Ein neues Leben für Wigor und Rolka

24.04.2014: Am 10. März 2014 fuhr unser PROVIEH-Team zu Recherche-Zwecken auf Europas größtem Pferdemarkt im polnischen Skaryszew. Dort erwarben wir zwei Kaltblutfohlen. Wigor, den acht Monate alten Hengst mit viel zu langen, stark verformten Hufen und Rolka, das 9 Monate alte Stutfohlen, das mit einer Halsschlinge fixiert auf einem offenen Holz-Anhänger wartete.

Ab sofort erfahren Sie im Rahmen unserer Kampagne „Respekt vor dem Pferd" einmal monatlich alle Neuigkeiten über unsere beiden Fohlen.

 

Aus Wigor und Rolka werden Lasse und Belle

Die beiden Kaltblutfohlen haben sich mittlerweile wunderbar in das Leben auf dem idyllisch gelegenen Biohof von Volker Kwade eingefunden. Die Wirtschaftsgemeinschaft der gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft des Hof Hörsten hat die Patenschaft für die beiden übernommen. Dort werden sie liebevoll und mit viel Fachkenntnis versorgt. So zählt der Demeter Landwirt selbst seit vielen Jahren Pferde zu seinen Begleitern. Bei der Feldarbeit unterstützen ihn die Schwarzwälder Füchse Larsson und Robin und noch zwei weitere junge Kaltblutpferde warten auf ihre neuen Herdenmitglieder. Volker Kwade gab den Fohlen nun als Zeichen für ihr zweites Leben in Deutschland neue Namen: Lasse und Belle.

Die erste Zeit verbringen Lasse und Belle in dem großen Laufstall mit Ausblick auf den Hof. So können sie langsam in ihr neues Leben hineinwachsen und sich an den täglichen menschlichen Umgang gewöhnen. Mit viel Ruhe baut Volker Kwade eine Vertrauensbasis zu den beiden auf. Tägliches Berühren und regelmäßiges Aufhalftern, gefolgt von kleinen Führübungen stehen auf dem Programm.

Der erste Tag auf der Weide

Dann zwei Wochen nach ihrer Ankunft im neuen Leben führen wir Lasse und Belle, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben, auf eine Weide. Neugierig halten die beiden Ausschau nach allen Seiten, folgen uns aber vertrauensvoll und immer mutiger. Leider müssen sie sich erst einmal ein paar kleine Stromschläge „abholen“, bis sie dann aber schnell verstehen, dass das Zaunband eine Grenze darstellt. Belle dreht einige Runden im Galopp, Lasse kann aufgrund seiner schlechten Hufe nur unsicher folgen. Interessiert kosten sie das erste Gras. Schon am nächsten Tag liegen die beiden friedlich nebeneinander und genießen die warme Frühlingssonne. Besonders für Lasse ist das Sonnenlicht sehr wichtig. Sein schlechter Fellzustand lässt uns vermuten, dass er sein gesamtes Leben in Polen in einem Stall verbringen musste. So konnte sein Körper nicht ausreichend Vitamin D bilden. Das so genannte Sonnenschein - Vitamin, wird vom Körper erst dann ausreichend produziert, wenn die Pferde - selbst an wolkigen Tagen - vier bis sechs Stunden Tageslicht haben und draußen sind. Es ist für die Knochenerhaltung und -entwicklung das wichtigste Vitamin und wird erst durch die UV-Strahlung aus den Provitaminen auch in der Haut aufgebaut. Des Weiteren sind durch die Huffehlstellung und den starken Bewegungsmangel Sehnen, Bänder und Muskeln untrainiert. Er läuft unkoordiniert und kraftlos. Selbst das Grasen fällt dem kleinen Hengst sichtlich schwer.

Hufpflege

Die dringend nötige Hufkorrektur führt der Hufschmied Nicolai Wandruszka (www.wandruszka-hufbeschlag.de) aus Fargau durch. Freundlicherweise erhebt Herr Wandruska lediglich eine kleine Fahrtkostenpauschale und korrigiert die Hufe kostenlos. Bei Belle stellt der Schmied fest, dass sie höchstwahrscheinlich in Anbindehaltung leben musste. Ihre Vorderhufe weisen Abnutzungen auf, die Durch Scharren aus Langeweile entstanden sein dürften. Gestärkt wird diese Vermutung noch dadurch, dass sowohl sie als auch Lasse im Stall ein stereotypes Holzknabbern zeigen. Solch ein Zwangsverhalten entwickeln Pferde aus Langeweile und Unzufriedenheit, wenn sie ihre natürlichen Bedürfnisse nicht ausleben können.

Lasses Hufe werden gekürzt. Die starke Fehlstellung des rechten Hinterhufes muss regelmäßig korrigiert werden. Eventuell wird er in ein bis eineinhalb Jahren ein orthopädisches Eisen tragen müssen. Uns wird umso klarer, dass Lasse keine Chance gehabt hätte. Hätte PROVIEH ihn nicht gekauft, wäre er höchstwahrscheinlich auf einem Sammeltransport nach Italien gegangen und dort bis zur Schlachtung noch drei Monate in Anbindehaltung gemästet worden. Dies wäre bei seiner starken Beinfehlstellung besonders schmerzhaft und qualvoll geworden. Und auch bei Belle bleibt das ungute Gefühl, was aus ihr geworden wäre, wenn sich bis zum Abend auf dem Pferdemarkt kein Käufer gefunden hätte.

Sanftes Training

Zur Festigung seiner neuen Hufstellung muss Lasse nun jeden Tag 20 Minuten auf hartem Untergrund im Schritt geführt werden. Belle begleitet ihn bei seinen gemeinsamen Spaziergängen mit Volker Kwade. Hierbei vertiefen leichte Übungen nach Natural Horsemanship das Vertrauen und die Bindung an den Menschen auf fast spielerische Weise. Mit jedem Tag werden die beiden Fohlen ausgelassener und lebhafter. Lasse bewegt sich nach der Hufkorrektur schon viel besser und gewinnt durch die neu gewonnene Lebensqualität stetig an Selbstbewusstsein. Er hat gelernt ausbalanciert zu traben und galoppiert bereist kurze Strecken über die Wiese.

Jeden Abend genießen die beiden Fohlen nach einem gelungenen Spaziergang neben ihrer neu gewonnenen Freiheit auf der großzügigen Weide eine große Portion Heu und Hafer.

Kathrin Kofent                                                                                                                                                                                                                                                                


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Fotos: © PROVIEH