Eine für alle - Interview mit der Schäferin Ruth Häckh

Ruth Häckh, geboren 1962 in Heidenheim, ist in einer Schäferfamilie aufgewachsen. Nach dem Abitur machte sie eine Lehre im elterlichen Betrieb, legte 1991 ihre Meisterprüfung als Schäferin ab und arbeitete auf Farmen in Australien und Neuseeland. Seit 1989 führt sie ihre eigene Schäferei. Die Bioland-Schäferin tauscht sich als Vertreterin der deutschen Berufsschäfer mit Schäfern aus der ganzen Welt aus.

 

Viele Menschen haben sofort schöne Bilder und romantische Vorstellungen im Kopf, wenn sie ans Schafehüten denken. Passt das für Sie als Schäferin überhaupt mit ihrem Beruf zusammen?

Romantische Bilder von der Schäferei haben vor allem die Menschen, die in ihrer Freizeit und bei schönem Wetter den Hirten mit seiner Schafherde sehen. Der Schäfer steht allerdings 365 Tage im Jahr bei seinen Schafen, bei jedem Wetter: wenn es stürmt und regnet, schneit oder in sengender Sommerhitze und wenn einen die Insekten ärgern. Außerdem trägt er die Arbeit und Verantwortung für seine Tiere. Ganz und gar nicht romantisch sind auch die ganzen Auflagen, die ein Schäfer erfüllen muss und der viele „Bürokram“ nach Feierabend. Aber es gibt ein realistisches und gleichzeitig viel faszinierenderes Schäferbild, nämlich das eines Menschen, der mit seinen Schafen, für seine Schafe und von seinen Schafen lebt und dabei einen zähen Überlebenskampf führt. Man könnte sagen: Ein Schäfer ist jemand, der es trotzdem macht.

 

Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei Ihnen aus?

Einen typischen Tagesablauf gibt es gar nicht, das ist immer Wetter- und Jahreszeitabhängig. Im Sommer zum Beispiel geht es früh raus zum Hüten. Mittags, wenn es den Schafen zu heiß zum fressen ist, mache ich Winterfutter und dann hüte ich sie abends nochmal bis etwa 22 Uhr. Im Winter sieht es wieder ganz anders aus, wenn zum Beispiel die Lämmer im Stall geboren werden. Dann stehe ich auch öfter mal nachts auf, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Gleich ist, dass ich jeden Tag für meine Schafe da bin.

 

Braucht man bestimmte Voraussetzungen, um Schäfer zu werden?

Wenn man nicht nur eine Hobbyhaltung betreibt, sondern von der Schäferei leben will, braucht man natürlich eine Schäferausbildung und am besten auch seinen Meister darin, unter anderem auch wegen der betriebswirtschaftlichen Ausbildung. Unbedingt braucht man jedoch ein wahnsinniges Durchhaltevermögen. Die Ausbildung mit den harten Arbeitszeiten halten nur wenige durch, aber selbst wenn man für die Schäferei brennt, reicht der Idealismus manchmal nicht aus. Man muss ja auch davon leben können. Der Verdienst der Schäfer liegt im Schnitt unter dem Mindestlohn und Schafherden können in Europa aufgrund der kleinen Flächen nicht beliebig vergrößert werden. Staatlichen Förderungen gleichen das Defizit nicht aus. Das Durchschnittsalter der Schäfer und Schäferinnen liegt europaweit bei 56 Jahren. Dem Beruf fehlt der Nachwuchs. Und wem kann man es verdenken, wenn man ein geregeltes Gehalt vorzieht und Zeit für Hobbys, Freizeit und Freunde haben möchte. Doch die Schäferei ist wichtig, denn sie leistet der Allgemeinheit unbezahlbare Dienste in der Landschaftspflege. Das Schaf sorgt mit seinem Schritt und seinem Fressverhalten für Biodiversität und stabilisiert das Erdreich. Wo Schafe weiden ist die Grasnarbe deutlich fester – nicht umsonst werden Schafe bei der Deichpflege eingesetzt. Werden Landstriche maschinell gepflegt, ist es nicht das Gleiche. Schafe sorgen für eine größere Artenvielfalt von Pflanzen und Insekten. Es sind immer die schönsten Landschaften, die Schafherden erschaffen und erhalten.

 

Wollten Sie schon immer Schäferin werden und ist es etwas Besonderes, diesen Beruf als Frau auszuüben?

Ich stamme zwar aus einer Schäferfamilie, aber zunächst hatte ich nicht im Traum daran gedacht, selbst Schäferin zu werden. Eher dachte ich an Tierärztin, Biologin oder Archäologin, doch letztlich war mir das alles zu theoretisch. Als ich mich schließlich doch für die Schäferlehre entschied, war es eine Entscheidung für die Natur und gegen Bequemlichkeit und Sicherheit, gegen Urlaub, freie Wochenenden oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Für mich war es dennoch die richtige Entscheidung! Während meiner Lehrzeit waren Frauen noch in der Minderheit und ich war die erste Frau, die bei einem Leistungshüten teilgenommen hat. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt.

 

Früher sind Sie mit Ihren Schafen von Sondheim bis an den Bodensee gewandert. Warum haben Sie die Wanderschäferei aufgegeben?

Die Landwirtschaft wird immer intensiver. Statt zweimal jährlich werden die Wiesen inzwischen fünfmal gemäht und auf die Mähmaschinen folgt das Ausbringen der Gülle. Meine Schafe fressen das Gras, und sei es noch so grün, dann natürlich nicht mehr – wir möchten ja auch nicht aus einer Kloschüssel essen. Sehr hart traf uns der Wegfall der Stilllegungen. Eine Zeitlang hatten die Landwirte von der Europäischen Union Fördergelder erhalten, wenn sie bestimmte Flächen überhaupt nicht bewirtschafteten und diese Stilllegungen waren großartig bei der Flucht vor der Gülle. Doch damit war es 2008 vorbei, denn von nun an gab es nur noch Geld für bewirtschaftetes Land. Teilweise musste ich zehn Kilometer laufen, um die nächste güllefreie Wiese zu finden. Der Hauptgrund ist also, dass meine Schafe kein oder kaum noch Futter auf der Reise zwischen Sommer- und Winterweide gefunden haben. Doch auch die Infrastruktur hat sich verändert. Wo früher Dörfer mit ruhigen Straßen gewesen waren, umgeben von Gärten, Weiden und Äckern, sind mittlerweile Neubaugebiete, Parkplätze, Gewerbegebiete, Schnellstraßen und Straßen mit endlosen, ununterbrochen fortlaufenden Leitplanken entstanden.

 

Was für eine Schafrasse halten Sie?

Ich halte Merinoschafe. Im süddeutschen Raum ist diese Rasse weit verbreitet. Merinoschafe sind sehr anpassungs- und marschfähig, das heißt sie können ohne Probleme weite Strecken zurücklegen. Sie können den ganzen Tag über draußen stehen und durch ihre dicke Wolle macht ihnen Wind und Wetter nichts aus. Außerdem sind sie sehr fruchtbar und können das ganze Jahr über Lämmer bekommen. Merinoschafe haben eine feine Wolle, aber die ist heute in Deutschland leider nicht mehr viel wert. Mein Geld verdiene ich mit dem Verkauf von Lämmern beziehungsweise Lammfleisch. 

 

Welche Bedeutung haben die Hütehunde für Sie?

Ich habe vier Hütehunde und ohne sie wäre meine Arbeit als Schäferin gar nicht möglich. Die Hunde sind Schwerstarbeiter und Marathonläufer, die teilweise bis zu 60 Kilometer am Tag laufen. Natürlich müssen sie sich zwischendurch ausruhen. Hütehunde sind für mich eine Grundvoraussetzung, so wie für Sie die Arbeit mit einem Computer. Das feine Zusammenspiel zwischen Schäfer, Hund und Herde ist etwas ganz Einzigartiges, denn hier dirigiert der Mensch mit Hilfe einer Spezies eine andere. Wer sich die Zeit nimmt, Hütehunden für ein, zwei Stunden bei der Arbeit zuzuschauen, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

 

Was sind die größten Schwierigkeiten/Herausforderungen für Sie als Schäferin?

Die Wetterunbeständigkeit - wenn ich zum Beispiel an die lang anhaltende Hitze des letzten Sommers denke – und wie ich das Futter am besten einteile, wenn kaum noch etwas wächst. Auch Hunde sind ein Problem, wenn sie meine Schafe erschrecken und diese dann nichts mehr fressen wollen. Außerdem ist unsere Dokumentenpflicht eine Herausforderung, da wir Schäfer alles bis auf den Quadratmeter genau dokumentieren müssen.

 

Was gefällt Ihnen an Schafen besonders?

Es ist einfach schön, wenn man mit den Tieren in der Natur ist und wenn es ihnen gut geht. Schafe sind nicht so kompliziert wie Menschen, sie sind auch mal zufrieden. Sie sind ruhig, wenn man sie ruhig behandelt, zuverlässig wenn ich sie rufe und pünktlich, wenn sie der Meinung sind, es ist Zeit für ihr Futter.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass der ganze Berufsstand der Schäfer erhalten bleibt, weil sonst alle verlieren. Schafhalter leisten eine ökologisch wertvolle Arbeit.

 

Vielen Dank!

Das Interview führte Christina Petersen (Erschienen im PROVIEH Magazin 01-2019)

 

Fotos von oben nach unten: Nr. 1, 2, 4 und 5 © Oliver Vogel; Nr. 3 © Verna Müller

Eine für Alle. Mein Leben als Schäferin.

 

Authentisch und leidenschaftlich erzählt Frau Häckh von ihrem Leben mit den Schafen, vom Rhythmus der Jahreszeiten, von Verantwortung, Freiheit und Tradition. Sie spricht auch vom Überlebenskampf der Schäfer, in der sie zwar wie liebenswerte Relikte einer fernen Vergangenheit wirken, ihre Existenz jedoch durch die Hektik der modernen Zeit zunehmend bedroht ist. 

 

GebundeneAusgabe: 368 Seiten

Verlag:Ludwig Buchverlag; Auflage: Originalausgabe (12. November 2018)

ISBN-13:978-3453281035

Preis: 20,00 Euro