H5N8: Über schmutzige Praktiken und schmutzige Phantasien

26.11.2014: Mit sorgenschwerer Mine geben Politiker Auskunft über den Ernst der Lage an der H5N8-Front, und reflexartig nimmt das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) von der Insel Riems (bei Rügen) wieder die Wildvögel als gefährliche Überträger des Vogelgrippe-Virus H5N8 ins Visier. Und endlich, im Umkreis von Rügen wurde eine Krickente geschossen, die H5N8 in sich trug.

"Krickenten gelten als äußerst mobil und legen Entfernungen von bis zu 8000 Kilometer zurück. Sie leben nach Angaben von Minister Backhaus in großer Zahl am Baikalsee in Sibirien. Tiere von dort seien in Südkorea beobachtet worden und sie flögen auch bis nach Europa." So das Schreckensszenario, gezeichnet vom Agrarministerium Meck-Pomm. Dass Krickenten auch heimische Brutvögel sind und sich nie unter Hausgeflügel mischen, wird ausgeblendet.

Südkorea gilt zurzeit als das am stärksten von H5N8 betroffene Land. H5N8 wurde innerhalb kurzer Zeit auf Geflügelbetrieben in Meck-Pomm, in den Niederlanden und in Südengland festgestellt. Prof. Dr. Mettenleiter vom FLI hatte öffentlich vor sich hin phantasiert, dass Wildvögel das Virus mit etappenweisen Neuinfektionen auf dem Zuge von Südkorea quer über Asien erst nach Deutschland und in die Niederlande gebracht haben, und über Island nach England gebracht haben. Diesen Quatsch hat das FLI inzwischen vom Netz genommen worden, aber Wildvögel bleiben noch immer im Fokus, der geschossenen Krickente sei „Dank“.

Die stümperhafte Epidemiologie des FLI ist nicht zum Lachen geeignet, eher zum Weinen, denn sie richtet viel Schaden an. Wie früher schon bei H5N1, so sind es wieder Nichtregierungsorganisationen, die Licht ins epidemiologische Dunkel bringen. Das Wissenschaftsforum Aviäre Influenza (WAI, Pressemitteilung vom 20.11.2014) hat herausgefunden, dass in Südengland H5N8 auf der Entenfarm Driffield gefunden wurde, die zum Unternehmen Cherry Valley Farms Ltd gehört, das nach eigenen Angaben enge Handelsbeziehungen zu Entenfarmen im H5N8-Epidemie-Gebiet Südkorea unterhält. In Deutschland unterhält das Unternehmen eine Entenfarm in Wriezen (Brandenburg). Die kürzeste Straßenroute von Driffield nach Wriezen führt unmittelbar am niederländischen Ort Hekendorp vorbei, wo der von H5N8 betroffene niederländische Betrieb liegt. Auf dem Weg zwischen Ostasien und Deutschland wurde trotz 10.000 untersuchter Proben im Rahmen eines Wildvogelmonitoring seit 2006 kein einziger Wildvogel mit gefährlicher Vogelgrippe  gefunden, auch nicht an großen Rastplätzen. Fazit: Die Spekulationen des FLI sind haltlos, die Geflügelindustrie (samt ihren Transporten, zum Beispiel zu Schlachthöfen) müssen ins Visier der Epidemiologen genommen werden, nicht die Wildvögel.

Ein Wunder wäre, wenn das FLI die Erkenntnisse vom WAI nicht schon selbst ermittelt hätte. Was könnte das FLI dann am Festhalten der Wildvogelhypothese zur Verbreitung von H5N8 bewegen? Auf der Suche nach einer Antwort würde ein Detektiv zunächst ein geeignetes Motiv suchen. Ein solches Motiv gibt es in der Tat: Das Image der deutschen Geflügelindustrie soll nicht beschädigt werden, und das gelingt am besten, wenn Wildvögel als Verbreiter von H5N8 hingestellt werden. Als Gegenleistung wurde das FLI schon früher, nach dem H5N1-Theater, mit Forschungsmillionen geradezu überschüttet. Das wäre doch ein Motiv, noch einmal Forschungsmillionen zu bekommen. Warten wir ab, ob an dem Motiv etwas Wahres dran ist. Eine andere Erklärung könnte sein, dass die Forscher im FLI einfach nur strohdumm sind. Damit ist nicht zu rechnen. Sie wollen einfach nur die Weste der industriellen Geflügelhalter sauber halten.

Doch deren Weste ist schmutzig bis zum Überdruss. Wie schmutzig ist, hat Werner Hupperich vom WAI  (Pressemitteilung vom 25.11.2014) in einem Interview mit einem ehemaligen Putenverlader erfahren, der innerhalb eines Verladungsteams schlachtreife Puten in Transportkäfige trieb und diese auf den LKW lud. Haarsträubende Einzelheiten kamen ans Tageslicht. Verladen wurde in der Nacht ab 22 Uhr. Der LKW fuhr pro Nacht nacheinander fünf bis sechs Putenbetriebe an, bevor er auf seiner rund 200 Kilometer langen Fahrtstrecke schließlich den Schlachtbetrieb erreichte. Auf dem LKW gab es wohl Belüftungsschlitze, aber keine Filter. Da auf dem Transport zum Schlachthof rund fünf Prozent der Puten verenden, wurden vielfach auch frischtote, noch warme Puten verladen. Wenn tote Puten schon kalt waren, wurden sie im Mastbetrieb liegengelassen. Wenn zwischen dem Verladen auf dem Mastbetrieb und Ankunft auf dem Schlachthof morgens um sechs Uhr genug Zeit blieb, wurde eine Rast unterwegs eingelegt, zum Beispiel in Autobahnraststätten oder auf Autohöfen. Die Verlader trugen während der ganzen Schicht kurzärmelige Overalls aus einfacher Baumwolle über ihrer Alltagskleidung. Gelegenheit zum Händewaschen nach dem Verladen gab es nicht. Toiletten konnten nicht besucht werden, Notdurft musste im Freien verrichtet werden. Erst nach Schichtende zogen die Verlader ihren heftig riechenden Overall aus und konnten sich zuhause unter die Dusche stellen.

Über solche Schmutzigkeiten der Geflügelindustrie verliert das FLI kein Wort. Doch sind gerade diese Schmutzigkeiten ideal für die räumliche Verbreitung aller möglichen Krankheitskeime. Die Schmutzigkeiten können per LKW über einige 100 Kilometer verbreitet werden, per Flugzeug auch von Kontinent zu Kontinent, und wenn die Schmutzigkeiten H5N8 oder verwandte Vogelgrippe-Viren enthalten, werden die schmutzigen Phantasien des FLI angeregt, und dann werden die Politiker mit dem gedanklichem Schmutz beworfen. Und dem normalen Bürger wird der Schmutz als vorbeugende Gesundheitsfürsorge vorgeschwindelt. Igitt!

Sievert Lorenzen

Foto oben: ©  B. Jechow/ pixelio.de; Foto unten: © freeanimalpix