Eigenwert der Natur. Interview mit Prof. Dr. Dr. Martin Gorke

Martin Gorke studierte Biologie und Philosophie. 1989 promovierte er zum Doktor der Naturwissenschaften mit einer Dissertation über die Verhaltensökologie und Populationsdynamik der Lachmöwe. Sieben Jahre lang arbeitete er als Naturschutzwart auf der Vogelhallig Norderoog. 1997 promovierte er zusätzlich zum Doktor der Philosophie mit einer Dissertation über die ethische Dimension des Artensterbens.2008 habilitierte er sich im Fach Umweltethik mit dem Thema „Eigenwert der Natur. Ethische Begründung und Konsequenzen.“Seit 2016 ist Martin Gorke Professor für Umweltethik an der Universität Greifswald. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Holistische Umweltethik, Artenschutz,Wissenschaftstheorie der Ökologie, Naturphilosophie, Albert Schweitzer und die Seevogelökologie.

 

PROVIEH: Herr Gorke, Sie gehören zu den wenigen Umweltethikern in Deutschland, die eine „holistische“ Umweltethik vertreten. Können Sie uns kurz beschreiben, worum es da genau geht?

Martin Gorke: Seit Umweltethik in den 1970er Jahren als akademische Disziplin entstand, wird dort um die Frage gerungen, welchen Objekten unseres Handelns gegenüber Rücksicht um ihrer selbst willen gebührt. Es werden vier verschiedene Antworten vorgeschlagen: In der anthropozentrischen Ethik können nur Menschen solche direkten Gegenstände von Moral sein, in der pathozentrischen Ethik sind es auch leidensfähige Tiere, in der biozentrischen Ethik alle Lebewesen und in der holistischen Ethik auch das Unbelebte sowie überorganismische Ganzheiten wie Arten und Ökosysteme. In einer holistischen Ethik kommt der gesamten Natur ein Eigenwert zu.

Was spricht für eine so weitreichende Ethik?

Zunächst einmal elementare moralische Intuitionen. So war es für moralisch sensible Menschen schon immer klar, dass wir den rücksichtsvollen Umgang mit bewusst empfindungsfähigen Tieren diesen Tieren schulden und nicht – wie Anthropozentriker meinen – nur unseren Mitmenschen (oder uns selbst). Zu dieser weit verbreiteten Tierschutz-Intuition kamen mit der Heraufkunft der ökologischen Krise zwei elementare Naturschutz-Intuitionen hinzu: das Postulat eines allgemeinen Artenschutzes und das Postulat des Schutzes von Wildnis. Nach ersterem sollten wir Auslöschungen von Arten grundsätzlich vermeiden; ein Indiz dafür sind die Roten Listen. Nach letzterem gilt es, über Jahrhunderte gewachsene Naturlandschaften möglichst unangetastet zu lassen; ein Indiz dafür sind die Kernzonen der Nationalparke. Nur mit einer holistischen Ethik lassen sich alle drei Intuitionen gleichermaßen plausibel rechtfertigen.

Wie funktioniert das?          

Als Ausgangspunkt einer weltanschaulich unproblematischen Begründung schlage ich den sogenannten moralischen Standpunkt vor: Man muss sich als moralischer Mensch verstehen, als jemand, der nicht nur seine eigenen Interessen durchzusetzen versucht, sondern sich verallgemeinerbaren moralischen Grundsätzen unterwirft. Hat man sich auf diesen Standpunkt eingelassen – so meine These – darf man nicht wählerisch sein, welchen Naturwesen man einen Eigenwert zubilligt und welchen nicht. Moral ist ihrem Wesen nach universal. Sie versucht sich in irgendeiner Form immer auf „alle“ zu beziehen. Dann stellt sich die Frage: Wer sind alle? Meines Erachtens haben hier diejenigen, die die Moralgemeinschaft kleiner fassen wollen als die holistische Ethik, die Begründungslast. Ist man sich darüber einig, dass Moral universal ist, muss man nicht Einschlüsse in die Moralgemeinschaft rechtfertigen, sondern Ausschlüsse.

Die industrielle Landwirtschaft gilt in Europa als Hauptverursacher für den Verlust an Biodiversität. Zudem lässt sich die industrielle Tierproduktion nicht oder kaum mit dem Tierschutz vereinen. Kurzum: Die industrielle Landwirtschaft scheint nicht in ein holistisches Weltbild zu passen. Andererseits soll die Landwirtschaft zur Sicherung der Welternährung dienen. Stehen wir vor einem ethischen Dilemma?

Dieser Schluss liegt nahe, wenn man die Bedingungen des Zielkonfliktes nicht näher hinterfragt. Mehrere wissenschaftliche Institute haben dies kürzlich in einer gemeinsamen Studie getan, die im renommierten Fachmagazin Nature Communications erschienen ist. Demnach ist es möglich, die komplette Landwirtschaft weltweit auf Öko-Landbau umzustellen und gleichzeitig eine Weltbevölkerung von voraussichtlich neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 zu ernähren.

Die Autoren verschweigen in dieser Studie nicht, dass eine solche Umstellung mit einem deutlich erhöhten Flächenbedarf einherginge – wenn die derzeitigen Konsummuster beibehalten würden. Das wäre für die Biodiversität und das Weltklima aber verhängnisvoll, denn die zusätzlich benötigten Flächen würden voraussichtlich durch Rodungen von tropischen Wäldern geschaffen werden. Die Umstellung auf hundert Prozent Öko-Landbau würde so vom Regen in die Traufe führen.

Doch das Dilemma ist nicht unausweichlich. Die Studie zeigt die Alternative auf. Die zur Welternährung benötigte Anbaufläche könnte gleich bleiben, wenn sich der Konsum und das Verbraucherverhalten grundlegend änderten: Zum einen dürften nicht mehr so viele Lebensmittel weggeworfen werden wie bisher. Derzeit landet in Deutschland ein Viertel aller Nahrung im Müll. Zum anderen müsste die Weltbevölkerung dann zwei Drittel weniger Fleisch und andere tierische Produkte verbrauchen. Bei den Ländern im globalen Süden, wo heute schon viel weniger tierisches Eiweiß konsumiert wird als hier, würde sich dadurch kaum etwas ändern. Dagegen müsste in Industrieländern wie in Deutschland der Fleischkonsum um drei Viertel sinken. Ernährungswissenschaftler und Mediziner fänden das prima. Der hohe Fleischkonsum hierzulande reduziert nachweislich die statistische Lebenserwartung.

Trotzdem erscheint dieses Öko-Szenario recht unrealistisch...

Alle ethischen Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit erschienen zunächst unrealistisch. Heute möchten wir sie nicht mehr missen. Zudem sind ethische Ziele nicht nur dann sinnvoll, wenn sicher ist, dass man sie eines Tages zu hundert Prozent erreicht. Man kann ihnen ja immerhin näher kommen. Entscheidend ist, dass man nicht nachlässt, sie anzustreben.         

    

Das Interview führte Svenja Furken, Vorstandsmitglied von PROVIEH