Erlasse in Niedersachsen und NRW zur Ferkeltötung

04.07.2014: Die Tötung von „lebensschwachen“ Ferkeln wird verboten, und die Vorschriften zur Betäubungs- und Tötungsmethode werden verschärft.

Dank Medienberichten Ende 2013 wurde die Aufmerksamkeit von Behörden und Öffentlichkeit auf den Umgang der Sauenhalter mit untergewichtigen oder aus anderen Gründen nicht für lebensfähig erachteten Ferkeln gelenkt. Heimlich gedrehte Videoaufnahmen von Tierschutzaktivisten zeigten, wie Arbeiter von Bucht zu Bucht gingen und in schneller Folge Ferkel jeweils an den Hinterbeinen hochnahmen, durch die Luft schleuderten und gegen die Buchtenwand, auf den Boden oder über die Kante der Buchtenwand schlugen. Danach wurden die Körper achtlos auf den Stallgang oder in eine Tonne geworfen. In großen Anlagen mit vielen Tieren kann es länger dauern, bis jemand die Ferkelkörper einsammelt.

Ob die Tiere durch den Aufprall aber jeweils tatsächlich getötet oder nur betäubt wurden, hat wahrscheinlich niemand mehr zeitnah überprüft. Es besteht daher der Verdacht, dass als nicht lebensfähig aussortierte und auf diese Weise „gemerzte“ Ferkel bei Anwendung dieser offenbar überall bisher gängigen Methode teilweise qualvoll verenden.

PROVIEH forderte deshalb eine schonende Betäubung und Tötung der Ferkel (siehe PROVIEH-Magazin 1/2014). Außerdem forderten wir eine bessere Definition von „nicht lebensfähig“. Denn die jahrelange einseitige Überzüchtung der Sauen auf zu hohe Ferkelzahlen pro Wurf führte zu steigenden Zahlen untergewichtiger Ferkel, deren Überlebenschancen ohne besondere Bemühungen und Arbeitseinsatz nicht hoch sind. Da die Aufzucht mühsam und teuer ist, bestand die Gefahr, dass schwache, „überzählige“ Ferkel, die sich keine gut funktionstüchtige Zitze erkämpfen können, in den ersten Stunden oder Tagen nach der Geburt getötet wurden.

Die Medienaufmerksamkeit, die diese Missstände und das dadurch ausgelöste Strafverfahren erregt haben, hat nun das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz dazu veranlasst, Konsequenzen zu ziehen. In einem Erlass vom 3. Juli 2014 konkretisiert das Ministerium, wie und in welchen Fällen eine tierschutzgerechte Tötung von „nicht überlebensfähigen Ferkeln“ durchzuführen ist. Das Land Nordrhein-Westfalen hat sich diesem Erlass umgehend angeschlossen.

Die Tötung wird durch die Anordnung nun ausschließlich auf „nicht überlebensfähige Ferkel“ begrenzt. Als Beispiele für „nicht lebensfähig“ nennt die Anordnung Krankheiten und Missbildungen. Untergewicht wird ausdrücklich nicht als hinreichende Begründung für eine Tötung anerkannt. Man könnte befürchten, dass die Sauenhalter, statt die „Buchtenwandmethode“ anzuwenden, die Ferkel künftig einfach verenden lassen. Hoffen wir, dass das Gesundheits- und Hygienerisiko im Stall durch verendende Tiere größer ist als die Versuchung, die zeitaufwendigere Tötungsmethode zu boykottieren. Außerdem könnte bei Kontrollen auffallen, dass die verendeten Tiere nicht vorschriftsgemäß entblutet wurden.

Aus Sicht von PROVIEH werden durch die neuen Regelungen bisher bestehende „Interpretationsspielräume“ endlich ausgeräumt. Tötungen aus Wirtschaftlichkeitsgründen sind nun auch explizit verboten. Wer Ferkel euthanasiert, muss künftig einen Sachkundenachweis für die Tötung von Säugetieren besitzen. Betäubungserfolg und Tod des Tieres müssen vom Sachkundigen festgestellt werden, wodurch den Tieren ein relativ schneller Tod bereitet werden soll. Die zuständigen Ämter haben auch konkrete Anweisungen erhalten, die Einhaltung dieser Vorschriften vermehrt zu kontrollieren und bei Verdacht auf Verstöße die Untersuchung von Ferkelkadavern in der Landesbehörde zu veranlassen.

PROVIEH begrüßt, dass Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen durch die neuen behördlichen Anordnungen grausame und unsachgemäße Tötungen ebenso verbieten wie Euthanasie wegen Untergewichtigkeit, also aus rein ökonomischen Gründen. Dies ist ein sehr klares Signal an die Genetikunternehmen und Zuchtverbände, endlich die Zuchtziele anzupassen und geringere Wurfgrößen mit vitaleren Ferkeln und gleichmäßigeren Geburtsgewichten viel stärker in den Vordergrund zu rücken.

Sabine Ohm


Quellen und weiterführende Informationen: