Ferkeltötungen: Report Mainz hakt nach

24.07.2014: Ausnahmsweise und aufgrund der vielen Zuschauer-Zuschriften berichtete Report Mainz am 22. Juli über die ersten Konsequenzen und Folgewirkungen der ARD-Reportage über Ferkeltötungen vom 14. Juli 2014.

Während die Standesvertretungen wie ISN (Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V.) von unsachlicher Berichterstattung sprechen und auch Hans-Benno Wichert vom Bauernverband Baden-Württemberg im Interview so tut, als ob es sich bei den gefilmten Szenen um abscheuliche Ausnahmen einiger weniger „schwarzer Schafe“ handelt, weiß jeder in der Branche Tätige, dass die gezeigte Tötungsform für lebensschwache bzw. als nicht überlebensfähig eingestufte Ferkel gang und gäbe ist.

Die Bedeutung des Haltungssystems

Auch die im Kommentar „Verantwortung übernehmen“ auf der ISN-Homepage angeführte Begründung, dies liege keinesfalls am Haltungssystem, ist nicht ganz richtig. So gibt es zum Beispiel Ferkelerzeuger, die aus Hygienegründen prinzipiell keine Ferkel an andere Sauen versetzen, um die mögliche Verbreitung von Krankheitserregern zu minimieren. Sie  lassen die Wurfgeschwister immer gemeinsam und geschlossen bis zum Mastende in einer Gruppe. Deshalb kann es durchaus bei den heute sehr großen Würfen „überzählige (unterentwickelte) Ferkel“ geben, für die keine oder keine ausreichend funktionsfähige Zitze übrig ist. Und das kommt heutzutage durch die hohen Ferkelzahlen pro Wurf leider häufig vor.

Die maximale Auslastung der Betriebe mit sogenannter Gruppenabferkelung und „Rein-Raus“-System (alle Sauen einer Gruppe kommen gleichzeitig in den Abferkelstall und auch wieder hinaus, ebenso die Ferkel) wird von vielen aus Rationalisierungs- und Hygienegründen bevorzugt (siehe dazu auch PROVIEH-Magazin 1 und 2/2014).

Genug leere Abteile für alle eventuell notwendigen Ammensauen kann sich bei den geringen Deckungsbeiträgen kaum einer leisten. Insofern sind sowohl das Haltungssystem als auch die sehr geringen Preise (aufgrund des andauernden Überangebotes) sehr wohl mit verantwortlich für diese Missstände.

Ökonomische Gründe

Dass es aus ökonomischen Gründen nicht sinnvoll sei, ein lebensschwaches Ferkel zu töten, ist auch nicht richtig: Ein untergewichtiges Ferkel aufzupäppeln ist mühsam. Es kostet Zeit, zum Beispiel die stärkeren Geschwister zu separieren, damit die kleineren mehr „Colostrum“ (wichtige erste Muttermilch in den Stunden nach der Geburt) bekommen, und das mehrfach innerhalb der ersten Tage. Auch ist es immer mit einem leichten Infektionsrisiko behaftet, Ferkel – beispielsweise stärkere Wurfgeschwister –  von einer Sau an eine andere zu versetzen oder das Stallsystem mit natürlichen Ammensauen zu managen. Man weiß meist nicht, wie viele gebraucht werden, bevor nicht die letzte Sau einer Gruppe ihre Ferkel bekommen hat. Und nicht immer stehen genug geeignete Ammensauen zur Verfügung.

Die Aufzucht von lebensschwachen Ferkeln kostet möglicher Weise auch Geld durch die schlechtere Futterverwertung der „Kümmerer“, aufgrund erhöhter Krankheitsanfälligkeit und mehr Tierarztkosten etc. Außerdem kann es sein, dass das Ferkel es trotz des erhöhten Aufwandes nicht schafft. Lohnt es sich trotzdem? Es wäre naiv zu glauben, dass solche Erwägungen keine Rolle spielen, wenn Ferkelerzeuger darüber entscheiden müssen, ob  angesichts der niedrigen Ferkelpreise und des erhöhten Aufwandes ein Ferkel als „überlebensfähig“ eingestuft wird oder nicht.

Lösungsansätze

Es gibt heute gute Zufütterungs-Vorrichtungen für Ferkel (zum Beispiel „Milchtassen“ wie die der Firma Bröring), die in der Abferkelbucht dafür sorgen können, dass auch schwächere Ferkel, die im Rangordnungskampf eine weniger milchreiche Zitze am hinteren Teil des Gesäuges abbekommen haben, genug Nahrung bekommen. Der Wurf kann nach ersten Erfahrungsberichten durch diese Zufütterung insgesamt besser versorgt und die Sau entlastet werden.

PROVIEH sieht aber mittelfristig – wie auch die hessische Tierschutzbeauftragte Dr. Martin – als wichtigstes Instrument die Umsteuerung der Genetikunternehmen in den Zuchtzielen. Nicht nur die in Report Mainz erwähnte DanZucht bietet hochfruchtbare Zuchtlinien an, alle großen Zuchtunternehmen wie TOPICS, PIC, BHZP und JSR Hybrid haben die Zuchtziele in der Vergangenheit offenbar zu einseitig auf hohe Ferkelzahlen konzentriert. PROVIEH schließt sich der Einschätzung der Bundestierärztekammer (BTK) an, dass es sich hierbei um einen Systemfehler und um Qualzucht handelt und dies dringendst geändert werden muss.

Um Druck auf diese privatwirtschaftlichen Zuchtunternehmen auszuüben, könnte die Agrarministerkonferenz mit Verweis auf den Qualzuchtparagrafen im Tierschutzgesetz (§ 11b) ein Verbot hochfruchtbarer Genetiken in deutschen Sauenbetrieben anstreben. Entsprechende Anregungen hat PROVIEH bereits an die zuständigen Stellen in mehreren Landesministerien gesendet.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Eine Betäubung und Entblutung kann nicht wie gehabt beim normalen Stallrundgang vorgenommen werden, sondern jedes Ferkel muss (wenn es tierschutzgerecht zugehen soll) einzeln aus dem Stall getragen und – aus hygienischen Gründen – draußen oder in einem separaten Raum betäubt und entblutet werden. Das ist mühsam und stört die bisher üblichen Arbeitsabläufe.

Erschreckend ist für PROVIEH in diesem Zusammenhang, dass die Kontrollbehörden bisher offenbar versagt haben. Hier muss dringend nachgebessert werden, wie auch  Landwirtschaftsminister Aikens von Mecklenburg-Vorpommern im ARD-Interview zugibt. Das Land Schleswig Holstein hat seine Kreisveterinärämter – wie zuvor schon Niedersachsen, NRW und Hessen – darüber informiert (wenn auch nicht in „Erlass“-Form), wann und wie Nottötungen zulässig sind. Weitere Bundesländer überlegen noch, wie sie vorgehen werden.

Fazit: Der Aufschrei der Öffentlichkeit und die jetzt eingeleiteten Ermittlungsverfahren dürfen nicht das Ende der von der ARD und Tierschützern aufgedeckten Geschichte sein, sondern müssen von Politik und Landwirtschaft wie auch vom Handel als ein wichtiges Signal und Aufruf zum Umsteuern in der Tierhaltung und der Vermarktung tierischer Erzeugnisse begriffen werden.

Sabine Ohm


Quellen und weiterführende Informationen: