H5N8 – täuscht das FLI arglistig? Hektischer Aktionismus in der Politik

22.12.2014: Auf das Vogelrippe-Virus H5N8 reagiert die Bundesregierung jetzt mit hektischem Aktionismus. Sie plant eine Eilverordnung, die am 22. Dezember 2014 verkündet und einen Tag später in Kraft treten soll. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Eilverordnung Frucht einer arglistigen Täuschung des FLI (Friedrich-Loeffler-Institut) ist.

Eine Eilverordnung vorbei am Bundesrat darf die Bundesregierung nur bei Gefahr im Verzuge erlassen. Mit der Eilverordnung werden Enten- und Gänsehalter bundesweit verpflichtet, ihre Tiere vor Abgabe an einen Schlachthof auf H5N8 zu untersuchen. Das sei nötig, weil das Virus H5N8 jetzt auch auf einem Entenmastbetrieb in der Geflügelhochburg im nördlichen Emsland entdeckt wurde. Eine Gefahr im Verzuge geht für Menschen nicht aus, noch ist niemand an H5N8 erkrankt. Ist womöglich eine Gefahr für die Geflügelindustrie gemeint? Von wo käme die Gefahr?

Eine Antwort ist vielleicht in der gegenwärtigen Risikobewertung des FLI zum Eintrag von HPAIV in deutsche Geflügelbestände zu finden. Mit HPAIV sind hochpathogene (stark krankmachende) Vogelgrippe-Viren gemeint, zu denen H5N8 gehört. Diese Viren könnten durch Personen, Waren, Futter oder Wasser eingetragen werden, aber auch ein Eintrag durch infizierte Wildvögel sei nicht auszuschließen, so das FLI am 25. November 2014. Es verschweigt andere Eintragsmöglichkeiten: Transporte von lebendem Geflügel, zum Beispiel vom Mast- zum Schlachtbetrieb, Transporte von Geflügelschlachtkörpern vom Schlacht- zu Verarbeitungsbetrieb und Transporte von Geflügelgülle und deren Ausbringung als Düngemittel. Alle verschiedenen Eintragsmöglichkeiten gelten als Risiken, die das FLI quantitativ gegeneinander abzuwägen hat. Das ist ihr Auftrag von der Politik. Gemäß diesem Auftrag wird das Risiko für „Wildvögel“ und „illegale Einfuhr aus Drittländern“ als „hoch“ bewertet, das Risiko für „legale Einfuhr aus Drittländern“ und „innergemeinschaftliches Verbringen“ als „vernachlässigbar“ und das Risiko für „Personen- und Fahrzeugverkehr innerhalb Deutschlands“ als „mäßig“. Die Eintragsrisiken, die das FLI ausgeblendet hat, werden nicht quantitativ bewertet.

Doch genau die vom FLI gezielt ausgeblendeten Risiken müssen als hoch gelten, und das vom FLI als „hoch“ eingestufte Wildvogel-Risiko muss als „vernachlässigbar“ gelten. Die „Risikobewertung“ des FLI muss nach wissenschaftlichem Standard als „mangelhaft“ gelten.

Begründung:

1)  Die Hypothese, dass Wildvögel hochpathogene Vogelgrippe-Viren verbreiten könnten (Wildvogelhypothese), wurde 2006 publiziert, nachdem ein bestimmter Typ von H5N1 in China erst bei Wasservögeln am Poyang-See im Tiefland und bald darauf bei Streifengänsen am 1.700 km entfernten und 4.000 m hohen Qinghai-See  gefunden wurde. Der Qinghai-See galt als ein entlegenes Naturreservat ohne Kontakt zur Geflügelindustrie. Dass das nicht stimmt, war ebenfalls 2006 in der hochrangigen Zeitschrift Nature (Band 441, Seite 263) nachzulesen: Am Qinghai-See gab es Farmen, die Streifengänse halten und Kontakte zu Geflügelzentren am Poyang-See hatten. Damit kippte die Wildvogelhypothese und musste Platz machen für die Industrievogelhypothese, wie sie hier genannt sei, nach der die Geflügelindustrie für die Entstehung und Ausbreitung hochpathogener Vogelgrippe-Viren verantwortlich sei. Das FLI ignoriert die Industrievogelhypothese, prüft sie also noch immer nicht und hält an der Wildvogelhypothese fest. Das ist Unwissenschaft pur.

2)  In Laos wurde Geflügel zur H5N1-Zeit von Kleinbauern fast nur im Freiland gehalten. Das Geflügel erkrankte nicht an H5N1, obwohl an großen Gewässern viele Wasservögel überwintern, auch Streifengänse vom Qinghai-See. Nur in der Nähe einer Geflügelfabrik wurde auch Freilandgeflügel infiziert, sehr wahrscheinlich von der Geflügelfabrik.

3)  Die Ausbreitung von H5N1 von Fernost nach Europa geschah entlang der Transsibirischen Eisenbahn. Zugvögel haben andere Zugrouten.

4)  Ende Januar 2007 trat eine spezifische H5N1-Variante erst in Ungarn und dann in Südengland (Suffolk) auf. Ein Inspektor der britischen Regierung fand, dass der betroffene englische Betrieb kurz vorher tonnenweise Putenfleisch aus der betroffenen ungarischen Region auf den eigenen Betrieb in England zur Weiterverarbeitung geholt hatte. Die Erkenntnis wiegt viel schwerer als die Wildvogelhypothese des FLI zu diesem Fall.

5)  In Wildvogelbeständen haben tödliche Krankheitskeime keine Chance auf Ausbreitung, sie töten ihre Opfer zu schnell. In der Geflügelindustrie töten sie auch schnell, aber für die Ausbreitung sorgen die vielen Transportbewegungen per LKW, Eisenbahn oder Flugzeug und die Ausbringung verseuchter Geflügelgülle als Dünger.

6)  Nach einer britischen Studie von 2007 geht von Geflügelhochburgen mit hohem Vernetzungsgrad ein viel höheres Infektions-Risiko aus als von unvernetzten Betrieben mit lokaler Wirtschaftsweise. Der Vernetzungsgrad in der EU-weiten Geflügelindustrie ist hoch.

7)  Konfrontiert mit Gründen wie den dargelegten überging das FLI sie alle kommentarlos.

8)  Als ab dem 4. November 2014 die südkoreanische H5N8-Variante in der EU nacheinander in Heinrichswalde (Vorpommern),  Hekendorp (Niederlande) und Driffield (England) auftauchte, erkannte Prof. Dr. Dr. h.c. Mettenleiter vom FLI keine direkten Kontakte zwischen den drei Betrieben. Wiederum bediente er sich der Strategie des gezielten Verschweigens. „Sein“ Institut konnte sicherlich herausfinden, dass zwischen den drei Ländern eine enge Vernetzung der Geflügelindustrie besteht: Der thailändische Konzern Bangkok Ranch erkannte 1984 die Entenmast als ein lukratives Geschäft und kaufte 2007 die niederländische Entenfarm  Duck-to Holding (DTH) und 2010 die englische Cherry Valley Farms (CVD) auf, die in Driffield Enten züchtet und sich H5N8 einfing. Vorher schon besaß CVD zwei Tochterbetriebe im Märkischen Oberland in Brandenburg, den einen in Wriezen, den anderen in Neuhardenberg. CVD unterhält auch Geschäftsbeziehungen nach Südkorea. Bangkok Ranch betrachtet Deutschland als ein wichtiges Absatzgebiet für Entenfleisch. Entlang der Straßenroute zwischen Driffield und Wriezen wurde H5N8 erst im ostpommerschen und dann im niederländischen Betrieb nachgewiesen. Der dringende Verdacht lautet, dass der stark vernetzte Konzern Bangkok Ranch für die Ausbreitung von H5N8 von Südkorea in die EU und dort von Land zu Land per Transportbewegungen verantwortlich ist. Es gibt noch mehr Vernetzung in der Entenindustrie, zum Beispiel durch die brandenburgischen Duck-Tec- Brüterei, die 2004 von der PHW-Gruppe übernommen wurde.

9)  Als in Heinrichswalde die Mastputen getötet und abtransportiert wurden, hatte mindestens einer der eingesetzten LKWs ein Cloppenburger  Nummernschild, wie das WAI (Wissenschaftsforum Aviäre Influenza) nach Durchsicht von Videoaufzeichnungen herausfand und am 18. Dezember 2014 publizierte. Der dringende Verdacht liegt nahe, dass derartige LKWs das Virus H5N8 von Heinrichswalde zum Cloppenburger Raum transportiert haben, wo es erstmals am 16. Dezember 2014 aus einem Putenmastbetrieb nachgewiesen wurde. Das FLI lässt diese Möglichkeit nicht gelten, denn die LKWs seien desinfiziert worden. Das geschah nur von außen. Ob sie dadurch vollständig klinisch sauber wurden, lässt Zweifel offen.

Das FLI setzt sich dem Vorwurf der arglistigen Täuschung aus

In Deutschland hat allein das FLI die Deutungshoheit zur Vogelgrippedynamik. Auf Nachfragen ergab sich, dass in deutschen Agrarministerien die Deutungen des FLI kritiklos hingenommen werden. Es gibt also keine offizielle Kontrollinstanz, die die Deutungen des FLI kritisch unter die Lupe nimmt. Das tun allein Nichtregierungsorganisationen wie das WAI und PROVIEH. Das FLI wandelt seine Deutungshoheit dennoch in eine Art Deutungsdiktatur um und benutzt hierzu die Strategie des gezielten Verschweigens von Beobachtungen und Hypothesen, die nicht in das eigene Konzept passen.

Das geschieht nicht zum Vor- sondern Nachteil der Geflügelindustrie. Hätte das FLI die Wild- und Industrievogelhypothese aufrichtig gegeneinander abgewogen, hätten die H5N8-Katastrophen auf den Cloppenburger Betrieben und auf dem emsländischen Betrieb womöglich verhindert werden können. Stattdessen mussten Bauern, die ihr freilaufendes Geflügel nahe größerer Gewässer halten, unter Androhung hoher Geldstrafen (bis 30.000 Euro) aufstallen und wurden so geradezu gezwungen, ihr Geflügel tierschutzwidrig zu halten. Nach wissenschaftlicher Erkenntnis geht von unvernetzten Betrieben mit freilaufendem Geflügel keine Geflügelpestgefahr für Industriegeflügel aus.

Fazit: Das FLI muss als verantwortlich gelten, dass hektische und zum Teil unsinnige Maßnahmen gegen Geflügelhalter verordnet werden. Dass Enten und Gänse mit der Eilverordnung „in einen Topf geworfen“ werden, ist sachlich unbegründet: Während Enten schon in großem Maßstab industriell in vernetzten Betrieben gehalten werden, ist in der Gänsehaltung noch immer die unvernetzte Freilandhaltung üblich. Wann endlich werden die Risikobewertungen des FLI von unabhängiger Seite auf Qualität geprüft?

Sievert Lorenzen

Foto: PROVIEH