Haltung zeigen! - Was bedeuten die neuen Kennzeichnungssysteme der Supermärkte?

Haltungskompass, Haltungszeugnis und Co: Was bedeuten die neuen Kennzeichnungssysteme der Supermärkte?

Seit Jahren kämpft PROVIEH bereits für eine gesetzlich verpflichtende Haltungskennzeichnung, wie es sie bei Frischeiern schon gibt. So wollen wir, dass auch beim Kauf von Fleisch- und Milchprodukten für Verbraucherinnen ganz klar ersichtlich wird, wie Schweine, Rinder und Hühner gelebt haben. Denn nur wenn die Haltungsform beim Kauf transparent gemacht wird, können sich Konsumenten dafür entscheiden, eine bessere Form der Tierhaltung zu unterstützen.

Die Eierkennzeichnung ist ein Beispiel mit Erfolg: Der Anteil an nachgefragten Bio-Eiern steigt stetig. Zwar werden immer noch die meisten Eier aus Bodenhaltung verkauft (circa 60 Prozent). Dafür gibt es kaum Käfigeier mehr zu kaufen: Die bewusste Entscheidung der Käufer hat zu einer Verdrängung der Käfigeier geführt, der Handel hat das „Ei mit der Drei“ ausgelistet. “Versteckte” Käfigeier findet man zwar immer noch in Form der bunten Eier zu Ostern und in eihaltigen Produkten wie Kuchen und Keksen. Viele Hersteller steigen aber mittlerweile auch hierbei durch die Arbeit verschiedener Tierschutzorganisationen zumindest auf Eier aus Bodenhaltung um.  

Beim Fleisch konnte der Verbraucher bisher nur zwischen konventionell oder biologisch erzeugtem Fleisch wählen. Abbildungen auf den Verpackungen zeigen in beiden Fällen oftmals „glückliche“ Schweine und Rinder, die auf der Weide stehen. Nur in den seltensten Fällen entspricht dieses Bild der Realität. Umso wichtiger ist es, endlich „Haltung zu zeigen“ und die Herkunft des Fleisches auf der Verpackung sichtbar zu machen.

Wie bei der Eierkennzeichnung wäre es die Aufgabe der Politik, ein transparentes, flächendeckendes und gesetzlich verpflichtendes Kennzeichnungssystem einzuführen, welches für Klarheit sorgt. Während das Landwirtschaftsministerium jedoch seit Jahren an einem freiwilligen Label herumbastelt (siehe Infobox 1), hat der Handel die Rufe der Tierschutzorganisationen wahrgenommen und schafft nun Tatsachen.

So haben im Jahr 2018 bereits einige Handelsketten ein Kennzeichnungssystem entwickelt, dass die Haltung der Tiere in vier Stufen deutlich machen soll. Als erstes Unternehmen stellte Lidl im April 2018 den sogenannten „Haltungskompass“ von Frischfleisch vor. Kurz darauf folgten Netto, Kaufland und Aldi. Auch Penny und Rewe kündigten kürzlich an, ein Kennzeichnungssystem einzuführen. So existieren bald die unterschiedlichsten Systeme am Markt – das kann ganz schön verwirrend sein.

PROVIEH hat den Vorstoß des Handels begrüßt. Aber was steckt eigentlich hinter den einzelnen Stufen? Und vor allem: Wie viel Verbesserung bringen sie jeweils für das Tier? Gibt es dabei Unterschiede zwischen den Kennzeichnungssystemen von Lidl, Netto und Co?

Grundsätzlich gilt immer: Die erste Stufe – überall genannt „Stallhaltung“ entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard, bietet also keine Verbesserungen für das Tier. Die zweite Stufe „Stallhaltung Plus“ entspricht überall den Kriterien der Initiative Tierwohl (siehe Infobox 2). Das bedeutet leider nur völlig unzureichende Verbesserungen für das Tier. Die dritte Stufe genannt „Außenklima“ bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass die Tiere hier Auslauf haben. In den allermeisten Fällen genügt ein sogenannter „Offenfrontstall“, der den Tieren zwar über eine offene Seite Klimareize bietet, aber nicht zwingend einen Auslauf nach draußen. Die vierte Stufe entspricht den Kriterien des EU-Biosiegels oder alternativ auch der Premiumstufe des Labels des Deutschen Tierschutzbundes.

Aldi-Süd am stärksten in punkto Ferkelkastration

Steht der Kunde bei Aldi, Lidl, Netto oder Kaufland vor dem Regal, gleichen sich die Haltungskennzeichnungen in ihrem Äußeren sehr. Auch bei den Kriterien gibt es zwischen Haltungskompass, Haltungszeugnis und Co kaum Unterschiede.

Wie so häufig steckt der Teufel jedoch im Detail. So unterscheiden sich beispielsweise die Vorgaben zur Kastration der Ferkel mit oder ohne Betäubung stark bei den jeweiligen Kennzeichnungssystemen. Während Lidl, Kaufland, Rewe, Penny und Aldi-Nord ab der zweiten Stufe darauf bestehen, dass Schweine vor der Kastration betäubt werden, gilt dies bei Netto erst ab Stufe 3. Positiv erscheint, dass Aldi Nord, Lidl und Kaufland ab Stufe 2 Fleisch aus der Ebermast bevorzugen, also von unkastrierten Tieren. Dies ist allerdings kein verbindliches Kriterium. Sehr positiv hervorzuheben sind allerdings die Anforderungen in punkto Ferkelkastration von Aldi-Süd: Als einziger Einzelhändler schließt Aldi-Süd bereits ab der zweiten Stufe Fleisch von kastrierten Tieren aus. Es wird also nur Fleisch von unversehrten Tieren hierfür akzeptiert, was Lob verdient hat.

Bedeutung der Stufen für das Tier am Beispiel Mastschwein

Für ein ausgewachsenes 100-Kilo Schwein bedeuten die Kriterien im Klartext folgendes: In der Stufe 1 stehen dem Tier 0,75 Quadratmeter Platz zur Verfügung. In der Stufe 2 erhält das Schwein nur 10 zehn Prozent mehr Platz. In beiden Stufen dürfen die Schweine auf Vollspaltenböden gehalten werden anstatt auf Stroh. Es ist keine Einstreu vorgeschrieben. 

Es folgt die nächsthöhere Stufe 3. Für das Schwein heißt das: 40 Prozent mehr Platz. Also stehen dem Tier statt 0,75 Quadratmeter nun etwas mehr als ein Quadratmeter Platz zur Verfügung. Auch ein wenig Einstreu ist vorgeschrieben, allerdings heißt das nicht, dass die Schweine auf Stroh leben, sondern lediglich eine Handvoll Stroh als Beschäftigungsmaterial zur Verfügung steht. Auch Auslauf ist hier keine Pflicht. Der Ringelschwanz – ein Indikator für gute Haltungsbedingungen – darf in allen drei Stufen gekürzt werden, obwohl dies eigentlich seit 1994 in der Europäischen Union verboten ist!

Erst in der vierten Stufe erhalten die Tiere deutlich mehr Platz, außerdem Stroh und müssen einen ständigen Zugang zu Auslauf haben.

Die folgende Tabelle veranschaulicht die wesentlichen Unterschiede zwischen den Stufen am Beispiel eines Mastschweines.

 









 
(Noch) keine „Tierwohl“-Kriterien in Stufe 2 und 3

Auch wenn es durchaus begrüßenswert ist, dass der Handel mit einem Kennzeichnungssystem vorangeprescht ist, gibt es noch starken Verbesserungsbedarf.

Ein wesentlicher Kritikpunkt besteht in den unwesentlichen Verbesserungen der zweiten Stufe (Standard der Initiative Tierwohl) im Vergleich zur ersten Stufe (dem gesetzlichen Standard). Diese sogenannte „Stallhaltung Plus“ Stufe bietet in erster Linie nur geringfügig mehr Platz, das Stallsystem bleibt wie es ist, während arteigene Bedürfnisse der Schweine nicht erfüllt werden. Um das „Plus“ bei den Mastschweinen zu rechtfertigen, müsste wesentlich mehr Platz geboten werden und ständig Raufutter und Stroh als Beschäftigungsmaterial für die intelligenten Tiere zu Verfügung stehen. Das sowieso schon gesetzeswidrige routinemäßige Kupieren der Ringelschwänze sollte nicht akzeptiert werden.

Auch die Stufe 3 (Außenklima) müsste den Tieren eigentlich wesentlich mehr bieten. Schließlich entspricht sie analog zur Eierkennzeichnung der sogenannten „Freilandhaltung“. Allerdings kann von Freilandhaltung hier keine Rede sein. Verbraucher könnten durch den Begriff Außenklima in die Irre geführt werden und davon ausgehen, dass die Tiere ständig Auslauf haben. Das trifft jedoch leider nicht zu.

Fazit

Die verschiedenen Haltungssysteme von Lidl und Co sind sich in den meisten Punkten sehr ähnlich, auf den zweiten Blick gibt es bei den Anforderungen jedoch Unterschiede. Insgesamt ist bei den Kriterien noch viel Luft nach oben. Wirkliche Verbesserungen für Tiere sind erst ab der vierten Stufe erkennbar.

Um ehrliche Transparenz über die Haltung der Tiere zu schaffen, ist eine bundesweite, einheitliche und vor allem gesetzlich verbindliche Kennzeichnung mit klaren Kriterien nötig, die deutliche Verbesserungen für die Tiere ermöglichen. Nur dann können sich Verbraucherinnen für mehr Tierwohl entscheiden.

Jasmin Zöllmer und Marie Blesin

Infobox 1:

Bereits in der letzten Legislaturperiode hat der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt mehrmals die Einführung eines Tierwohllabels angekündigt. Die neue Ministerin Julia Klöckner hat den Faden wieder aufgenommen und arbeitet derzeit an einer neuen Version. Das sogenannte Tierwohlkennzeichen soll drei Stufen enthalten. Es wird freiwillig – also nicht verpflichtend und damit auch nicht flächendeckend sein. Die Markteinführung ist nicht vor 2020 geplant.

 

Infobox 2:

Die Initiative Tierwohl ist eine Brancheninitiative, die vom Lebensmitteleinzelhandel finanziert wird. Pro Kilogramm verkauftem Fleisch werden 6,25 Cent in einen Fond eingezahlt. Aus diesem Fond werden Tierhalter für die Umsetzung von sogenannten „Tierwohlmaßnahmen“ honoriert. PROVIEH war Gründungsmitglied der Initiative, hat die Zusammenarbeit aber im Jahre 2016 beendet, als klar wurde, dass von dem ursprünglichen Tierschutzkonzept nicht mehr viel übrigblieb. Verpflichtendes Kriterium ist im Wesentlichen lediglich 10 Prozent mehr Platz pro Tier. Die meisten Kriterien sind freiwillig, wie auch die wichtige Raufuttergabe bei Mastschweinen.