Fleisch für die Massen: Das System Straathof

27.10.2014: Adriaan Straathof gehört zu den größten Schweinehaltern Europas. Allein in Deutschland produziert er mehr als 1,5 Millionen Ferkel im Jahr. Dabei verfolgt sein Unternehmen einen aggressiven Expansionskurs und verstößt gegen Gesetze, Umweltauflagen und den Tierschutz. Kritiker sprechen vom „System Straathof“. Doch das Problem liegt woanders: Politik und Agrarindustrie ermöglichen erst zusammen die skrupellose Großproduktion von billigem Schweinefleisch.

50.000 Sauen verteilt auf neun Standorte in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen hält Straathof in Deutschland. Hinzu kommen 15.000 Sauen in den Niederlanden und Ungarn. Geplant ist zurzeit außerdem, die Mastschweineanlage in Wasmerslage (Sachsen-Anhalt) von 10.896 um weitere 18.480 Mastschweinplätze zu erweitern und neue Standorte in Sachsen und Bayern zu eröffnen. Die Straathof Holding steht mit diesen Zahlen an der Spitze der europäischen Massentierhalter.

Massive Kritik erntet der Unternehmer seit Jahren wegen wiederholter Verstöße gegen bau-, umwelt- und tierschutzrelevante Vorschriften – und das nicht nur hierzulande. Auch in den Niederlanden, wo Straathof sein Schweineimperium aufzubauen begann, blicken die Behörden auf jahrelange juristische Auseinandersetzungen mit ihm zurück. Der zur Straathofs Holding gehörende Knorhof in Vuren, Provinz Gelderland, verursacht seit seiner Gründung 1996 pausenlos Skandale. Dort sollen häufig mehr Schweine untergebracht sein als erlaubt, und der Gestank, der von der Anlage ausgeht, bringt regelmäßig Anwohner und Aktivisten auf die Barrikaden.

Verstöße gegen das Tierschutzgesetz

Videomaterial, gedreht von Tierschutzorganisationen wie Animal Rights Watch, deckt immer wieder die qualvollen Haltungsbedingungen in deutschen Straathof-Betrieben auf. Jüngst im Juli dieses Jahres: Zuchtsauen liegen, entgegen der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, in derart engen Kastenständen, dass sie ihre Beine nicht ausstrecken können und schwere Verletzungen an ihren Gliedmaßen erleiden. Angeblich nicht rentable Ferkel – die Auswahl erfolgt binnen weniger Sekunden von ungeschultem Personal – werden illegal getötet, indem sie mit Wucht gegen den Boden oder eine Buchtenwand totgeschlagen werden.

Als Medien berichteten, dass am Standort Medow in Mecklenburg-Vorpommern die Anlage um mehrere tausend Schweine überbelegt ist, konnte erst die Androhung eines Zwangsgelds den Missstand beenden. Widerrechtlich seien auch Schweinekadaver im Freien gelagert worden. Im Mastbetrieb Gladau im Landkreis Jerichower Land, wurden zeitweise 50.000 Schweine gemästet, aber unter Bedingungen, derentwegen der Landkreis Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz erstattet hat. Das Muster beim scheinbar unaufhaltsamen Wachstum der Straathof Holding umfasst neben Verstößen gegen Tierschutzgesetze auch Schwarzbauten: „Die illegale Errichtung und Nutzung von nicht genehmigten Anlagen zur Tierhaltung sind an der Tagesordnung“, berichtet Grünen-Abgeordnete Dorothea Frederking aus Sachsen-Anhalt. In Binde, Altmarkkreis Salzwedel, hat Straathof seine Sauenanlage mit 30.000 Tieren vor Jahren durch den Bau ungenehmigter Stallgebäude und einer ungenehmigten Biogasanlage erweitert. Im Nachhinein und trotz eines laufenden Bußgeldverfahrens wegen Verstoßes gegen Baurecht und Tierschutz legalisierte das Landesverwaltungsamt die Gebäude.

Es scheint, als nähme Adriaan Straathof Bußgelder und behördliche Anordnungen billigend in Kauf, um seine Ziele zu erreichen. Die Landesregierung Sachsen-Anhalt gab 2013 bekannt, in den letzten drei Jahren Buß- und Zwangsgelder in Höhe von rund 1,9 Millionen Euro gegen Straathof verfügt zu haben, von denen inzwischen mindestens 592.000 Euro gezahlt worden seien, weitere knapp 1,3 Millionen Euro noch nicht. „Statt Missstände zu beseitigen und Auflagen von Behörden zu erfüllen, zieht Straathof es vor, die Dinge auszusitzen, Buß- und Zwangsgelder zu zahlen und selber zu klagen. Die Tiere in seinen Anlagen haben dabei das Nachsehen“, erklärte Frederking gegenüber der Presse.

„Unseren Tieren geht es besser als den Ökoschweinen“, behauptete Adriaan Straathof in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zum Tierwohl gehört für den Massenproduzenten demnach die Haltung auf Spaltenböden ohne Stroh, keinerlei Beschäftigungsmöglichkeiten, das Abschleifen der Eckzähne, das betäubungslose Kastrieren und das Abschneiden der Ringelschwänze bei Ferkeln – Praktiken, die in jedem Straathof-Betrieb üblich sind. Der Firmenslogan „Begeisterung für Ferkel“ kann in diesem Zusammenhang nur zynisch wirken.

Bauernverband auf Seiten der Agrarindustriellen

Angesichts der Verdrängung mittelständisch-bäuerlicher Strukturen durch Agrarindustrielle wie Straathof bleibe die unkritische und unterstützende Positionierung des Bauernverbands unfassbar, so die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Laut NDR begrüßte der Landesbauernverband Mecklenburg-Vorpommern die Genehmigung der Anlage in Alt-Tellin. Auch der Bayerische Bauernverband, so die Süddeutsche Zeitung, bewertete die noch im Bau befindliche Großanlage für 3.000 Muttersauen in Tapfheim positiv, die jedes Jahr rund 75.000 Ferkel produzieren sollen. Dabei schaffe die industrielle Landwirtschaft kaum Arbeitsplätze, so das Wirtschaftsmagazin brandeins, denn: „So hat zum Beispiel Rheinland-Pfalz nur halb so viel landwirtschaftliche Fläche wie Mecklenburg-Vorpommern, allerdings finden dort 105.000 Menschen Arbeit, im Gegensatz zu 28.000 in Mecklenburg-Vorpommern.“

Grund dafür sei unter anderem, dass die landwirtschaftlichen Strukturen der DDR teilweise übernommen worden seien. Die riesigen Flächen und Gebäudekomplexe der ehemaligen staatlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) ziehen Investoren wie Straathof an. Die deutsche Politik fördert die massenhafte Herstellung von billigem Schweinefleisch mit dem Ziel, das Land zum Exportweltmeister zu machen. Das freut Fleischgiganten wie Tönnies, Vion und Westfleisch, die den deutschen Markt für die Massen beherrschen. Wie der „Kritische Agrarbericht“ bemerkt, führt das zu immer höheren Belastungen für Tiere und Umwelt. Überdüngung der Böden durch Gülle, Medikamentenrückstände im Grundwasser und überzüchtete, kranke Hochleistungstiere seien nur einige Beispiele.

Das System Straathof steht stellvertretend für weitere Massentierhalter, die ähnlich vorgehen, Gesetzeslücken ausnutzen und Duldung durch die Behörden erfahren. Der ebenfalls holländische Investor Harry van Gennip und die SAZA GmbH gehören in diese Kategorie. Viele Bürgerinitiativen wehren sich vermehrt gegen die Errichtung oder Erweiterung von Megaställen und fordern ein Berufsverbot für Unternehmer wie Adriaan Straathof. PROVIEH stellt sich hinter diese Bewegung und ist in Netzwerken wie „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ aktiv.

Denis Schimmelpfennig

 

Foto oben: © Farkas; Foto unten: © Melani Nolte