"Echte Kerle statt Kastraten"

Kampagnenübersicht Ferkelkastration

Jahrzehntelang war es übliche Praxis, männlichen Ferkeln bei vollem Bewusstsein und ohne Schmerzausschaltung die Hoden zu entfernen. Die Kastration von männlichen Ferkeln verhindert, dass die Tiere mit Eintritt in die Pubertät Stoffe bilden, die den Fleischgeruch beim Erhitzen negativ beeinflussen. Ab 2019 ist nun die Kastration ohne Schmerzausschaltung gesetzlich verboten.

Nach Prüfung aller zur Verfügung stehenden Alternativen entschloss sich PROVIEH bereits 2008 die Etablierung der Ebermast voranzutreiben - unter dem Aspekt der Unversehrtheit, sicherlich die beste Lösung. Mit unserer PROVIEH-Kampagne „Kastratenburger? Schluss damit!“ erreichten wir bei McDonald’s und Burger King im Juli 2009 innerhalb von drei Tagen den Ausstieg aus dem Verkauf von Kastratenfleisch zum 1. Januar 2011.

PROVIEH arbeitet bereits seit Sommer 2008 gemeinsam mit Vertretern der Fleischbranche an der Beseitigung von Hindernissen, die dem Umstieg auf die Mast unkastrierter männlicher Schweine (Jungeber) im Wege stehen. Noch im September 2008 verabschiedeten der Deutsche Bauernverband (DBV), der Verband der Deutschen Fleischwirtschaft (VDF) und der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) die sogenannte „Düsseldorfer Erklärung“, in der die Jungebermast als Ziel festgelegt wird, wenn auch ohne Fristsetzung.

2009 wurde auch die EU-Kommission auf die Entwicklungen in Deutschland und den Niederlanden aufmerksam, weil sie für einen einheitlichen Binnenmarkt sorgen muss und in einigen Ländern der Verkauf von Jungeberfleisch gesetzlich verboten war (zum Beispiel Frankreich). Sie organisierte Workshops mit allen Interessenvertretern, darunter PROVIEH, die im Dezember 2010 in der „Brüsseler Erklärung“ mündeten, an der PROVIEH mitwirkte. Darin wurde Schmerzbehandlung verpflichtend ab 2012 festgelegt. Die gänzliche Abschaffung der betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration ist ab dem 01. Januar 2019 vorgesehen.

Die Umstiegsphase wurde auch 2014 in Deutschland durch zahlreiche wissenschaftliche Forschungsprojekte und Praxisversuche begleitet. Die Ebermast ist ein gangbarer Weg, sofern Management und Haltungsbedingungen optimal sind. Trotzdem werden bisher nur etwa fünf bis zehn Prozent der männlichen Tiere als Jungeber geschlachtet - auch weil 2014 einige der größten Schlachtunternehmen im Mai 2012 die schriftlich zugesagte abzugsfreie Abnahmegarantie für Jungeber einseitig wieder abgeschafft oder Abzüge für Eberfleisch etabliert haben. Dies benachteiligt und verunsichert die Erzeuger. Zudem bekennen sich die großen Lebensmitteleinzelhandelsketten nur dann zum Verkauf von Eberfleisch, wenn eine Geruchsdetektion garantiert wird. Die Identifizierung eventuell geruchsauffälliger Tiere geschieht seit Jahren mithilfe menschlicher „Spürnasen“. Dazu werden am Schlachtband Riechtests von speziell dafür geschultem Personal durchgeführt. Diese Tests werden seit vielen Jahren erfolgreich von Schlachtbetrieben aller Größenordnungen durchgeführt und haben sich als höchst verlässlich erwiesen.

Dank der unermüdlichen Kampagne von PROVIEH und der Verabschiedung der Tierschutzgesetzesnovelle, die eine betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland ab 2019 verbietet – konnten wir wichtige Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels dazu bewegen, den Ausstieg schon früher einzuleiten. So gaben unter anderem REWE und ALDI Süd nach intensivem Austausch mit PROVIEH im Frühjahr 2016 öffentlich bekannt, dass sie ab Januar 2017 kein Fleisch von unbetäubt kastrierten Schweinen mehr verkaufen werden. Sie bekannten sich dabei ausdrücklich auch zur Vermarktung von Jungeberfleisch. Ihre Fleischlieferanten mussten also bereits seit Mitte 2016 auf die betäubungslose Kastration verzichten.

Die einzigen in Deutschland zugelassenen Verfahren zur Schmerzausschaltung bei der Kastration von männlichen Ferkel sind:

  • Die Immunokastration

Aus Tierschutzsicht die Methode der Wahl, da sie den minimalsten Eingriff am Tier darstellt. Männliche Schweine bekommen im Abstand von mindestens vier Wochen zwei Injektionen. Die Hoden werden nicht chirurgisch entfernt.

  • Die chirurgische Kastration unter Vollnarkose mit anschließender Gabe von Schmerzmittel

Die Hoden der männlichen Ferkel werden chirurgisch entfernt. Zur Linderung des Kastrationsschmerzes werden nach dem Eingriff Schmerzmittel (sogenannte NSAR, die auch bei der Schmerzbehandlung von Menschen angewendet werden, zum Beispiel Ibuprofen, Diclofenac) eingesetzt.

Die Nachschlafphase stellt hier das größte Problem dar. Die Ferkel können dabei unterkühlen und verpassen eine „Mahlzeit“. Schwache Ferkel leiden hierbei besonders und es kommt nicht selten zu Todesfällen.

Es gibt weitere Verfahren

Die  Betäubung durch eine Inhalationsnarkose mit Isofluran darf nur vom Tierarzt ausgeführt werden. Sie weist erhebliche Schwachstellen auf, denn die Betäubungswirkung ist stark abhängig vom richtigen Sitz der Atemmaske und dem Gewicht der Ferkel. Bei den über drei Kilogramm schweren Tieren sind nur noch 71,5 Prozent wirklich betäubt. Mehrere Studien zeigen, dass bei Ferkeln im Alter von sieben Tagen nur noch 61 Prozent und mit acht Tagen nur noch 55 Prozent ausreichend betäubt sind. Auch hier ist die Gabe von NSAR zwingend notwendig.

Die Lokalanästhesie, besser bekannt als örtliche Betäubung, mit dem Wirkstoff Procain, ist weder in Deutschland zur Kastration von Ferkeln zugelassen, noch erfüllt die den Anspruch der Schmerzausschaltung. Daher ist sie aus Sicht des Tierschutzes abzulehnen.

Für PROVIEH steht die Unversehrtheit der Tiere im Vordergrund. Deshalb halten wir an der Ebermast- mit und ohne Immunokastration fest. Es besteht immer noch großer Bedarf an Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit, dem wir uns gerne stellen. Denn nur durch intensive Facharbeit können wir in den letzten Monaten vor dem gesetzlichen Verbot zur betäubungslosen Kastration den Weg für Methoden ebnen, die nicht nur für Tierhalter, sondern besonders für die Tiere am besten sind.

Stand: Oktober 2017 

Kontakt: Angela Dinter, dinter@provieh.de

 


 

 

Mythen der Ferkelkastration auf dem Prüfstand

  • Wir haben für Sie die gängigsten Fehlinformationen über die Ebermast bzw. die Auswirkungen der Abschaffung der Ferkelkastration zusammengetragen. Zur Übersicht kommen Sie hier.
  • Infomaterialien