Fragen und Antworten zur Ferkelkastration

Jahr für Jahr werden in Deutschland über 20 Millionen Ferkel kastriert, fast ausnahmslos ohne Betäubung und bei vollem Bewusstsein.

PROVIEH setzt sich dafür ein, ganz auf die Kastration zu verzichten und stattdessen unkastrierte männliche Schweine (Jungeber) zu mästen.

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Warum werden männliche Ferkel kastriert?

Es gibt verschiedene Ursachen und Stoffwechselkomponenten, die zu Geruchsauffälligkeiten führen können; die bekanntesten sind Skatol, ein Abbauproduktes des häufig eingesetzten Futtereiweißes Tryptophan, und das Sexualhormon Androstenon. Neben der Fütterung und den hygienischen Bedingungen im Stall, die auch bei Sauen und Kastraten zu Skatol- und Geruchsbelastungen führen können, kann auch das Geschlechtshormon Androstenon zu unangenehmer Geruchs- und oder Geschmacksauffälligkeit des Fleisches führen. Schweine werden im Alter von fünf bis sechs Monaten geschlechtsreif. Bei männlichen Schweinen (Jungebern) können dann insbesondere vermehrte Rangkämpfe und andere Stressbelastungen zu Geruchsauffälligkeiten im Fleisch führen („Ebergeruch“), der sonst nur typisch ist für lange Zeit sexuell aktive Zuchteber. Dieser Geruch wird beim Erhitzen des Fleisches in einem Schwall frei und wird von einigen Menschen als unangenehm empfunden. Deshalb werden männliche Ferkel kastriert.

Wie werden Ferkel kastriert?

Der Schweinezüchter nimmt die Ferkel einzeln hoch, schneidet die Haut über den Hoden ein, drückt den Hoden heraus und durchtrennt den Samenleiter. Das ist für die Ferkel außerordentlich schmerzhaft, wie wissenschaftliche Studien zweifelsfrei belegen. Landwirte, die nach den Vorgaben des Prüfsystems „QS – Qualität und Sicherheit GmbH“ produzieren, müssen seit dem 1. April 2009 nach der Kastration ein Schmerzmittel verabreichen. Das dämpft nur kurzzeitig den Wundschmerz nach dem operativen Eingriff und wirkt entzündungshemmend. Den eigentlichen Schmerz beim Entfernen der Hoden nimmt diese Behandlung den Ferkeln jedoch nicht.

Ist die betäubungslose Kastration erlaubt?postkarte-unversehrt_provieh

Laut Paragraph fünf des deutschen Tierschutzgesetzes darf an einem Wirbeltier ein mit Schmerzen verbundener Eingriff nicht ohne Betäubung vorgenommen werden. Die betäubungslose Kastration von Ferkeln ist jedoch innerhalb der ersten sieben Lebenstage erlaubt. Das besagt eine Ausnahmeregelung der Richtlinie 2001/93 EG in der Europäischen Union sowie in Paragraph fünf Absatz drei des Tierschutzgesetzes. In Deutschland werden jährlich rund 20 Millionen männliche Ferkel ohne Betäubung kastriert.

Welche Alternativen zur Kastration gibt es?

Vor der Kastration können die Ferkel narkotisiert werden. Der Verein NEULAND hat die Betäubung mit dem Narkosegas Isofluran bereits seit Mitte 2008 für seine Ferkelerzeuger verbindlich eingeführt. Die Betäubung ist aber umständlich, schaltet den Schmerz nicht ausreichend aus und ist zur Behandlung von Schweinen gesetzlich gar nicht zugelassen. Außerdem gilt das Gas Isofluran als schädlich für Anwender und Klima. Aber auch das zur wirksamen Schmerzausschaltung wesentlich besser geeignete und zugelassene Arzneimittel Ketanest hat seine Tücken: Es kann als Partydroge missbraucht werden, unterliegt als Opioid dem Betäubungsmittelgesetz (BTM) und darf deshalb nur streng kontrolliert vom Tierarzt verabreicht werden. Zudem ist die Dosierung nicht leicht, der Nachschlaf eher lang, und die Mortalitätsraten können bei Überdosierung relativ hoch sein, weil die Ferkel durch den langen Nachschlaf auskühlen und nicht genug säugen. PROVIEH hält daher diese Lösungen bestenfalls für die wenigen Schweine geeignet, die zum Beispiel nach Bioverbands-Richtlinien extensiv (also länger) gemästet werden. Das sind pro Jahr nur etwa 300.000 von 55 Millionen Schweinen. Ein anderes Opioid, Butorphanol, wird derzeit noch von der Universität München getestet. Es schaltet das Bewusstsein nicht aus, birgt daher nicht die gleichen Gefahren wie Ketanest und fällt auch nicht unter das BTM. Aber seine Wirksamkeit ist noch nicht abschließend beurteilt.

Man kann auch die Hormonproduktion auf biochemischem Weg hemmen, statt die Hoden ganz zu entfernen. Das Verfahren wird als „Immunokastration“ bezeichnet. Die Firma Pfizer bietet dazu bereits ein EU-weit zugelassenes Produkt an. Handel und Erzeuger fürchten allerdings, dass die medikamentöse Behandlung gegen Ebergeruch bei den Verbrauchern als „Hormonbehandlung“ missverstanden und abgelehnt wird.

Die Mast „echter Kerle“, also unkastrierter männlicher Schweine, ist eine dritte Methode. PROVIEH sieht sie als die sinnvollste Lösung an. Sie hat Vorteile für Tiere und Tierhalter, wird aber im Lebensmittelhandel zurzeit noch zu zögerlich angenommen.

Wie problematisch ist der „Ebergeruch“?

Die für den „Ebergeruch“ verantwortlichen Stoffe reichern sich vor allem im Fettgewebe an. Sie sind leicht flüchtig und entweichen beim Erhitzen des Fleisches in einem Schwall. Auch durch Verarbeitungsmethoden wie Salzen, Pökeln, Räuchern oder Lufttrocknung lassen sie sich fast immer wirksam neutralisieren. Nur ein kleiner Teil der unkastrierten männlichen Schweine entwickelt Geruchsauffälligkeiten und längst nicht alle Menschen sind in der Lage, diese überhaupt wahrzunehmen. Geeignete Maßnahmen bei der Aufzucht, der Fütterung, beim Transport und bei der Schlachtung helfen dabei, den Prozentsatz der geruchsauffälligen Schweine auf unter 3 % zu reduzieren. Es geht dabei vor allem auch um Stressvermeidung, denn Stress regt die Hormonproduktion an. Dazu muss das Tierwohl auf allen Stufen verbessert und der Lebensmittelhandel überzeugt werden, das Fleisch „echter Kerle“ ohne Einschränkung anzunehmen und an Endkunden zu verkaufen. Alle müssen sich bewegen.

Wie lassen sich Geruchsauffälligkeiten im Fleisch vermeiden?

Männliche Hormone werden vor allem in Situationen ausgeschüttet, wo man(n) sich beweisen und behaupten muss. Auch bei jungen Ebern führen Stress, Leid und soziale Rangkämpfe zur vermehrten Produktion von Pheromonen wie Androstenon. Damit steigt das Risiko einer Geruchsauffälligkeit. Vermeidet man in der Schweinemast alle Ursachen für derartigen Stress, ist das nicht nur tierschutzgerechter, es beugt auch dem Auftreten von „Ebergeruch“ vor. Die richtige Fütterung, ein leidfreier Transport sowie eine möglichst schonende Wartezeit und Schlachtung tragen ebenfalls dazu bei. Zudem gibt es bei verschiedenen Rassen bereits neue Eberzuchtlinien, die auf geringe Neigung zu Geruchsauffälligkeiten gezüchtet wurden. Ein landwirtschaftlicher „Leitfaden von Praktikern für Praktiker“ zeigt im Einzelnen, dass die erfolgreiche Jungebermast kein Hexenwerk ist (siehe QS Kompass Jungebermast PDF, 1.4 MB)

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Männliche Pheromone werden vor allem in Situationen ausgeschüttet, wo man(n) sich beweisen und behaupten muss. Auch bei jungen Ebern führen Stress, Leid und soziale Rangkämpfe zur vermehrten Produktion von Pheromonen. Damit steigt das Risiko einer Geruchsauffälligkeit. Vermeidet man in der Schweinemast alle Ursachen für derartigen Stress, ist das nicht nur tierschutzgerechter, es beugt auch dem Auftreten von „Ebergeruch“ vor. Die richtige Fütterung, ein kurzer und leidfreier Transport und eine möglichst schonende Schlachtung tragen ebenfalls dazu bei. Weitere langfristige Möglichkeiten bestehen in der Zucht und in der Auswahl geeigneter Rassen.

Durch eine Geruchsprobe kann man am Schlachthof testen, ob das Fleisch auffällig riecht. Bei kleinen Schlachthöfen ist das bereits jetzt möglich. Große Schlachthöfe mit mehr als 250 männlichen Schweinen pro Tag am Schlachtband brauchen eine automatisierte Lösung, eine „elektronische Nase“. Sie wird beim Fraunhofer Institut entwickelt und ist technisch bereits weit fortgeschritten. Nun muss nur noch bestimmt werden, welches Gewebe im Schwein für die technische Geruchsprobe gut geeignet ist, um optimal zwischen geruchsauffälligen und unauffälligen Tieren zu unterscheiden.

Wie können Geruchsauffälligkeiten rechtzeitig entdeckt werden?

Im Rahmen eines von QS vereinheitlichten und empfohlenen Geruchstestverfahrens wird von speziell geschulten „Spürnasen“ am Schlachthof geprüft, ob das Fleisch auffällig riecht. Selbst große Schlachthöfe mit hoher Schlachtgeschwindigkeit können das heute problemlos leisten. Es wird seit Jahren an vielen Schlachthöfen in Deutschland sehr erfolgreich eingesetzt.

Was will PROVIEH mit seiner Kampagne „Echte Kerle statt Kastraten“?

PROVIEH will erreichen, dass alle Bauern, die „echte Kerle“ mästen oder mästen wollen, ihre Schweine auch ohne Einschränkungen verkaufen können.

Auf Druck von PROVIEH haben 2016 mehrere große Handelsketten wie REWE und ALDI Süd ein klares öffentliches Bekenntnis zum Verzicht auf die schmerzhafte Ferkelkastration ab abgegeben. Ihre Lieferanten dürfen seit Mitte 2016 nicht mehr betäubungslos kastrieren, Jungeberfleisch wird explizit akzeptiert. Andere vollziehen den Umstieg ohne öffentliche Bekenntnisse. Allerdings gilt dies bisher nur für frisches verpacktes Fleisch, nicht für Wurst und Verarbeitungsware.

Der Handel muss jetzt Nägel mit Köpfen machen. Dazu sollte er den Umstieg in den Erzeugerbetrieben weiter über die Initiative Tierwohl fördern und auch fordern, möglichst vor 2019, damit alles Schweinefleisch und schweinefleischhaltige Ware in Deutschland künftig ohne diesen schmerzhaften betäubungslosen Eingriff am Tier erzeugt wird.

Scheinheilig und inakzeptabel wäre es, wenn der Handel zwar die deutschen Tierhalter zum Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration zwingt, stattdessen künftig aber billiges Fleisch von unbetäubt kastrierten Schweinen aus dem Ausland einkaufen würde

Deshalb bleibt PROVIEH dran, bis der Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration vollständig umgesetzt ist!

Stand: Oktober 2016

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