Ein neues Leben für zwei Fohlen

PROVIEH-Team zurück aus der „polnischen Pferdehölle“

11.03.2014: Am Dienstagnachmittag traf das PROVIEH-Team nach einer langen Fahrt auf Hof Hörsten im schleswig-holsteinischen Bosau, ein. Die zwei mitgebrachten polnischen Kaltblutfohlen bekommen hier ihre neue Heimat und eine Lebensaufgabe. Hier sollen sie erfahren, was Respekt und liebevoller Umgang bedeuten. Neugierig schauen sie aus dem Anhänger heraus.

Der kleine acht Monate alte Hengst Wigor ist noch etwas zurückhaltend. Insgesamt ist er in einem schlechteren Gesundheits- und Ernährungszustand als das einen Monat ältere Stutfohlen Rolka. Sein Fell ist lang und struppig. Seine Hufe viel zu lang und der rechte Hinterhuf hat eine Fehlstellung, die aber korrigiert werden kann. Er wurde vermutlich direkt vor Beginn des Marktes von seiner Mutter abgesetzt und hatte ein komplett nassgeschwitztes Fell. Vorsichtig locken wir die beiden in ihr neues Zuhause. In einem großen Laufstall sollen sie die ersten Tage in Deutschland verbringen, bis sie genug Vertrauen zum Menschen aufgebaut haben und sich problemlos überall anfassen und am Halfter führen lassen. Dann werden sie die Freiheit auf der Koppel genießen können und im späteren Verlauf Stück für Stück in die kleine Kaltblutherde integriert werden. Der große Stall scheint für sie bereits die große Freiheit zu bedeuten. Ausgelassen toben sie darin umher.

Unsere Erfahrungen auf dem Markt:

Am 10. März morgens um 6 Uhr gehen wir über den Markt. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits tausende Besucher, überwiegend Männer, auf dem Markt. Nahezu gespenstisch wirkt die Atmosphäre im morgendlichen Nebel. Unser Weg führt vorbei an einem Friedhof, rechts und links bieten Händler Halfter, Trensen, Geschirre, Sättel, Peitschen und vieles mehr an. Dann erblicken wir die ersten Pferde. Sie stehen angebunden an unterschiedlichsten Transportfahrzeugen, in ihren Hängern oder abenteuerlich anmutend auf offenen Anhängern. Dort sind sie mehrfach am Kopf fixiert, damit sie nicht von ihrem Transportmittel herunterspringen können. Bei vielen Gefährten fragen wir uns, wie die Tiere unverletzt verladen bzw. entladen werden konnten. Wir sehen zahlreiche nass geschwitzte Pferde. Vielleicht zehn der circa 200 Pferde haben Zugang zu Heu. Wir sehen einige Tiere mit sehr schlechten, ungepflegten Hufen. Bei den meisten sind die Hufe vom vermutlich ständigen Stehen im eigenen Mist sehr spröde und brüchig. Auch die kotverklebten Stellen im Fell lassen vermuten, dass die Tiere keine guten Haltungsbedingungen erfahren haben. Kot an den Hinterbeinen deutet auf Anbindehaltung hin.

Der Umgang mit den Pferden ist selten liebevoll, eher rau und ruppig. Fast alle Pferde tragen Gebisse oder ihnen wurde ein Strick durch das Maul gezogen. Einige unruhige und verängstigte Pferde werden mit Stock, Gerte oder Peitsche touchiert. Ein Bauer schlägt sein Pferd regelmäßig mit einem Stock auf die Kruppe, damit es sich den Kaufinteressierten mit erhobenem Kopf zeigt. Viele Pferde sind sehr nervös und kaum händelbar. Vor Langeweile, Hunger und Durst scharren sie mit den Hufen. Hengste stehen direkt neben Stuten. Regelmäßig laufen Verkäufer völlig unkontrolliert mit trabenden Pferden mitten durch die Menschenmenge, um ihre Tiere Kaufinteressenten zu präsentieren. Es grenzt an ein Wunder, dass Unfälle ausbleiben. Wir halten Ausschau nach Fohlen. Wir finden den kleinen Wigor und die etwas größere Rolka. Der Besitzer der Stute ist froh als er erfährt, dass sein Fohlen nicht zur Schlachtung gehen soll, sondern einen Platz auf einem deutschen Biohof bekommt. Erst danach verkauft er uns das Stutfohlen. Auch behandelt er die Kleine liebevoll und mit Respekt. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht als er die Stute streichelt. Er ist ein Kleinbauer, der vermutlich jedes Jahr ein oder zwei Fohlen auf dem Markt verkauft. Mit so viel Ruhe, wie sie im Trubel des Marktes möglich ist, verladen wir die beiden Fohlen. Gierig fressen sie das angebotene Heu. Die Stute trinkt schon gut aus dem Eimer. Der gerade von der Mutter abgesetzte Hengst hat noch Probleme damit. Die Kleinen spüren, dass wir es gut mit ihnen meinen. Ganz ruhig und gelassen stehen sie im großen Pferdeanhänger.

Glücklicherweise erhalten wir bereits am Mittag das erforderliche Gesundheitszeugnis und machen uns auf die lange Reise nach Deutschland.

Während der gesamten Fahrtzeit waren die beiden Fohlen nie aufgeregt oder verängstigt! Bei den regelmäßigen Pausen wurden sie getränkt und bekamen bei jeder Rast eine neue Portion Heu aus ihrer neuen Heimat. Jedesmal wenn wir anhielten, wieherten sie uns freudig entgegen.

Die Schlachtpferde

Insgesamt sollen an den zwei Verkaufstagen auf dem Markt direkt 720 Pferde angeboten worden sein. Wir sind verwundert, dass weit und breit keine größeren Transporter zu sehen sind. Wie wir von anderen Tierschützern erfahren, soll das eigentliche Geschäft fern von der Einflussnahme der Veterinäre und der Tierschützer bereits auf Feldern und an Waldrändern in der Nähe von Skaryszew „abgewickelt“ worden sein. So sagen es Zeugenberichte. Eine Nachfrage beim zuständigen Amtsveterinär zeigte, dass ihm darüber nichts bekannt geworden sei.

Auch wenn wir mit unseren Fohlen Glück gehabt haben, weil sie wenig oder kaum Grobheiten erfahren haben, so haben wir doch viele sehr unschöne Bilder gesehen! Fakt ist, dass jährlich aus Polen bis zu 60.000 Pferde auf lange qualvolle Transporte gehen und unendliches Leid ertragen müssen.

Daran muss sich etwas ändern. PROVIEH fordert Respekt für ALLE Pferde vom Leben bis in den Tod und wird versuchen durch konstruktive Gespräche mit den Behörden vor Ort Verbesserungen für die Pferde zu erreichen!

Wir danken allen Unterstützern, die uns durch Ihre Spende diese Aktion ermöglicht haben. Ebenso danken wir der Stiftung Tara, Izabela Dagalas sowie Vier Hufe & Co. e.V. für Ihre Unterstützung und ihren unermüdlichen Einsatz vor Ort.                                                                                                                                                                   

Fotos: © PROVIEH

Kathrin Kofent                                


Hier zwei Presseberichte zur PROVIEH-Reise zum Pferdemarkt ins polnische Skaryszew und ein Foto, das Kathrin Kofent und Volker Kwade zeigt, mit den zwei mitgebrachten polnischen Kaltblutfohlen bei ihrer Ankunft in der neuen Heimat auf Hof Hörsten (Quelle: "Lübecker Nachrichten").

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: © Lübecker Nachrichten