Erweiterung der Schweinefabrik auf Fehmarn verhindern! 

Eine Schweinezucht- und Mastanlage auf Fehmarn soll von 900 auf 1.800 Sauenplätze und bis zu 13.000 Mastschweine erweitert werden. PROVIEH geht gegen die geplante Erweiterung vor. Durch veraltete und tierschutzwidrige Konzepte wie Kastenstände und Spaltenböden wird abertausenden Schweinen Leid und Schmerz zugefügt.  Auch die Nutzung von Vollspaltenböden und das Brandschutzkonzept kritisiert PROVIEH scharf. Die Erweiterung der Anlage muss verhindert werden!  

Tierfabrik inmitten der Ferienidylle 

Die Insel Fehmarn ist bekannt als malerischer Urlaubsort mit kilometerlangen Stränden, idyllischer Natur und verträumten Fischerdörfern. Als „Sonneninsel in der Ostsee“ ist Fehmarn ein beliebtes Ziel für mehr als 300.000 Gäste jährlich. Was viele Gäste nicht wissen: Fehmarn ist auch ein Ort industrieller Tierhaltung. Direkt an der Grenze zum Landschaftsschutzgebiet Wallnau-Fehmarn werden in einer großen Schweinezucht- und -mastanlage  900 Muttersauen und 10.000 Mastschweine gehalten. Schon 2014 und 2016 war diese Anlage erweitert worden – und nun sollen die Tierzahlen erneut steigen. Der Betreiber der Schweineanlage hat jüngst eine Stallerweiterung beantragt mit der Absicht, die Anzahl der Mastplätze auf 13.000 zu erhöhen und die Zahl der Muttersauen auf 1.800 zu verdoppeln. PROVIEH geht gegen die geplante Erweiterung vor und hat bereits eine Einwendung gegen den Antrag des Betreibers eingereicht. PROVIEH setzt sich dafür ein, dass solche tierschutzwidrigen Anlagen keine Zukunft mehr haben. Sie dürfen weder neu gebaut noch erweitert werden. Bestehende Anlagen gehören stattdessen zurückgebaut und durch tierschutzkonformere Haltungssysteme ersetzt. PROVIEH fordert das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume Schleswig-Holstein auf, den Antrag auf Erweiterung abzulehnen und damit ein deutliches Zeichen gegen ein unzeitgemäßes Geschäftsmodell zu setzen. Mit der geplanten Erweiterung werden eine ganze Reihe von gravierenden Tierschutzproblemen in Kauf genommen, von denen drei an dieser Stelle genannt seien: 

1. Kastenstände und Ferkelschutzkörbe 

Aus den Antragsunterlagen geht hervor, dass der Betreiber Kastenstände im Deckzentrum und sogenannte „Ferkelschutzkörbe“ im Abferkelbereich geplant hat. PROVIEH kämpft schon lange für die Abschaffung dieser tierschutzwidrigen Haltungseinrichtungen, weil die Muttersauen darin noch nicht einmal ihren grundlegendsten Bedürfnissen nachgehen können. Es handelt sich hierbei um eine wochenlange Fixierung, aufgrund derer die Sauen nur stehen oder liegen, sich aber nicht bewegen und noch nicht einmal umdrehen können. Natürliche Verhaltensweisen wie Wühlen, Sozialkontakt oder Nestbau für die Ferkel können die Muttersauen ebenfalls noch nicht einmal im Ansatz ausleben. Verhaltensstörungen wie das so genannte “Leerkauen”, also das Kauen ohne Material im Maul, oder das “Stangenbeißen” sind die Folge. (Mehr dazu finden Sie hier: LASST DIE SAU RAUS!) Sollte die geplante Erweiterung so genehmigt werden, würden viele Hunderte Sauen zusätzlich die Hälfte ihres Lebens auf diese qualvolle Weise fristen müssen. 

Die Nutzung von Kastenständen und „Ferkelschutzkörben“ ist bereits seit 2016 mit dem Urteil des Magdeburger Oberverwaltungsgericht verboten. Nur übergangsweise dürfen diese Haltungseinrichtungen noch betrieben werden, so regelt es seit Februar 2021 die neue Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Die Übergangsfristen gelten ausdrücklich nur für „Haltungseinrichtungen, die bereits in Betrieb oder genehmigt sind“ heißt es in der Verordnung. Sie gelten damit nicht für Neubauten und dürfen nach Auffassung von PROVIEH auch nicht für Erweiterungen herangezogen werden! Es würde gänzlich der Intention dieses Urteils und der neuen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung widersprechen, solche Käfige zu genehmigen oder gar zu bauen in dem Wissen, dass diese eigentlich verboten sind und in absehbarer Zeit, wenn auch mit viel zu langen Übergangsfristen, überall abgerissen werden müssen. 

2. Vollspaltenböden und mangelhaftes Konzept gegen Schwanzbeißen 

Die Antragsunterlagen weisen zudem darauf hin, dass die Tiere auch in den neuen Buchten ausschließlich auf Spaltenböden gehalten werden sollen. Die geruchsempfindlichen Tiere leben also immer direkt über ihren Ausscheidungen in einer Luft mit hohen Schadgaskonzentrationen. Atemwegserkrankungen und Bindehautentzündungen sind die Folge. Auf diese Weise ist auch der Einsatz von Stroh als einzig wirksames, tiergerechtes Beschäftigungsmaterial nicht möglich, da Stroh die Güllekanäle unter den Spaltenböden verstopfen würde. Die Buchten sollen weiterhin komplett unstrukturiert sein, was bedeutet, dass die Tiere ihre Umgebung nicht ihren natürlichen Verhaltensweisen entsprechend in verschiedene Funktionsbereiche einteilen können. Mit dem fehlenden Beschäftigungsmaterial und der unstrukturierten Umgebung sind massive Verhaltensstörungen schon vorprogrammiert: Aufgrund der Langeweile in solchen Haltungssystemen werden sich die Schweine gegenseitig die Schwänze und Ohren anfressen. Statt dieser Langeweile durch tiergerechtere Haltungssysteme entgegenzuwirken, wird das Problem in der industriellen Schweinehaltung dadurch “gelöst”, dass die Ringelschwänze einfach abgeschnitten werden. Dabei ist das sogenannte „Kupieren“ der Schwänze in der EU seit 1994 verboten! Das Verbot wird jedoch bisher in Deutschland nicht umgesetzt. Stattdessen haben die Agrarminister der Bundesländer gemeinsam einen sogenannten “Aktionsplan zur Verbesserung der Kontrollen zur Verhütung von Schwanzbeißen und zu Reduzierung des Schwanzkupierens bei Schweinen” entwickelt. Dabei sollen in der Bucht hängende Ketten, Holzklötze und anderes “Spielzeug” gegen die Langeweile helfen. Da dieses Konzept nicht ausreichend ist, ist im sogenannten “Aktionsplan” weiterhin fest eingeplant, die Schwänze fast aller Schweine abzuschneiden. So werden also flächendeckend „Ausnahmegenehmigungen“ für das Kupieren der Schwänze erteilt. Es ist aber absehbar, dass die EU in naher Zukunft mehr Druck bei diesem Thema auf Deutschland ausüben und ein Vertragsverletzungsverfahren anstrengen wird. Es ist daher wichtig, dass jetzt bei allen Neubauten und Erweiterungen nur tierschutzkonforme Lösungen beim “Schwanzbeißen” in Betracht gezogen werden. Aber auf Fehmarn soll noch auf das Kupieren gesetzt werden. 

3. Fehlendes Brandschutzkonzept 

Spätestens nach dem Feuerdrama in Alt Tellin (PROVIEH hatte berichtet) sollten zwei Dinge endgültig klar sein: Erstens, dass die Gefahr eines Großbrands hoch ist und zweitens, dass es ein tierschutzkonformes Brandkonzept in solchen Großanlagen nicht geben kann. Auch für die Anlage auf Fehmarn gibt es kein ausreichendes Brandschutzkonzept. So heißt es in dem Bauantrag lapidar: „Eine Brandfrüherkennung ist in dem zu beurteilenden Objekt nicht vorhanden und auch nicht geplant.“ Zur Brandbekämpfung soll die eigentlich zur Kühlung der Schweine gedachte Berieselungs-/Vernebelungsanlage genutzt werden – doch diese ist im Ernstfall völlig unzureichend. Unter den Spaltenböden bilden sich Faulgase mit einem hohen Anteil an Ammoniak und Methan. Diese Gase sind nicht nur schädlich für die Lungen der Tiere – sie können, so die Aussage erfahrener Brandschutzexperten, je nach Konzentration auch brennbar oder gar explosiv sein. Im Bauantrag der Schweineanlage auf Fehmarn heißt es dagegen: „Explosionsgefährliche, stark giftige oder ätzende Stoffe im nennenswerten Umfang werden durch die Nutzer im Bereich des zu beurteilenden Objektes nicht hergestellt, gelagert oder vertrieben.“ Dies ist falsch und eine gefährliche Unterschätzung der in einem Schweinestall mit Spaltenböden vorhandenen Brandgefahr. 

PROVIEH geht gegen die Erweiterung vor 

All das zeigt: In dieser Form darf die Anlage nicht erweitert werden. Bislang werden gegen Erweiterungen solcher Anlagen üblicherweise Umweltschutzaspekte angeführt. Hier scheint sich der Betreiber vorher einige Gedanken gemacht zu haben, wie er auf neue gesetzliche Rahmenbedingungen reagieren und gleichzeitig unliebsamem Gegenwind von Umweltschutzseite entkräften kann. So lässt er zum Beispiel umfangreiche Luftwäscher einbauen, welche, so sie denn funktionieren und dauerhaft eingeschaltet sind, einen großen Teil der schädlichen Immissionen filtern sollen. Auch die auf Fehmarn seit langem kritische Versorgung mit Wasser aus dem öffentlichen Wassernetz will er nicht stärker als bisher belasten, sondern sein für den Betrieb benötigtes Wasser über ein Lagunensystem aus einem Bach generieren. Der Strombedarf soll mindestens zum Teil durch erneuerbare Energien aus einem eigenen Windrad gedeckt werden. Doch wie so häufig ist der Tierschutz der blinde Fleck, das abertausenden Schweinen durch veraltete und tierschutzwidrige Konzepte wie Kastenstände und Spaltenböden zugefügt wird, bleibt unbedacht. PROVIEH hat deshalb eine offizielle Einwendung gegen die Anlage eingereicht. Alle eingegangenen Einwendungen werden nun bei einem offiziellen Erörterungstermin aufgegriffen. Einwender, Genehmigungsbehörde und der Betreiber werden zu Wort kommen. Hier haben alle Beteiligten die Möglichkeit, sich über den Stand der Planungen und die Bedenken der Anlage zu informieren. PROVIEH wird für diesen Tag eine Prostestkundgebung anmelden. Wir werden unsere Ablehnung dieser tierschutzwidrigen Anlagenerweiterung deutlich zeigen und freuen uns über zahlreiche Unterstützer:innen vor Ort! Sollte die Anlage wider Erwarten in dieser Form genehmigt werden, behält sich PROVIEH vor, sein Verbandsklagerecht zu nutzen, um die Genehmigung dieser tierschutzwidrigen Haltung anzugreifen und so Schmerz, Leid und Schäden von zahlreichen Muttersauen und ihren Ferkeln abzuwenden. 

Patrick Müller 

09.06.2021