Ende des Kükentötens in Sicht?

Letztes Jahr hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am 13.06.2019 das Urteil gefällt, dass das Leben der männlichen Küken schwerer wiegt als wirtschaftliche Interessen1. Dennoch wurde die Praxis des Kükentötens weiterhin erlaubt, da in näherer Zukunft Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei zur Verfügung stehen würden. Um den Brütereien eine doppelte Umstellung, zuerst auf Bruderhahnaufzucht, dann auf die Geschlechtsbestimmung im Ei oder Zweinutzungslinien zu ersparen, dürfen die Küken vorerst weiter getötet werden.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner verspricht nun den Ausstieg aus dem Kükentöten bis zum Ende 2021, wenn nötig mittels Gesetzes. Während die Geflügelbranche den Ausstieg maximal bis 2023 sieht. Ursprünglich sollte das Kükentöten bis zur Hälfte der Legislaturperiode (2019) beendet sein2,3. PROVIEH fordert, dass die Bundeslandwirtschaftsministerin jetzt Wort hält und dieser grausamen Praxis ein Ende bereitet. Um das Kükentöten zu beenden, muss eine Rückkehr zu robusten und gesunden Zweinutzungshühnern erfolgen.

Kükentöten

Im Jahr 2019 wurden in Deutschland etwa 45 Millionen männliche Küken unmittelbar nach dem Schlupf getötet. Die hochspezialisierte Zucht bei Hühnern führt dazu, dass es inzwischen spezielle Rassen für die Mast und zum Eierlegen gibt. Da die männlichen Küken der Legelinie keine Eier legen können und nicht genügend Fleisch ansetzen, um sie gewinnbringend4 zu mästen, werden sie nach dem Schlüpfen mit CO2 vergast5. Ihre weiblichen Geschwister werden als Legehennen eingestallt und nach ungefähr 18 Monaten Lebenszeit getötet, wenn ihre Leistung nachlässt.6

Das Töten durch Ersticken mit CO2 kann bis zu 40 Sekunden dauern und kann unter Stress, Angst und möglicherweise Schmerz geschehen. Bis die Bewusstlosigkeit eintritt, kann es zu Reizungen der Atemwege kommen7.

Zucht

Durch die intensive Zucht von Hühnern legen manche Legelinien heutzutage 300 Eier und mehr im Jahr. Dies entspricht etwa der 20-fachen Legemenge ihrer Ursprungsform, dem Bankivahuhn8. Zur Fortpflanzung legte diese wilde Hühnerart maximal 40 Eier im Jahr9.

Aus züchterischen Gründen können Lege- und Mastleistung nicht gleichzeitig erhöht werden3. Während bei den Masthühnern beide Geschlechter gehalten und gemästet werden, können nur weibliche Legehennen Eier legen. Die männlichen Küken der Legelinie, unterliegen im Fleischansatz und der Futterverwertung ihren Verwandten der Mastlinie und werden mittels CO2-Vergasung nach dem Schlupf getötet, da sie wirtschaftlich unrentabel sind2.

Krankheiten und Probleme

Die Hochleistungszucht kann zusammen mit den Haltungsbedingungen und dem Management der Tierhaltung zu multifaktoriellen Problemen führen. Bei Legehennen können Osteoporose, Brustbeinveränderungen und -brüche sowie schmerzhafte Entzündungen des Legeapparates auftreten. Zusätzlich können unter den Legehennen Verhaltensstörrungen wie Kannibalismus auftreten. Dies liegt mitunter an einer eintönigen Haltungsumwelt ohne Beschäftigungsmaterial und falschem Stallmanagement3. Masthühner können aufgrund des schnellen Wachstums unter Beinveränderungen10 und Herz-Kreislaufversagen leiden11. Diese Hühner wachsen so schnell, dass sie ihr Schlachtgewicht bereits nach 35 bis maximal 49 Tagen erreicht haben12. PROVIEH setzt sich daher für den Einsatz von robusten, extensiven Rassen und für eine ausgestaltete Haltungsumwelt der Tiere ein.

Alternativen zum Kükentöten

Um das Töten der männlichen Legeküken zu vermeiden, wurden vielfache Ansätze untersucht. Nicht alle entsprechen dabei den Vorstellungen einer tiergerechten Lösung. Die Geschlechtsbestimmung im Ei löst beispielsweise nicht die Probleme der Hochleistungszucht, sondern zementiert dieses System zusätzlich.

Auch als Brückentechnologien zu einer artgemäßen Hühnerhaltung sind einige der Alternativen zum Kükentöten aus ethischen und Tierschutzgründen unzureichend.

Geschlechtsbestimmung im Ei

Die Geschlechtsbestimmung im Ei erfolgt vor dem Schlupf des männlichen Kükens. Zu beachten ist hierbei, dass je nach Entwicklungsphase des Embryos bereits ein Schmerzempfinden vorhanden sein kann13. Daher lehnt PROVIEH grundsätzlich jede Methode der Geschlechtsbestimmung ab, welche nach dem 7. Bruttag stattfindet. Außerdem löst die Geschlechtsbestimmung im Ei nicht die zuchtbedingten Probleme der Lege- und Mastrassen. Aus diesem Grund ist auch die spektroskopische Methode nicht geeignet, um das Problem des Kükentötens zu lösen. Hinzu kommt, dass keine der Methoden bereits deutschlandweit in Serienreife gehen kann (durch unzureichend hohen Durchsatz, Schlupfeinbußen oder zu hohe Fehlerquoten)14. Der Vollständigkeit halber sind dennoch alle drei in Deutschland relevanten Methoden hier aufgeführt und erklärt.

Spektroskopische Methode

Bei der spektroskopischen Methode werden zwischen dem 3. und 4. Bruttag mittels Laser das Geschlecht des Embryos im Ei bestimmt. Dafür wird zunächst ein kleines Loch in der Eischale geschaffen. Mittels spektroskopischer in-ovo Geschlechtsbestimmung anhand unterschiedlich starker geschlechtsspezifischer Fluoreszenz des Blutes, kann erkannt werden, ob es ein weiblicher oder männlicher Embryo ist. Danach wird die Schale des Eis wieder verschlossen15. Die männlichen Eier werden als hochwertige Proteinquelle weiterverarbeitet16.

Endokrinologische Methode

Wird das Geschlecht des Embryos im Ei endokrinologisch bestimmt, erzeugt zunächst ein Laser ein Loch in der Eierschale. Hierdurch kann Allantoisflüssigkeit entnommen und mittels eines bestimmten Markers auf das weibliche Geschlechtshormon Östronsulfat untersucht werden. Wird ein weibliches Brutei bestimmt, kommt das Ei wieder zurück in den Brutschrank und wird ausgebrütet. Da das Loch in der Schale sehr klein ist, muss es nicht verschlossen werden. Männliche Bruteier werden zu Tierfutter verarbeitet17. Da diese Methode nach dem 7. Bruttag angewandt wird, kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Schmerzempfinden des Embryos bereits vorhanden ist. Unter dem Namen Seleggt vertreibt REWE bereits Eier von Legehennen, welche durch das endokrinologische Verfahren bestimmt wurden18.

Hyperspektralanalyse

Diese Methode wird am 13. Bruttag angewandt und ist nur für braune Hühner anwendbar. Hier werden die Eier mit einer Halogenlampe durchleuchtet und anhand der geschlechtsspezifischen unterschiedlichen Daunenfarbe sortiert19. Auch diese findet zu einem Zeitpunkt statt, an welchem das Schmerzempfinden des Embryos nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Auch wenn die Geflügelwirtschaft inzwischen ein Betäubungsverfahren des Embryos anbietet27, löst das Aussortieren der männlichen Küken nicht die zuchtbedingten Probleme der Legehybriden. Daher lehnt PROVIEH diese Methode ebenfalls ab.

Bruderhahnaufzucht

Anstatt sie nach dem Schlupf zu töten, werden die Brüder der Legehennenküken in der Bruderhahnaufzucht gemästet und dann geschlachtet. Diese Aufzucht dauert aufgrund der ungeeigneten Zuchtlinie wesentlich länger als die der überzüchteten Masthybride und steht daher bei der Geflügelwirtschaft unter Verruf20. Je nach Aufzucht und Initiative benötigen die Bruderhähne etwa 14 Wochen, um ein geeignetes Schlachtgewicht zu erreichen21,22. Besondere Beachtung muss hier den Haltungsbedingungen geschenkt werden, unter denen die Bruderhähne gehalten werden. Die Hähne benötigen genügend Platz, Sitzstangen, Auslauf und eine strukturierte Haltungsumwelt, um artgemäß aufzuwachsen. Da auch die Aufzucht der Bruderhähne nicht die zucht- und systembedingten Probleme der Hochleistungshybride löst, kann die Bruderhahnmast bestenfalls eine Zwischenlösung darstellen und aus PROVIEH-Sicht keine endgültige Lösung zum Beenden des Kükentötens sein.

Zweinutzungshuhn

Zweinutzungshühner sind Hühner von Rassen, welche sowohl Eier legen als auch zur Mast geeignet sind. Hierbei kommen die verschiedenen Zweinutzungslinien in ihren Leistungen jedoch niemals an die Leistungen der Hybridzuchten heran7.  Zur Erreichung eines geeigneten Schlachtgewichts benötigen Zweinutzungshühner ungefähr 10 Wochen23. Die Hennen legen weniger und kleinere Eier.24 Die Zweinutzungshühner zeigen sich insgesamt ruhiger und zeigen weniger Verhaltensstörungen wie Kannibalismus oder Federpicken als die konventionellen Hybridhennen25. Zudem sind Zweinutzungshühner weniger anfällig für Krankheiten und mobiler26. Wenn diese Tiere artgemäß gehalten werden, sind sie für PROVIEH die akzeptable Lösung zur Beendigung des Kükentötens.

PROVIEH-Forderungen

Um das Kükentöten zu beenden muss eine Rückkehr zu robusten und gesunden Zweinutzungshühnern erfolgen, die artgemäß mit Auslauf in einer strukturreichen Haltungsumwelt gehalten werden. Die jahrzehntelange Praxis des Kükentötens ist das Resultat eines Geflügelsystems, welches sich in die falsche Richtung entwickelt hat. Durch eine Reduktion des Eierkonsums und eine angemessene Bezahlung von Eiern und Fleisch kann von den Hochleistungsrassen und ihren Problemen zurückgetreten werden.

Mareike Petersen, 12.08.2020


1 https://www.bverwg.de/pm/2019/47

https://www.bundesregierung.de/resource/blob/656734/847984/5b8bc23590d4cb2892b31c987ad672b7/2018-03-14-koalitionsvertrag-data.pdf?download=1

3 https://www.agrarheute.com/tier/kloeckner-will-kuekentoeten-2021-per-gesetz-verbieten-570776

4 Kaufmann, F.; Andersson, R. (2015) Hahnenmast – Möglichkeiten und Grenzen

5 https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tierschutz/tierwohl-forschung-in-ovo.html

6 https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/nutztiere/gefluegel/gefluegel.html#doc7030bodyText3

7 Hirt, H. (2004) Töten männlicher Legeküken Situationsanalyse Schweiz 2004. FiBL https://orgprints.org/6486/2/hirt-2004-bericht_kuekentoeten.pdf

8 Dr. Klaus Damme; Dr. Ralf Achim Hildebrand (2015) Legehennenhaltung und Eierproduktion S.7ff, 34ff, 94ff

9 Steffen Hoy et al. (2009) Nutztierethologie S. 204 ff

10 Westermaier, C. (2015) Vergleichende Untersuchungen zur Tiergesundheit von konventionell gehaltenen Ross308 und Cobb Sasso Masthühnern mit einem neuen Aufzuchtkonzept im Rahmen der konzeptionellen Ausarbeitung von Richtlinien für eine tiergerechtere Masthühnerhaltung. Diss. Ludwig-Maximilians-Universität München

11 Hörning, B. et al. (2008) Auswirkungen der Zucht auf das Verhalten von Nutztieren. S. 43, 46

12 https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/nutztiere/gefluegel/gefluegel.html

13 https://www.bundestag.de/resource/blob/525618/02fc07ec955e3e2a1830c9ca38e2a1ff/WD-8-030-17-pdf-data.pdf

14 https://www.praxis-agrar.de/tier/gefluegel/geschlechtsbestimmung-im-brutei/

15 Krautwald-Junghans, M.-E. et al. (2017) Einstieg aus dem Töten von Eintagsküken? Stand der Dinge bei der spektroskopischen Geschlechtsbestimmung im Hühnerei. Nutzgeflügel LBH: 9. Leipziger Tierärztekongress –Tagungsband 3315 S. 315 ff. https://ul.qucosa.de/api/qucosa%253A33423/attachment/ATT-0/#page=317

16 https://www.bmel.de/SharedDocs/Videos/DE/Tiere/InOvo_Textversion.html;jsessionid=3AFAB155CBBBF156543DF18BEEB50AB3.internet2852

17 https://www.seleggt.de/seleggt-verfahren-technologie-2/

18 https://www.rewe-group.com/de/newsroom/pressemitteilungen/1681-gemeinsam-kuekentoeten-beenden

19 Göhler, D.; Fischer, B.; Meissner, S. (2017) In-ovo sexing of 14-day-old chicken embryos by pattern analysis in hyperspectral images (VIS/NIR spectra): A non-destructive method for layer lines with gender-specific down feather color. ELSEVIER Poultry Science Volume 96, Issue 1, January 2017, Pages 1-4

20 ZDG  (2019) Ausstieg aus dem Töten der Hahnenküken 

21 https://www.bruderhahn.de/garantie/

22 https://eifrisch.de/bruderhahn-aufzucht/

23 Siekmann, L. (2019) Die Fleischbeschaffenheit der Zweinutzungslinie Lohmann Dual. Eine vergleichende Betrachtung (bio-) chemischer, physikalischer, struktureller und sensorischer Parameter. Diss. TiHo

24 Damme, K.; Schmidt, E. (2017) Zweinutzungshühner als Alternativen zur Tötung von Eintagsküken. Tagungsband Tierhaltung Geflügel S. 402 ff., 14., Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Campus Weihenstephan, Freising-Weihenstephan, 07.-10. März 2017.

25 Giersberg, M., F. et al. (2019) The Dual-purpose hen as a chance: Avoiding injurious pecking in modern Laying hen husbandry

26 https://www.tiho-hannover.de/aktuelles-presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2019/pressemitteilungen-2019/article/zweinutzungshuhn-ein-neuer-we/

27 Richard, L. (2020): Vorfahrt für gesexte Legehennen. DGS Magazin 31/2020 S. 14 ff.