Gemeinsam wieder weiden lernen


Das Projekt „Weidecoach" des Grünlandzentrums Niedersachsen/Bremen vernetzt Weidebetriebe in Nordwestdeutschland und zeigt die Potenziale der Weidewirtschaft auf.

Die Vorzüge der Weide sind vielseitig. Neben Tierwohl-, Klima- und Naturschutzaspekten prägen die Wiesen und Weiden das Bild unserer Kulturlandschaft. Dennoch ist ein aktiver Weidegang für Rinder nicht die Regel. Laut einer Erhebung des statistischen Bundesamts hat Niedersachsen im bundesweiten Vergleich den höchsten Anteil von Weidehaltung: 67 Prozent der Kühe hatten 2010 noch einen Zugang zur Weide. Seitdem ist der Strukturwandel jedoch weiter vorangeschritten und die Bedeutung der Weidehaltung ist in den letzten Jahren weiter gesunken. Und selbst wenn eine Kuh Zugang zur Weide hat, bedeutet dies noch keine aktive Aufnahme von Weidegras.

Das Potenzial der Weide

Der Schlüssel der Weidehaltung ist die unmittelbare Futterversorgung der Milchkühe durch das Gras auf dem Grünland. Es fallen keine Futter- und Qualitätsverluste, wie sie bei der Silierung auftreten, an. Das Frischgras wird direkt von der Kuh aufgenommen. Weidegras ist das kostengünstigste Futter mit kraftfutterähnlichen Energiegehalten. In der Praxis fehlt jedoch das nötige Wissen, um das Potential der Weide voll auszuschöpfen. Es wird weniger Gras von der Weide durch Beweidung aufgenommen wird als eigentlich möglich wäre. Das ungenutzte Potential hat zur Folge, dass zusätzliches Futter zugekauft werden muss und so höhere Produktionskosten für die Milchviehbetriebe entstehen.

Deshalb hat sich das Projekt „Weidecoach“ das Ziel gesetzt, das Vertrauen in die Weidehaltung zurückzugewinnen und zu stärken. Das Weidegras ist nicht nur eine einheimische Futtergrundlage, sondern verspricht bei richtigem Management eine hohe Wertschöpfung von der vorhandenen Fläche bei gleichzeitiger Minimierung der Futterkosten. Für die Landwirte bedeutet dies, dass ihre Kosten auch bei niedrigen Milchpreisen gedeckt sein können und sie so nicht zwangsläufig rote Zahlen schreiben müssen.

Der Weidecoach

Anders als Deutschland haben die Niederlande und andere bedeutende Weideländer, wie Neuseeland und Irland, die Weidewirtschaft in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt. Innovationen, praxisbezogene Beratung und eine vertiefende Ausbildung in diesem Bereich führten zu einer erfolgreichen betrieblichen Umsetzung von neuen Ansätzen im Weidemanagement. In Deutschland hingegen wurde das vorhandene Wissen über Weidehaltung mehrere Jahrzehnte nicht weiter ausgebaut. Auch Beratung, Wissenschaft und die landwirtschaftliche Ausbildung hatten lange Zeit einen anderen Fokus. Der Weidecoach soll das bestehende Weide-Know-how aus dem In- und Ausland bündeln und auf den regionalen Kontext anpassen. Die Umsetzung erfolgt gemeinsam mit einem irischen Weideexperten und weiteren Grünlandberatern auf drei Pilotbetrieben in der Wesermarsch, im Nordwesten Niedersachsens. Auf den Pilotbetrieben soll zunächst erfasst werden, wie viel das Gras in einer bestimmten Zeit wächst. Dazu wird auf den Flächen mithilfe einer Rasenschere und eines in Neuseeland entwickelten Messgeräts einmal wöchentlich das Wachstum gemessen. Um die gemessenen Daten auswerten zu können, werden diese in die Grünland-Datenbank „PastureBase Ireland“ eingetragen. Dieses Werkzeug soll den Landwirten ermöglichen, ihre Daten für ein effektives Management der Weide zu nutzen.

Zurzeit sind selten Messergebnisse Entscheidungsgrundlage bei der Weideplanung, da viele Landwirte die Rotation mit Augenmaß festlegen. Nur wenige deutsche Weidelandwirte messen den Aufwuchs auf ihren Weiden. So kann nur vage abgeschätzt werden, wie viel Kilo Weidegras für die Tiere verfügbar sind. Deshalb ist es wichtig, dass die deutschen Weidebetriebe die neuen Techniken kennenlernen, die bereits schon seit vielen Jahren in Irland in der Praxis Gebrauch finden.

Farmwalks

Ein weiterer Bestandteil des Projektes sind die sogenannten Farmwalks (Weiderundgänge). Ursprünglich stammt das Konzept aus den Niederlanden. Dort ist der Farmwalk schon seit einigen Jahren ein etabliertes Beratungsinstrument und soll durch das Weidecoach-Projekt nun endlich auch in Deutschland als Plattform für Weidebetriebe dienen. In den Farmwalks werden kleinen Gruppen aus Landwirten neue Managementtechniken vermittelt und das Wissen zur Beweidung aufgefrischt.

Nun kommen auch in Deutschland Gruppen von zehn bis zwanzig Landwirten zusammen. Diese treffen sich innerhalb des Jahres circa fünfmal auf einem Weidebetrieb, um zusammen aktuelle Themen wie zum Beispiel den Weideaustrieb, das Frühjahrsmanagement oder die Aufwuchsmengen zu diskutieren. Dabei legt der gastgebende Betrieb die Fragestellungen fest, sodass auch Ziele und Schwachpunkte des Betriebes individuell analysiert werden können.

Wenn sich die Farmwalks in einigen Jahren auch überregional etabliert haben und die Landwirte ihr dazugewonnenes Wissen über die Weide untereinander austauschen, ist das Ziel des Weidecoach-Projektes erreicht.

Lena Dangers,

Project Managerin Weidecoach

Erschienen im PROVIEH Magazin 2/2018

Fotos: © Lena Dangers