Erzwungene Höchstleistungen als wichtigstes Krankheitsrisiko für Schweine

Die Ursachenkette, die bei Schweinen zum Schwanz- und Ohrbeißen führt, ist jetzt geklärt und kann abgestellt werden.

15.12.2016: In der industriellen Schweinehaltung beginnt die Ursachenkette für das Schwanzbeißen schon in der Zucht auf Höchstleistungen. Die Muttersauen sollen möglichst oft möglichst viele Ferkel zur Welt bringen, und die Ferkel sollen möglichst schnell heranwachsen und als Mastschweine dann möglichst schnell das Gewicht von rund hundert Kilogramm erreichen, damit sie, etwa ein halbes Jahr alt, geschlachtet werden können. Doch bis dahin müssen sie viel Leid ertragen, zu dem auch das Schwanz- und Ohrbeißen gehören.

Das Problem zu hoher Ferkelzahlen pro Wurf

Wenn eine Sau zwanzig oder mehr Ferkel pro Wurf zur Welt bringen soll, kann sie nicht alle in der Gebärmutter ausreichend ernähren. So werden einige Ferkel tot geboren oder sind so lebensschwach, dass sie in den ersten Lebenstagen sterben oder getötet werden. Bleiben mehr als 14 Ferkel übrig, kann die Sau nicht alle mit ausreichend Kolostrum (Erstmilch) versorgen und deshalb auch nicht mit den Antikörpern gegen Infektionskrankheiten, die ihre Mutter durchlebte. Wegen dieser Unterversorgung werden einige Ferkel von ihrer Mutter getrennt und von einer Ammensau oder künstlich weiterversorgt. Diese Ferkel sind erhöht krankheitsanfällig.

Die Antikörper können nur in den ersten Lebensstunden durch Poren der Darmwand ins Innere des Körpers gelangen, danach sorgt die Süße des Kolostrums für die Schließung der Poren. In den ersten Lebenswochen besteht die Magensäure noch aus Milchsäure, und im Darm werden vor allem Enzyme für die Milchverdauung gebildet. Die so wichtigen Bakterien für die gesunde Darmflora erreichen nach ihrer Aufnahme dann noch lebend den Darm und vermehren sich in ihm. Erst in den Folgewochen wird die Milchsäure durch die Salzsäure abgelöst, die aufgenommene Bakterien abtötet, und im Darm gewinnen Enzyme an Dominanz, die für die Verdauung von Futter benötigt werden.

Diese Umstellungen sind nach vier Lebenswochen noch nicht abgeschlossen, aber meistens werden die Ferkel schon nach drei Wochen – und damit viel zu früh –von ihrer Muttersau getrennt und in einen Ferkelstall gesetzt. Das ist ein Schock für die Ferkel. Sie müssen zum Beispiel erst einmal lernen, Wasser aus den Nippeltränken zu saugen. Brauchen sie dafür zu lange, bekommen sie zu spät ihr erstes Wasser, und ist das Wasser mit Krankheitskeimen verunreinigt, geraten diese lebend in den Darm und bilden in ihm Populationen, die sich mit Vorliebe in die Darmwand einnisten. Sterben solche Bakterien ab, werden ihre Gifte als „Leichengift“ frei und  können durch Poren einer geschwächten Darmwand in die Blutbahnen gelangen und die Wände von deren feinsten Verästelungen schädigen. Das führt zu Durchblutungsstörungen und weiter zur Bildung von Ödemen und Nekrosen (Absterben von Gewebepartien), die fürchterlich jucken. Entstehen sie am Schwanz oder an den Ohrrändern, kommt es zum gefürchteten Schwanz- und Ohrbeißen. Das dulden die Schweine zunächst, zur Linderung des Juckreizes, doch die Nekrosen werden durch das Beißen nur noch schlimmer, ein Teufelskreis. Fallen der Futterautomat, die Tränkwasserversorgung oder die Klimaanlage dann noch für Stunden aus, kann das Beißgeschehen dramatische Ausmaße annehmen und das schon im Mastferkelalter.

Jahrelang meinte man, das Beißgeschehen sei die Anfangsursache für die Bildung von Nekrosen. Jetzt fand man heraus: Umgekehrt sind die Nekrosen die wichtige Anfangsursache für das Beißgeschehen. Der Teufelskreis wird dann nur noch verstärkt.

 

Der Ringelschwanz-Versuch in Nordrhein-Westfalen zeigt:  Schwanz- und Ohrbeißen können verhindert werden

Bei den allermeisten Saugferkeln wird der Ringelschwanz schon in den ersten Lebenstagen vorbeugend gekürzt, als Maßnahme gegen späteres Beißgeschehen. Diese Maßnahme ist nach deutschem und EU-Recht aber nur in wohlbegründeten Ausnahmefällen erlaubt, doch die Ausnahmen entarteten zu Regeln und stellten die Ursachen für das Beißgeschehen nicht ab, sondern machten sie nur schwer erkennbar. Deswegen muss der Schwanz ungekürzt bleiben als Anzeiger für die Qualität durchlebter Haltungsbedingungen und den allgemeinen Gesundheitszustand: Ist der Schwanz geringelt und nach oben gehalten, geht es dem Schwein gut. Wird der Schwanz zwischen die Beine geklemmt oder hin und her gepeitscht zur Linderung von Juckreiz, geht es dem Schwein schlecht.

Zur Gewinnung solcher Erkenntnisse ist der Ringelschwanz-Versuch in Nordrhein-Westfalen so wichtig. Dessen ersten beiden von drei geplanten Phasen sind jetzt abgeschlossen. Die erzielten Ergebnisse wurden am 18. Oktober 2016 in der nordrhein-westfälischen Landesversuchsanstalt Haus Düsse (nahe Soest) vorgestellt. PROVIEH als Mitinitiator des Projekts war dabei.

Im Versuch fanden 25 Mastdurchgänge verteilt auf 15 Betriebe statt. Sie brachten folgende überraschende Entdeckung ans Licht: In der Praxis sind es in allererster Linie technische Störungen, die das Schwanzbeißen hervorrufen. Besonders gefährlich ist, wenn ein Futterautomat, die Versorgung mit sauberem Wasser oder die Lüftungsanlage gestört sind oder stundenlang ausfallen. Das führt zu Hunger, Durst, beißendem Ammoniakgestank und/oder Hitzestress, alles mit Schwanzbeißen als häufiger Folge. Auf Betrieben ohne solche derartigen Störungen lag die Erfolgsquote intakter Ringelschwänze überraschend hoch, bei über 95 Prozent.

Erhellend für viele Teilnehmer war, was Prof. Dr. Johanna Fink-Gremmels aus Utrecht über Biofilme in Tränkwasserleitungen vortrug: Allein schon das Trinken aus Nippeltränken kann zu Gesundheitsproblemen bei Schweinen aller Altersstufen führen, denn bei jedem Schluck aus dem Nippel stoßen die Schweine etwas Wasser zurück in die  Leitung.  Doch im Maul des Schweines befinden sich viele Bakterienarten. Gelangen diese mit dem Wasserrückstoß in die Wasserleitung, können sie sich in ihr vermehren und Populationen erzeugen, die an der Innenwand der Rohre gemeinsam einen schleimigen Biofilm bilden, der die Bakterien schützt und in dem sie sich weiter vermehren und Gene austauschen können, „ähnlich wie beim Kaffeeklatsch neueste Nachrichten ausgetauscht werden.“ Wird der Biofilm immer dicker und älter, gelangen aus ihm immer häufiger Bakterien in das Tränkwasser, das die Schweine aufnehmen. Die schädlichen dieser Bakterien können im Magen-Darm-Trakt der Schweine Gesundheitsprobleme erzeugen und in der Folge die Bildung von Ödemen und Nekrosen begünstigen. Um solche Probleme zu vermeiden, wurden den Schweinen im Versuch offene Tränken statt Nippeltränken angeboten. Wird den Schweinen Brunnenwasser vom Betrieb angeboten, bildet sich in den Wasserrohren ebenfalls ein gefährlicher Biofilm. Deshalb ist es wichtig, die Wasserleitung regelmäßig von ihrem Biofilm zu befreien. Das gelingt gut mit sehr hohem Wasserdruck. 

Doch um Schweine mit unversehrtem Schwanz erfolgreich  halten zu können, muss noch mehr geschehen, als nur das Funktionieren der Stalltechnik und das Angebot von hygienisch einwandfreiem Tränkwasser sicherzustellen. Für eine gute Verdauungsgesundheit brauchen die Schweine täglich auch genug Raufutter von guter Qualität (im Versuch hat sich Luzerne-Heu sehr bewährt), mehr Platz im Stall und pro Individuum einen Futterplatz, um Gedrängestress bei der Fütterung zu vermeiden. Und nicht zu vergessen, auch ein  freundliches Verhältnis zwischen Schweinen und ihren Betreuern senkt das Krankheitsrisiko deutlich.

Dank der neuen Erkenntnisse wird die Haltung von Schweinen mit intaktem Ringelschwanz unwiderruflich zur Pflicht werden

 „Die neuen Erkenntnisse werden das Schwanzkürzen nicht abrupt beenden können, doch auf dem Weg dahin gibt es kein Zurück mehr“, betonte Prof. Dr. Friedhelm Jaeger vom Referat für Tierschutz im nordrhein-westfälischen Agrarministerium gegenüber PROVIEH. Deshalb sei es so wichtig, dass EU-Inspektoren deutsche Schweinebetriebe ab 2017 verstärkt prüfen werden. Mängel, wie routinemäßig gekürzte Ringelschwänze, können dann zu Kürzungen von EU-Agrarzahlungen führen. Der nun fällige Umstellungsprozess kann beschleunigt werden durch die von PROVIEH seit 2011 vorgeschlagene „Ringelschwanzprämie“ für den Kupierverzicht.  Fördermittel für die notwendigen Betriebsumstellungen könnten ab 2017 aus den Landeshaushalten bereitgestellt und durch EU-Mittel kofinanziert werden. Für solche Maßnahmen kämpft PROVIEH schon seit 2008, wohlwissend, dass Schweine mit intaktem Ringelschwanz nur auf schonende Weise gehalten werden können. Noch schnauben die Agrarfunktionäre gegen die nun fällige Umstrukturierung der Schweinewirtschaft, aber das wird sich legen, wenn die Politik endlich strenge Regeln für die Tierhaltung setzt und deren Einhaltung auch streng kontrolliert – zum Wohl der Schweine, der Schweinehalter und der ganzen weiterführenden Nahrungsmittelkette bis hin zu den Verbrauchern.

Markt und Moral müssen endlich wieder unter einen Hut gebracht werden – so die Forderung von PROVIEH.

Sievert Lorenzen