Großrazzia auf VION-Schlachthof

Annahme von eklatanten Verstößen gegen geltendes Tierschutzrecht

26.02.2014: Auf dem Schlachthof des niederländischen Lebensmittelkonzerns VION in Bad Bramstedt werden täglich bis zu 500 Rinder geschlachtet. Damit zählt die Anlage zu den größten Schlachtbetrieben Norddeutschlands. Nun steht der Schlachthof unter dem Verdacht, gegen geltendes Recht verstoßen zu haben: Das Landwirtschaftsministerium hat laut Presseberichten Anhaltspunkte dafür, dass sowohl gegen das Tierschutzgesetz als auch gegen das Lebensmittelgesetz verstoßen wurde.

Am gestrigen Dienstag wurde eine Razzia auf dem Schlachthof durchgeführt, bei der die Staatsanwaltschaft Kiel, wie auch der Zoll und die Polizei anwesend waren. Nach Informationen des Tierschutzvereins gehört der betroffene Schlachtbetrieb zu den Mitgliedern der QS Qualität und Sicherheit GmbH. PROVIEH hat zu dem Thema bereits eine Pressemitteilung sowie einen offenen Brief an die QS verschickt (siehe Anhänge unten).

Doch was ist bei der Schlachtung erlaubt, was ist verboten?

Alltag in deutschen Schlachthöfen

Nach dem Entladen der Tiere werden diese in Warteställen untergebracht. Die Schlachtung erfolgt in eigens eingerichteten Räumlichkeiten. Die Vorgaben zur Schlachtung von Nutztieren sind in Deutschland in der Tierschutz-Schlachtverordnung explizit geregelt. Paragraph 12, Absatz 3 der Schlachtverordnung besagt, dass ein Wirbeltier nach Maßgabe des Artikels 4 Absatz 1 [in Verbindung mit Anhang I der Verordnung (EG) Nr. 1099/2009] nur dann getötet werden darf, wenn es betäubt ist. Nationale Gesetze sind jedoch nur dann gültig, sofern sie strenger sind als die seit 01.01.2013  gültige Europäische Schlachtverordnung.

Bei Rindern wird ein Bolzenschussgerät verwendet, um die Gehirnregionen, die für Motorik, Bewusstsein und Schmerzempfinden zuständig sind, zu schädigen. Anschließend wird der Entblutestich gesetzt. In aller Regel werden bis zu 80 Rinder in der Stunde getötet. Nach Angabe der Bundesregierung liegt die Zeit für Ausführung der Betäubung sowie für die Duchführung des Entblutestichs bei jeweils maximal 45 Sekunden pro Tier. Durch den hohen Schlachttakt und dem mancherorts unzulänglich ausgebildeten Schlachthof-Personal, erwachen viele Tiere aus der Betäubung und erleben die Schlachtung bewusst mit. Ursache hierfür können eine zu geringe Intensität des Bolzenschussgerätes oder ein fehlerhaftes Ansetzen des Geräts  beispielsweise durch eine nicht korrekte Fixierung des Kopfes sein. Dies betrifft nach Untersuchungen des Max-Rubner-Instituts 4 bis 9 Prozent der in Deutschland geschlachteten Rinder. Im Jahr 2012 wurden in deutschen Schlachthöfen ca. 3.7 Millionen Rinder geschlachtet. Die geschätzte Anzahl der unzureichend betäubten Tiere liegt demnach in etwa bei 147.000 bis 331.000 Tieren.

Bei Schweinen liegt die Fehlbetäubungsrate in Schlachtbetrieben mit handgeführten elektrischen Betäubungsgeräten („Elektrozange“) laut der Europäischen Lebensmittelbehörde sogar bei 10,9 bis 12,5 Prozent. Sind beispielsweise die Elektroden an der Elektrozange verschmutzt, wird die Zange falsch angesetzt oder ist die Spannung nicht hoch genug, kommt es zu Fehlbetäubungen. Dann erleben die Schweine den Entblutestich und das Entbluten mit, bis sie durch den Blutverlust das Bewusstsein und Schmerzempfinden verlieren und sterben.  Wird der Entblutestich falsch gesetzt, so dass das Schwein nicht schnell genug Blut verliert, leidet es länger und wacht eventuell sogar im 60-63 Grad heißen Brühtunnel wieder auf, sie  werden also bei Bewusstsein verbrüht. Allerdings werden auf den meisten Großschlachthöfen inzwischen statt Elektrozangen CO2-Betäubungsanlagen eingesetzt, bei denen die Betäubung an sich zwar für die Schweine durch Erstickungsgefühle und Brennen der Augen und auf den Schleimhäuten viel schmerzvoller ist, aber „nur“ bei 3,3 Prozent der Tiere Betäubungsfehler vorkommen. 

Am schnellsten werden jedoch Geflügel beziehungsweise Hühner geschlachtet: Bis zu 10.000 Tiere werden pro Stunde automatisch betäubt und entblutet. Das betäubende Elektro-Wasserbad („Shackling“) was hierbei verwendet wird, ist jedoch höchst problematisch, da einige der über Kopf an den Füßen aufgehängten Hühner verzweifelt flattern und  nicht ins Wasser eintauchen, so dass sie im nächsten Fließbandschritt bei vollem Bewusstsein an den Entblutemessern vorbei transportiert werden und der Schnitt durch ihr Flattern auch nicht  durch die Kehle geht und sie somit also auch nur unzureichend entblutet werden. Es gibt derzeit keine verlässlichen Angaben zum Anteil der Fehlbetäubungen. Nach eigenen Beobachtungen geht PROVIEH allerdings davon aus, dass auch bei der Betäubung im Elektrobad in schlecht geführten Betrieben jedes 25. bis 30. Huhn nicht ausreichend betäubt in die Tötung gelangt. Des Weiteren führt das Einhängen in die Schlachtbügel häufig zu Frakturen und Knochenverrenkungen. Jedoch werden in Deutschland nur etwa 40 Prozent der Hühner mittels Elektrobad betäubt. Die restlichen 60 Prozent werden in kontrollierter Atmosphäre (Controlled Atmosphere Stunning, CAS) betäubt. Auch bei dieser Methode sind keine verlässlichen Zahlen zur Fehlbetäubung bekannt.

Es existiert keine Verpflichtung zur statistischen Erhebung bei Verstößen gegen die Tierschutz-Schlachtverordnung. Die Bundesregierung beantwortete die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zur Fehlbetäubungsrate, mit dem Hinweis, dass die „Schlachthofbetreiber eigenverantwortlich und ungeachtet wirtschaftlicher Erwägung sicherstellen müssen, dass tierschutzrechtliche Anforderungen eingehalten werden“.

Was wir wollen

PROVIEH fordert eine verpflichtende und lückenlose Aufzeichnungspflicht und Berichterstattung über Fehlbetäubungen und Verstößen gegen die Schlachtverordnung. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass leidensfähige Lebewesen ihre Tötung nicht bei vollem Bewusstsein erleben dürfen. Angesichts des massiven Preisdrucks auf dem Fleischmarkt ist es naiv zu glauben, Schlachthofbetreiber würden alleine aus ihrer Eigenverantwortung heraus für eine hinreichende Kontrolle der Betäubungssicherheit sorgen können.

PROVIEH fordert den Einsatz von gut geschultem Personal. Im Jahr 2010  arbeiteten über 50 Prozent der Schlachthof- und Fleischverarbeitungsmitarbeiter für einen Niedriglohn. Häufig werden ungelernte Billiglohnarbeiter aus den ehemaligen Ostblockstaaten eingesetzt. Die Fehlbetäubungsrate steigt bei unzulänglich ausgebildetem Personal. Hier kann durch den Einsatz von angemessen bezahlten Fachkräften viel zum Besseren verändert werden.

PROVIEH fordert ebenso ein Verbot von Akkordlöhnen in der Schlachtung und eine Reduzierung des Schlachttaktes. Denn durch Zeitdruck steigt die Fehlbetäubungsrate ebenfalls.

PROVIEH fordert regelmäßig gewartete Betäubungsanlagen und Bolzenschussgeräte sowie  insbesondere die mehrfach tägliche Reinigung von Elektrozangen.

 

Weiterführende Informationen:

Pressemitteilung von PROVIEH: Rinder tierschutzwidrig geschlachtet - Fragen an QS (PDF, 26.02.2014)

Offener Brief von PROVIEH: Tierschutzwidrige Rinderschlachtungen in QS Betrieb (PDF, 26.02.2014)

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/100/1710021.pdf

http://ec.europa.eu/food/animal/welfare/slaughter/com_2013_915_report_de.pdf

http://www.schlachthof-transparent.org/