Fleisch aus Stammzellen: Das Ende der Massentierhaltung?

Ich kann mich noch sehr gut an die TV-Dokumentation zur Verkostung des ersten Burger-Bratlings aus gezüchtetem Fleisch erinnern. Das war im Mai 2013. Damals habe ich diesem Projekt wenig Beachtung geschenkt, da ich glaubte, dass solch ein Verfahren noch viele Jahrzehnte erforscht und optimiert werden müsse, bis es die Marktreife erreicht.

Der erste Kultur-Burger wurde in einer Petrischale aus Muskelzellen vom Rind gezüchtet. Der niederländische Physiologe Mark Post leitete das Experiment. Nach fünf Jahren Forschungsarbeit konnte der 250.000 Euro teure Burger vor laufender Kamera gebraten und gegessen werden. Das Geschmackserlebnis im Vergleich zum Preis fiel eher bescheiden aus, doch von der Ähnlichkeit der Struktur waren die Vorkoster positiv überrascht. Der Burger fühlte sich zwischen den Zähnen wie ein echter Burger an. Ihm fehlten lediglich Gewürze und Fett.

 

Wie aus Stammzellen Fleisch wird

 

Mark Post und seine Kollegen nahmen eine Gewebeprobe aus den Nackenmuskeln einer Kuh und isolierten daraus Muskelstammzellen. In einer Nährlösung mit fetalem Kälberserum vermehrten sie anschließend diese Zellen. Stammzellen haben die Gabe, sich in unterschiedliche Zellarten weiterzuentwickeln. Mit einer bestimmten Beeinflussung können sie sich daher in Muskelzellen umwandeln. Die Forscher bildeten einen Ring um eine Halterung in der Mitte der Petrischale. Diese Halterung konnten die Forscher elektrisch aufladen. Schließlich setzen Muskeln nur dann Eiweiß an, wenn sie trainiert werden. Nach neun Wochen wuchs so in jeder Petrischale ein sieben Milligramm schwerer Muskel. 20.000 dieser hauchdünnen Stückchen brauchte Mark Post für seinen Burger.

Noch ist dieser Fleisch-Prototyp weit davon entfernt in Serie zu gehen. Das weiß auch Mark Post. Um das Projekt weiterzuentwickeln, braucht er finanzstarke Unterstützer. Die niederländische Regierung hatte das Projekt bis 2009 mit zwei Millionen Euro unterstützt, danach sprang Google-Mitbegründer Sergey Brin ein. Die Industrie hatte kein Interesse, in ein Produkt zu investieren, das den lukrativen Handel mit Tierleben beenden könnte.

 

Der Traum: Nachhaltiges Fleisch ohne Tierleid

 

Der Visionär Mark Post träumt von einer Zukunft, in der Fleisch ohne Massentierhaltung erzeugt werden kann und auch mir erscheint diese Vorstellung als die Rettung all unserer Probleme im „Nutz“tierschutz. Kultiviertes Fleisch ohne Tierleid als Ausweg aus der industrialisierten Tierhaltung, klimaneutral und ohne negative Umweltauswirkungen produziert? Dafür würde ich meinen Beruf als Tierschützerin gerne aufgeben. Doch es gilt noch wichtige Probleme zu meistern. Das Fleisch der Zukunft braucht Geschmack, Fettzellen und Aromastoffe, damit es die Akzeptanz des Verbrauchers findet. Die Nährstoffbilanz muss ausgewogener und konstanter sein als Fleisch von Tieren und es muss ein Ersatz für die Nährlösung aus Kälberserum gefunden werden, da diese ethisch nicht vertretbar ist. Es stammt aus der Gebärmutter von tragenden Kühen.  

Das 2015 gegründete Unternehmen „Memphis Meats“ will ebenfalls „echtes“ Fleisch züchten. Die Burger des frischgebackenen Unternehmens aus Kalifornien sollen, ähnlich wie bei Mark Post, unter sauberen Laborbedingungen wachsen. Auch bei Memphis Meats werden Stammzellen aus lebenden Tieren gewonnen, allerdings besteht deren Nährlösung nicht aus Kälberserum, sondern aus Vitaminen, Mineralien, Proteinen und Zucker. Memphis Meats ist dabei noch einen Schritt weiter als Mark Post, denn sie sind bereits in der Lage, künstliches Muskel- und Fleischgewebe von Rindern, Hühnern und Enten zu züchten. In vier bis sechs Wochen kann dabei ein Steak heranreifen. Dieses sogenannte „saubere Fleisch“ lässt sich anschließend problemlos in gewünschte die Form bringen. Geschmack und Textur können angepasst werden. Das haben die Forscher des Unternehmens bereits bewiesen. Im März 2017 hatte das Unternehmen Testessern ein frittiertes Chicken Nugget aus In-Vitro-Fleisch vorgesetzt. Deren Urteil: Es schmeckt „wie Hühnchen“. Dies hat Investoren überzeugt und es ist eine beachtliche Summe zusammengekommen. 17 Millionen US Dollar haben die Geldgeber investiert, um Forschung und Produktion des Kulturfleisches voranzutreiben. Unter den Investoren sind Bill Gates, der Begründer von Microsoft und sein Geschäftspartner Richard Branson, ein Schallplattenmogul, sowie Cargill, ein gigantisches Familienunternehmen in der Futtermittelindustrie. Noch kostet ein halbes Kilogramm etwa 9.000 US Dollar. Das soll sich bis zur Marktreife 2021 ändern. Kulturfleisch soll günstiger angeboten werden als Fleisch, das von geschlachteten Tieren stammt.

„Super Meat“, ein israelisches Unternehmen wirbt mit dem Slogan „100% Fleisch – 0% Tierleid“ und entwickelt parallel zu Memphis Meat ein weiteres Verfahren, um Kulturfleisch herzustellen. Ihre Vision geht noch weiter, denn das Prozedere zur Fleischgewinnung soll möglichst vom Verbraucher selbst Zuhause durchgeführt werden können. 

Obwohl die Lösung in greifbare Nähe rückt, werden weitere wissenschaftliche, finanzielle, agrarpolitische und verbraucherrelevante Aspekte bei der Einführung von Kulturfleisch eine tragende Rolle spielen. Dem Fleischkonsumenten gebührt dabei besondere Aufmerksamkeit. Einem Lebensmittel, das aus Stammzellen hergestellt und im Labor erzeugt wurde, stehen wir skeptisch gegenüber. Das ist durchaus verständlich, legen wir doch großen Wert auf gesunde Lebensmittel von hoher Qualität. Doch genau das bietet das Fleisch der Zukunft. Es ist ethisch vertretbar, frei von multiresistenten Keimen, enthält keine Gensojarückstände oder Trächtigkeitshormone. Seine Erzeugung ist unbelastet, lückenlos nachvollziehbar und effizienter.

Mit großer Freude habe ich nun gelesen, dass Bill Gates und Richard Branson gerade auch mehrere Millionen Dollar in das junge Lebensmittelunternehmen Impossible Foods investieren. Sie unterstützen damit ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, das globale Ernährungssystem zu revolutionieren. Impossible Foods will beweisen, dass ein geschmacklich authentischer Fleischersatz aus Pflanzenbestandteilen produzierbar ist, für den kein Tier sterben muss.

Wenn so mächtige Investoren in diese Geschäfte einsteigen, rückt das Ende der Massentierhaltung doch deutlich näher, oder?

 

Rosige Zukunft für „Nutz“tiere, Klima und Umwelt?

 

Sieht die nahe Zukunft unsere „Nutz“tiere nun nur noch als Stammzellenspendertiere auf grünen Wiesen vor? Was geschieht eigentlich mit der Milchproduktion? Kann die Forschung auch hierfür eine Lösung finden? Immerhin gibt es schon einen vielfältigen Markt für Milchersatzprodukte, die den Konsum von Kulturfleisch ergänzen könnten. Vielleicht sollte ich erst einmal froh darüber sein, dass wir bald nicht mehr über Kastenstände, Verstümmelungen, Tiertransporte und Schlachtung diskutieren müssen, statt schon das nächste Problem in Angriff zu nehmen. Wir wären einen bedeutenden Schritt weiter, gäbe es keine Massentierhaltung zur Fleischgewinnung mehr. Endlich tut sich eine reale Chance auf, die nicht nur Milliarden Tieren hülfe, sondern auch unserem geplagten Planeten. Die Produktion von kultiviertem Fleisch verbraucht nämlich 99 Prozent weniger Flächen und 90 Prozent weniger Wasser. Die Abholzung von Regenwäldern zur Futtermittelgewinnung und die Ausbringung von mehr Gülle als das Ökosystem vertragen kann, wären damit hinfällig.

 

Mein Fazit:

Global gesehen ist dies ein riesengroßer Schritt, eine notwendige und förderungswürdige Innovation für eine nachhaltige Zukunft ohne Tierleid. 

Ich beschließe trotzdem weiterhin Vegetarierin zu bleiben, denn in einem Interview wurde Mark Post gefragt, ob Vegetarier und Veganer zukünftig ohne schlechtes Gewissen zu Fleisch greifen dürfen. Seine Antwort: “Vegetarier und Veganer sollten es auch bleiben, denn ihr Konsum ist immer noch der nachhaltigste.“

 

Angela Dinter

Erschienen im PROVIEH-Magazin 04-17

http://www.memphismeats.com/

https://www.impossiblefoods.com/

http://supermeat.com/

https://bistro-invitro.com/en/bistro-invitro/

Foto oben: kinofreund.com

Foto unten: PROVIEH