Globaler Wettbewerb und dann erst Tierwohl: Prioritäten der deutschen Geflügelwirtschaft

Das Geschäft boomt. 689.451.065 Hühner, Puten, Enten und Gänse wurden 2016 in Deutschland geschlachtet. Das entspricht einer Schlachtmenge von 1,5 Millionen Tonnen.

2016 haben 40,4 Millionen Legehennen rund 12 Milliarden Eier gelegt.

Insgesamt werden 730 Millionen Tiere durch die 1962 gegründete deutsche Geflügelwirtschaft vertreten.

Von Schuld und Unschuld

Seitdem in letzter Zeit vermehrt Stimmen gegen die Haltungsbedingungen von Mast- und Legehühnern laut geworden sind, hat der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft im Rahmen der Grünen Woche 2018 Position bezogen. Es seien alle Geflügelhalter bereit, etwas mehr für die Tiere und deren Wohl zu tun, aber Schuld an der ganzen Misere hätte letzten Endes doch der Verbraucher, der nicht willens sei, mehr Geld für tierische Lebensmittel auszugeben. Zwischen den Zeilen gelesen ist also auch der deutschen Geflügelwirtschaft klar, dass die nach gesetzlichen Mindeststandard gehaltenen Tiere nicht ihrer Art und Bedürfnissen entsprechend gehalten werden. Ein sensationelles Eingeständnis, wenn man bedenkt, dass sich die großen industriell ausgerichteten landwirtschaftlichen Verbände nie irgendwelche Verfehlungen eingestehen mögen.

Die Konzerne im Hintergrund

Wenn es um die Haltungsbedingungen der landwirtschaftlich genutzten Tiere geht, ist die gesamte Gesellschaft gefragt. Darin besteht sicherlich kein Zweifel. Vergessen werden allerdings die großen Konzerne, die während der letzten Jahrzehnte dick im Geschäft waren und mit den unwürdigen Haltungsbedingungen der Tiere ordentlich Kasse gemacht haben. Aufschlussreich zeigt sich dabei der Internetauftritt des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft. Bekannte Namen sitzen in den Beiräten, große Konzerne werden als Mitglieder oder fördernde Mitglieder gelistet. Von diesen Nutznießern scheint bislang keiner bereit, einen sichtbaren Förderbeitrag in verbesserte Haltungsbedingungen stecken zu wollen. Vielmehr wird bei möglichen Gesetzesverschärfungen mit der Auswanderung ins Ausland gedroht, der gleichzeitig den Verlust von Arbeitsplätzen bedeutet. Eine schwarze Zukunft der Geflügelwirtschaft wurde dadurch das ein oder andere Mal heraufbeschworen. Mit Erfolg: so ein heißes Eisen mögen die politischen Entscheidungsträger nicht anfassen.

Was nun?

Geht es nach der Geflügelwirtschaft, so sollen die Verbraucher zu zusätzlichen Abgaben gezwungen werden. Aber würde das kurzfristig die Haltungsbedingungen der Tiere verbessern, oder nicht eher die Gewinne der großen Konzerne steigern, deren Interessen die Geflügelwirtschaft vertritt? Und diese haben ein großes Interesse daran weiter zu wachsen, mehr Tierställe zu bauen, höhere Schlachtzahlen zu erzielen und mehr Produkte auf dem Weltmarkt zu bringen. Und entscheiden sie nicht auch darüber, wie viel Gewinn letzten Endes beim Landwirt ankommt? Wie soll mehr Tierwohl bei den Tieren ankommen, wenn alle bis auf den Produzenten ihren Teil vom Kuchen bekommen?

Transparenz beim Einkauf

Die Haltung von Mastgeflügel und auch dem größten Teil der Legehennen ist von einer artgemäßen Haltung weit entfernt. Diese Tatsache muss auch dem Käufer bewusst gemacht werden. Und es reicht nicht aus, dies mit Siegeln wie der Initiative Tierwohl oder der nationalen Nutztierhaltungsstrategie zu verwirklichen. Eine umfassende Veränderung in der Tierhaltung ist nur mit einer gesetzlich verpflichtenden Haltungskennzeichnung möglich. Von Null bis Drei wie beim Ei, sollte auch Geflügelfleisch gekennzeichnet werden. Dann kann sich kein Verband mehr damit herausreden, besonders viel für den Tierschutz zu tun, wenn auf den Verpackungen steht, dass gerade einmal die gesetzlichen Mindeststandards bei der Tierhaltung eingehalten werden. Mit dieser Information kann auch die Kaufentscheidung eine ganz andere sein – dann ist Tierwohl und ein besserer Verdienst der Landwirte möglich.

Stefanie Pöpken

17.01.2018


Weiterführende Informationen:

Tiere und tierische Erzeugnisse, Zahlen des statistischen Bundesamtes:

Die deutsche Geflügelwirtschaft und ihre Mitglieder:

Haltungskennzeichnung: