Essen wir unsere Erde auf?

15.10.2014: Dass die derzeitig gängige Haltung von landwirtschaftlich genutzten Tieren eine Tortur für diese darstellt, liegt auf der Hand. Qualzuchten, prophylaktische Amputationen und die Haltung in zu großen und dadurch sozial instabilen Gruppen sind die Regel. Doch nicht ausschließlich ethologische und ethische Überlegungen sollten eine Rolle spielen, wenn der Fleischkonsum hinterfragt wird. Auch die sozialen und ökologischen Auswirkungen der industriellen Tierhaltung sind immens.

Folgekosten der Intensivtierhaltung

In Deutschland werden im Durchschnitt jährlich etwa 60 Kilogramm Fleisch pro Einwohner verzehrt.  Im globalen Mittel liegt der Konsum bei 42,5 Kilogramm – mit steigender Tendenz. Während in Deutschland der pro-Kopf-Verzehr erst stagnierte und nun leicht zurückgegangen ist, entwickelt sich der Fleischhunger in Schwellen- und Entwicklungsländern rasant. Doch zu welchem Preis? Selbst wenn tierethische Aspekte außer Acht gelassen werden, zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass ungehemmter Fleischkonsum gigantische Folgekosten sowohl für unsere Umwelt und Gesundheit als auch für die soziale Gerechtigkeit erzeugt.  In diesem Kontext definieren sich Folgekosten als jene Kosten, die durch einzelwirtschaftliches Handeln entstehen, aber nicht vom Verursacher gezahlt werden, sondern von der Gemeinschaft. Man spricht hierbei auch von negativen externen Effekten.

Gesundheitliche Probleme

Der hohe Fleischkonsum in den Industrieländern führt bei vielen Menschen zu gesundheitlichen Problemen. Wurstwaren stehen im Verdacht, die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs zu fördern, und laut einer US-Studie aus dem Jahr 2009 erhöht der Verzehr von viel rotem Fleisch das Sterberisiko. Rotes Fleisch – also das von Rind und Schwein – steht aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive also stark in der Kritik.

Auch der großflächige und massive Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung schadet der menschlichen Gesundheit. Das konnte das nordrhein-westfälische Landesumweltamt in einer Studie bestätigen. Neun von zehn Masthühnern sind bei ihrem Mastdurchgang mindestens einmal mit Antibiotika in Kontakt gekommen, meistens sogar häufiger. In Niedersachsen werden in 82 Prozent der Masthuhnbetriebe, 77 Prozent der Mastschweinbetriebe und in allen Mastkalbbetrieben regelmäßig Antibiotika verabreicht. Antibiotika halten die geschwächten Tiere bis zur Schlachtung am Leben und fördern bei allen Tieren das Wachstum. Diese Form der Wachstumsförderung ist zwar seit dem Jahr 2006 europaweit verboten, hat jedoch den Einsatz von Antibiotika nicht verringert, denn erlaubt ist weiterhin: Zeigt nur ein Tier Krankheitsverdacht, so darf der gesamte Bestand mit Antibiotika behandelt werden. Deshalb wurde im Jahr 2011 erstmals die Antibiotikavergabe in der Tierhaltung erfasst mit dem Ergebnis, dass - laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit - circa 1.734 Tonnen Antibiotika an deutsche Tierärzte vergeben wurden. Da die Tiere oft dieselben Medikamente wie die Menschen bekommen, können sich resistente Erreger bei Nutztieren resistente Erreger bilden, die auch den Menschen gefährden. Die Antibiotikaresistenzen haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen.

Welthunger

Die EU hat im Zeitraum von 2007 bis 2013 etwa 42 Prozent des Haushaltsbudgets für die Gemeinsame Agrarpolitik vergeben. Die staatliche Subventionsvergabe unterstützte, dass Lebensmittel im Überschuss produziert werden. In den Industriestaaten werden bestimmte Fleisch-Teile wie zum Beispiel Hühnerbrust-Filet bevorzugt gegessen, so dass ein Überschuss an mitproduzierten und unerwünschten Fleischstücken wie zum Beispiel Geflügelbeine bleibt, der dann – durch Subventionen künstlich verbilligt – zu einem konkurrenzlosen Spottpreis auf den Märkten von Entwicklungs- und Schwellenländern angeboten wird. Diese Praxis destabilisiert die Wirtschaft in Entwicklungsländern und gefährdet so deren Ernährungssouveränität und damit das Menschenrecht auf Nahrung (wir berichteten im Heft 02/2010). Viele Viehzüchter in Entwicklungsländern mussten aufgeben, weil sie die Weltmarktpreise nicht unterbieten konnten – und sind nun überdurchschnittlich häufig von Armut und Hunger betroffen.

Aktuell werden etwa 38 Prozent der Erdoberfläche landwirtschaftlich genutzt.  Ein sehr großer Teil davon wird für den Anbau von Futter-Pflanzen wie Mais und Soja für Rinder, Schweine und Geflügel genutzt. Berechnungen zufolge könnten theoretisch 3,5 Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden, wenn zur Nahrungsmittelerzeugung der Umweg über den Futtertrog vermieden würde. Durch die gesteigerte Nachfrage nach Futterpflanzen werden immer mehr Flächen für den Anbau von Soja einer Nutzungsänderung unterzogen. Besonders in Südamerika sind die Anbaugebiete in den letzten Jahren erheblich ausgeweitet worden zu Lasten wertvoller Lebensräume. Allein in Argentinien hat sich die Anbaufläche binnen zehn Jahren verdoppelt und stieg bis zum Jahr 2009 auf insgesamt 16,7 Millionen Hektar.  

Private und staatliche Anleger  haben in den letzten Jahren viele Flächen in Entwicklungsländern gekauft oder langfristig gepachtet – unter anderem, weil die Flächen für die Futtermittel „unserer“ Nutztiere nicht mehr ausreichen. Dieses Vorgehen nennt sich Land Grabbing („Land grabschen“) und führt zu Hunger und Entrechtung der armen Bevölkerungsschichten.

Wasser

Die steigende Weltbevölkerung und die erhöhte Nachfrage nach tierischen Produkten führen zu einem hohen Wasserbedarf. Aktuell verbraucht die Landwirtschaft 70 Prozent der weltweiten Süßwasserressourcen. Ein Drittel davon wird für die Nutztierhaltung verbraucht. Ein krasses Beispiel für den immensen Verbrauch: Um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, werden rund 15.000 Liter Wasser benötigt. Das ist in Regionen mit genügend Niederschlag kein Problem, wohl aber in Regionen mit wenig Niederschlag.

Doch Massentierhaltung trägt erheblich auch zur Verschmutzung von Wasser bei. Diese Belastung konnte in Deutschland zwar verringert werden, aber Regionen mit einer hohen Dichte von Mastanlagen haben – im Vergleich zu anderen Regionen – noch immer deutlich erhöhte Gehalte an Nitrat, Phosphor, Antibiotika und anderen unerwünschten Stoffen im Grundwasser.

Momentan leben 2,5 Milliarden Menschen in Gebieten mit mangelhaftem Wasserzugang. Der hohe Wasserverbrauch in der Landwirtschaft und die Verschmutzungen des Wassers verschärfen das Problem der Wasserknappheit. Deswegen wird eine steigende Nachfrage nach tierischen Produkten die prognostizierten Konflikte um die Ressource Wasser zuspitzen.

Klima

Die Landwirtschaft wird ein immer größeres Problem für den Klimaschutz. Die Tierhaltung trägt mit weniger als 2 Prozent zum globalen Bruttoinlandsprodukt bei, verursacht aber – je nach Berechnungen – bis zu 18 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen, die das Klima in unerwünschter Weise erwärmen.

In den letzten Jahrzehnten wurden zunehmend Energiepflanzen angebaut, und die Flächen an Grünland, die der Luft CO2 entziehen, werden immer kleiner. Schätzungen zufolge tragen Methan, Lachgas und Kohlendioxid aus der Landwirtschaft mit 15 Prozent zu den deutschen Treibhausgasemissionen bei. Nicht berücksichtigt bei dieser Schätzung sind die Emissionen, die beim Anbau des importierten Viehfutters in fernen Ländern entstehen

Mittlerweile ist ein anthropogen (also durch den Menschen) verursachter Klimawandel wissenschaftlich unbestritten. Ein Klimaanstieg von zwei Grad hätte unabsehbare Folgen für globale Ökosysteme und wird daher als eine „gefährliche Störung des Klimasystems“ bezeichnet. Bei einer Klimaerwärmung über zwei Grad ist nach Expertenmeinung die Wasser- und Nahrungsmittelversorgung der Menschheit potentiell stark gefährdet.

Böden

Mehr als 52 Prozent der Bodenfläche Deutschlands werden zur landwirtschaftlichen Nutzung bewirtschaftet. Aufgrund des Strukturwandels in der Landwirtschaft steigt die durchschnittlich bewirtschaftete Fläche pro Betrieb kontinuierlich an. So bewirtschaften mittlerweile weniger als zehn Prozent der Betriebe mehr als die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Böden in industrieller Weise. Die Zahl der kleineren und mittelgroßen bäuerlichen Betriebe verringert sich dagegen stetig.

In der industriell betriebenen Landwirtschaft werden verschiedene Stoffe eingesetzt, die den Böden mittelfristig schaden und die Fruchtbarkeit senken. Neben mineralischen Düngern werden häufig Wirtschaftsdünger wie Gülle, Festmist oder Jauche mit schwerem, bodenverdichtendem Gerät ausgebracht, oft im Überschuss, der zu Überdüngung und Versauerung der Böden führt und  Erosionen fördert. Mit der Gülle kommen oft auch Antibiotikarückstände auf die Felder. Die globale Übernutzung von Böden durch Futtermittelanbau und Überweidung fördert eine fortschreitende Bildung von Wüsten (Desertifikation) und verschärft damit die Flächenkonkurrenz.

Artenvielfalt

In der Umweltforschung hat sich der Begriff der Ökosystemdienstleistungen manifestiert. Dieser bezeichnet den gestifteten Nutzen, den Menschen von den ökologischen Systemen beziehen. Hierzu zählen unter anderem das kostenlose Bestäuben von Wild- und Kulturpflanzen durch Insekten, die kostenlose Bereitstellung von Sauerstoff durch Pflanzen und der kostenlose Abbau organischer Reste durch bodenlebende Bakterien, Würmer und andere Lebewesen, die für die Bodenfruchtbarkeit unverzichtbar sind.

Was nichts kostet, ist nichts wert. Das scheint das Motto der Agrarindustriellen zu sein, denn wie sonst sind der intensive Anbau von Monokulturen auf immer gleichen Flächen, der übermäßige Einsatz von immer mehr Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden sowie die noch immer fortschreitende Intensivierung und räumliche Ballung der Massentierhaltung zu verstehen? Meinen die Agrarindustriellen, auf die Ökosystemdienstleistungen verzichten zu können? Kümmert sie nicht der Verlust der Artenvielfalt in der Natur? Wissen sie nicht, dass es außer der Honigbiene noch viele andere Bienenarten und viele andere Insekten gibt, die Pflanzen bestäuben? Wissen sie nicht, dass der Fruchtwechsel im Ackerbau die beste Waffe gegen Schädlinge aller Art ist, dass zu den Fressfeinden der Schädlinge auch viele Insekten und Vögel gehören? Meinen sie wirklich, alle Probleme mit Dünger, Gift und Maschinen in den Griff zu bekommen? Muss man ihnen erst vorrechnen, warum der Wert der europaweit erbrachten Ökosystemdienstleistung auf bis zu 22 Milliarden Euro geschätzt wird (siehe auch Artikel in diesem Heft)? Lernen sie nicht, dass die Natur immer den längeren Arm als der Mensch hat, so dass wir gut daran täten, mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten? Auch bei Nutzpflanzen und Nutztieren hat die starke Fokussierung auf leistungsstarke Sorten und Rassen zur drastischen Verringerung von deren Vielfalt geführt.

Gibt es Lösungsansätze?

Es zeigt sich also, dass die industrielle Landwirtschaft weitreichende soziale und ökologische Folgekosten verursacht. Mehrmals in der Woche billiges Fleisch zu essen erzeugt also Folgekosten, die viel höher als der Fleischpreis sind. Ökonomisch profitabel ist die Massentierhaltung nur solange die Betriebe nicht die Kosten für die von ihnen verursachten Schäden tragen müssen. Die Gewinne werden privatisiert, die Folgekosten jedoch „vergesellschaftet“ und damit von der Gemeinschaft getragen.  Viele der genannten Folgekosten lassen sich mathematisch (noch) nicht berechnen, aber dass sie hoch sind, kann nicht mehr bezweifelt werden. Bekannt ist auch, dass Ökosysteme in Wechselwirkung miteinander stehen und Auswirkungen teilweise kaum vorhersehbar sind. Das gilt besonders für die Vorhersage von Kipp-Punkten („Tipping Points“), deren Unter- oder Überschreitung zu dramatischen Folgen führen kann, ähnlich wie ein See bei etwas mehr Verschmutzung „umkippen“ kann.  

Die gute Nachricht ist: Jeder Einzelne kann etwas verändern! Egal ob aus tierethischen, sozialen oder ökologischen Beweggründen, bei jedem Einkauf können wir unser Konsumverhalten reflektieren und ein Zeichen setzen!

Ira Belzer

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