Die wahren Ausbreiter von Geflügelpest – warum nennt das Friedrich-Loeffler-Institut sie nicht?

Der November ist der übliche Monat, in dem die Geflügelpest (eine gefährliche Variante der Vogelgrippe) bei uns in Deutschland auszubrechen beginnt. Das Friedrich Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bei Rügen kommt dann wieder mit seiner alten Leier, Wildvögel würden das gefährliche Virus verbreiten, und wenn dann einige hiesige Wildvögel am Virus sterben, sieht sich das FLI in seiner Leier sogar bestätigt. In diesem Jahr waren es vor allem Reiherenten an der Plöner Seenplatte, die dem Virus zum Opfer fielen. Weitere Opfer gab es danach in einem Zuchthennen-Betrieb in Angeln (nördliches Schleswig-Holstein), so dass der ganze Bestand von 30.000 Hennen getötet werden musste. Aber wie konnte das Virus in den Hennenstall gekommen sein? Durch Wildvögel jedenfalls nicht, wie versichert wurde, denn der Stall ist eine geschlossene Anstalt. Aber wie sonst? Ja, das fragen sich viele und bekommen von offiziellen Stellen keine vernünftigen Antworten.

Wie seit Jahren immer wieder, kommen die überzeugendsten Antworten nicht aus offiziellen Quellen, sondern wie diesmal aus einer ehrenamtlichen Quelle, dem Wissenschaftsforum Aviäre Influenza (WAI). Zehn Seiten umfasst deren Schriftstück vom 24. November 2016, das hier abrufbar ist und endlich überzeugende Antworten gibt: Schon wieder ist es die global vernetzte Geflügelindustrie, die das gefährliche Virus auf ihren Handelswegen verbreitet, und schon wieder kommt es aus Fernost. Die Viren, die jetzt im Herbst 2016 festgestellt wurden, kamen sehr wahrscheinlich aus Ungarn und gelangten mit Geflügel-transporten nach Polen, Deutschland und Österreich. In diesen drei Ländern richtete das H5N8-Virus tatsächlich Schäden an. Um Autobahngebühren zu sparen, fahren die Geflügel-LKWs gern auf gebührenfreien Überlandstraßen. Eine von ihnen führt direkt am Plöner See vorbei, wo zurzeit tausende Reiherenten überwintern, und direkt am See gibt es sogar einen ziemlich großen Parkplatz. Alles ideal für Viren, um mit der Abluft aus der Ladefläche eines LKWs ins Freie zu gelangen und dort zum Beispiel Reiherenten zu infizieren.

Natürlich seien nicht alle Erkenntnisse vom WAI gesichert, wie das WAI ausdrücklich bemerkt, aber dennoch überzeugen sie, weil aus ihnen gesunder Menschenverstand gepaart mit wissenschaftlicher Gründlichkeit spricht. Die Antworten aus dem FLI dagegen weisen diese Merkmale nicht aus, sie wirken spekulativ und verletzen den gesunden Menschenverstand. Das FLI beherrscht wohl die Identifizierung von Viren und deren vielen Varianten, aber anscheinend nicht die epidemiologische Analyse von Geflügelpest und deren Ausbreitung. Das wirft die Frage auf, ob das FLI womöglich Antworten liefert, die auf die Interessen der Geflügelindustrie zugeschnitten sind. Das könnte manche Ungereimtheit aus dem FLI erklären, aber bitte, das ist nur eine Vermutung. Es ist schlimm genug, dass sie überhaupt ausgesprochen werden kann.

Sievert Lorenzen

28.11.2016

Foto: © pixabay / skeeze


Das Schriftstück des WAI finden Sie hier.