Alternativen zur Ferkelkastration in der Praxis. Ein Interview mit Dietrich Pritschau

25.01.2019: Männliche Eber werden kastriert, um eventuelle Geruchsabweichungen beim Fleisch auszuschließen. Mit einer Übergangsfrist von fünf Jahren sollte die Kastration ohne Betäubung ab Dezember 2018 verboten sein. Die Bundesregierung hat aber einer zweijährigen Verlängerung zugestimmt, da es angeblich keine praxistauglichen Alternativen gibt. 

Aus Tierschutzsicht ist die Ebermast mit und ohne Eberimpfung die konsequenteste Lösung. Junge Eber entwickeln sich mit Eintritt in die Pubertät zu richtigen Raufbolden. Beim gegenseitigen Kräftemessen auf engem Raum können sich die Tiere daher schwere Verletzungen zufügen. Die wenigsten Betriebe sind derzeit jedoch darauf ausgelegt Eber zu mästen. 

Eine Praxisalternative zur betäubungslosen Ferkelkastration testet gerade Dietrich Pritschau, ein Schweinehalter aus Schleswig-Holstein. Er verzichtet ab ersten Januar 2019 freiwillig auf die chirurgische Kastration seiner Ferkel, obwohl dies weitere zwei Jahre gesetzlich erlaubt bleibt. Um das Verletzungsrisiko seiner Tiere zu minimieren, setzt der 2. Vorsitzende des Bauernverbands Schleswig-Holsteins auf die Eberimpfung. Bei diesem Verfahren bekommen die Eber zweimal eine Spritze, die sich dämpfend auf das aggressive Verhalten der Eber auswirkt und zudem den unerwünschten Ebergeruch verhindern soll. Seine Tiere sind zukünftig also unversehrt.

Im Vorwege musste Herr Pritschau allerdings feststellen, dass niemand seine geimpften Tiere haben wollte.  

Herr Pritschau, wieso werden geimpfte Schweine nicht oder nur ungern angenommen? Worauf begründet sich diese Ablehnung? 

Es gibt eine durchaus verständliche Unsicherheit im Handel, wie Verbraucher Fleisch von einem geimpften Tier bewerten. Hier ist sicherlich mehr Aufklärung nötig. Aber das sehe ich nicht als Problem. Schwieriger ist, dass viele Ladenschlachter auf kastrierte Tiere bestehen, denn wenn ein Tier wegen Ebergeruch ausfällt, können sie dieses im Gegensatz zu großen Schlachtunternehmen nicht anderweitig verwerten. Die großen Schlachtunternehmen dagegen haben sich technisch auf ein homogenes Schlachttier eingestellt und scheuen höhere Kosten durch verschiedene Varianten von männlichen Schweinen.

Was könnte gegen die ablehnende Haltung unternommen werden? 

Wir fordern vom Handel, dass er zu seinem Wort steht und alles was gesetzlich erlaubt ist, auch annimmt und vermarktet. Inzwischen sehen wir da etwas Bewegung, wenn auch zögerlich. Der Verbraucher muss sachlich aufgeklärt werden, damit er eine eigene Position zur Kastration finden kann. 

Wie empfinden sie die Methode der Eberimpfung in ihrem Betrieb? Wie praktikabel ist sie? 

Bisher haben wir die noch jungen Eber nicht impfen müssen, das geschieht erst in den nächsten Wochen. Das Impfen ist aber weltweit seit Langem ein Standard, der sicher auch bei uns funktioniert. Unsere Mitarbeiter haben jedenfalls gern auf das Kastrieren verzichtet! Ich sehe in der Aufgabe keine unlösbaren Probleme.

Würden sie gerne bei dieser Methode (Eberimpfung) bleiben? 

Eine richtige Ebermast scheidet durch die Genetik unserer Tiere leider aus. Wir werden mit der Impfung jetzt Erfahrungen sammeln und dann mehr berichten können. Klar ist, dass es sich am Ende rechnen muss - weniger verdienen mit einem größeren Aufwand geht nicht. 

Glauben Sie, Ihre Berufskollegen würden sich auch für die Eberimpfung entscheiden, wenn die Abnahme der Tiere zu fairen Preisen gesichert wäre? 

Das hängt sehr von den möglichen Kastrationsalternativen ab, die sich in den nächsten knapp zwei Jahren eröffnen. Mäster, die weiter deutsche Ferkel beziehen möchten, sollten sich intensiv mit der Impfvariante beschäftigen. Voraussetzung für einen Erfolg der Impfung sind, wie sie schon sagen, eine gesicherte Abnahme und auskömmliche Preise. 

Wer lehnt die Abnahme Ihrer Tiere ab? 

Zunächst hat unsere Vermarktungsgesellschaft nur ablehnende Antworten auf unser Angebot erhalten. Diese strikte Absage wird allmählich aufgeweicht. Die verarbeitenden Betriebe haben mit diesem neuen Weg fast keine Erfahrung und sind deshalb sehr skeptisch. Die positiven Impulse muss der Lebensmitteleinzelhandel setzen.

Wer nimmt das Fleisch Ihrer Tiere nun an? 

Wir sind im Gespräch mit mehreren Abnehmern aus dem Handel und der Schlachtung. Ein großes Schlachtunternehmen hat in der Kooperation mit einem großen Discounter Interesse an unseren Schweinen signalisiert. Aber es geht mir ja nicht um meine wenigen Tiere, das wäre reine Kosmetik. Wir brauchen eine Marktlösung für den ganzen Sektor. Und die sehe ich noch nicht. Wir müssen endlich konkrete Erfahrungen mit diesem Weg sammeln, sonst stehen wir in 700 Tagen wieder ohne Lösung da!

Was können Verbraucher, Tierschutzverbände oder die Politik tun, um die Akzeptanz der Ebermast mit und ohne Eberimpfung zu stärken? 

Die Verbraucher können sich ganz bewusst für ein unversehrtes Schwein bei ihrem Einkauf entscheiden und darauf bestehen, dass es ihnen angeboten wird. Die Branche der „begleitenden Kommentatoren“ sollte sich möglichst schnell auf eine sachliche Diskussionsebene begeben. Es geht in den nächsten Monaten um die Existenz vieler deutscher Sauenhalter und damit auch um die eigene Einflussmöglichkeit auf unsere deutsche Tierhaltung. 

Herr Pritschau, vielen Dank für das Gespräch. 

PROVIEH hat sich bereits seit 2008 für ein Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration und für die Ebermast eingesetzt und war maßgeblich an der 2013 verabschiedeten Gesetzesänderung beteiligt. Deshalb unterstützten wir Herrn Pritschau bei seinen Bemühungen, gänzlich auf die Kastration seiner Eber zu verzichten, denn dadurch würde der schmerzhafte Eingriff Millionen Schweinen erspart bleiben. PROVIEH führt mit allen Lebensmitteleinzelhandelsketten Gespräche und Verhandlungen, damit diese tierschutzgerechte Methode endlich flächendeckenden Einsatz findet. 

Angela Dinter

Wir hören auf zu kastrieren - aber wer nimmt unsere Schweine? (Youtube Video vom Bauernverband Schleswig-Holstein)

Wie geht es weiter? Der Improvacversuch (Teil 2)

Fast geschafft: Schweinehalter, Schlachthofbetreiber und Lebensmitteleinzelhandel akzeptieren die Ebermast mit und ohne Eberimpfung. Daher ist es unbegreiflich, dass MDB Klöckner mit 38 Millionen Euro weiterhin die chirurgische Kastration fördern will. 
Wir hören auf zu kastrieren! (Teil 3)