht bis zehn Quadratmeter Liegefläche pro Tier bringen die Kühe ihre Kälber entspannt in der Gruppe zur Welt und werden erst nach der Geburt in aller Ruhe von der Herde getrennt. Die weibliche Nachzucht und ein Teil der männlichen Kälber werden dann daran gewöhnt bei sogenannten Ammenkühen zu trinken. Jeder Amme werden drei Kälber anvertraut. Hervorzuheben ist, dass die Kälber ihre Hörner behalten dürfen und – vergleichbar mit der Mutterkuhhaltung bei Fleischrindern – bis zum Alter von etwa neun Monaten gemeinsam mit den Ammen auf den hofferneren Weiden laufen können. Die Kälber können somit jederzeit Milch saugen, was ihrem Bedürfnis sehr viel näher kommt, als das Tränken mit dem Eimer. Bald sollen alle männlichen Kälber auf dem Antonihof aufgezogen werden können. Ein Bauantrag für eine Stallerweiterung auf 35 Milch- und 17 Ammenkuhplätze ist gestellt und soll in Zukunft Platz für alle Bullenkälber bieten.

Die tierschutzrelevanten Probleme der Milchviehhaltung sind sehr vielschichtig. PROVIEH sieht die Zeit gekommen, dass ein Umdenken einsetzen muss. Zu hoffen ist, dass die Biobetriebe bei ihrer Zukunftsplanung das Wohl der Kuh und ebenso das ihrer weiblichen wie auch männlichen Kälber insgesamt im Auge haben. Der Antonihof zeigt auf, dass Wirtschaftlichkeit und Tiergerechtheit in Einklang gebracht werden können. Dies lässt Raum für Hoffnung, dass viele – auch konventionelle Betriebe – die alten Pfade verlassen und bessere Wege einschlagen. Das Wohl des Tieres und die Wertschätzung müssen in den Vordergrund rücken. Selbst wenn nur ein Prozent der Milchviehbetriebe etwas verbessern und im Idealfall dem Konzept von Landwirt Trütken folgen würden, könnte das Leben von rund 43.000 Kälbern und deren Mütter verbessert werden.

 

Kathrin Kofent, Fachreferentin PROVIEH (Schwerpunkt Rinder und Pferde)

Erstellungsdatum: April 2015

Fotos von oben nach unten: © freeanimalpix; © Jai79_Pixabay; © Christoph Trütken; © Christoph Trütken