Hannes Jaenicke im Interview

Etwas bewegen


Hannes Jaenicke ist ein Allroundtalent – Schauspieler, Autor, Tier- und Umweltschützer.

In Berlin hat Annette Behr mit dem für seine Dokumentationen mehrfach ausgezeichneten Aktivisten gesprochen. Er erzählt, weshalb er den Menschen für eine Fehlkonstruktion hält und warum er da hinschaut, wo andere wegsehen.

Sie leben in Deutschland und den USA. Sind Sie Vegetarier oder Veganer?

Wechselnd. In den USA vegan. In Europa ist es mir zu anstrengend, weil das Angebot oft nicht gut genug ist. Da ich selber nicht koche, bin ich auf Restaurants angewiesen.

In den USA ist es viel einfacher sich vegan zu ernähren.

Es ist manchmal anstrengend komplett konsequent zu sein. Ich versuche, alles möglichst locker zu sehen: Wenn eine Kuh auf der Weide ein schönes Leben hatte, oder ´ne Biosau genügend Platz und Auslauf, dann ist es unter Umständen sogar vertretbar dieses Fleisch zu essen. Katastrophal ist die Massentierhaltung, dieser Billigdreck der Agrar- und Fleischindustrie.


Sie hören nicht gern, wenn man Sie als Tierschützer bezeichnet. Warum?

Weil das als Einzeldisziplin total naiv ist. Tiere sterben aus, weil ihnen der Lebensraum genommen wird, weil ihre Habitate zerstört und vergiftet werden. Das beste Beispiel ist der Regenwald, zum Beispiel in Borneo. Wenn ich ihn rette, rette ich den Lebensraum der Dajaks (Ureinwohner), der Gibbons, der Orang Utans. Dazu noch das Klima, weil Regenwald nun mal der größte CO2-Speicher ist, den wir haben. Und genau den sägen wir weg.

Ähnlich ist es mit Delfinen und Walen. Sie können nur gerettet werden, wenn wir Mikroplastik, die Korallenbleiche, Geisternetze unterbinden und die Fischbestände erhalten. Du kannst den Delfin nicht als Einzel-Spezies retten. Das ist naiv. Man kann den Umweltschutz nur als komplexes ganzheitliches Thema behandeln.


Was hat Sie bei Ihrer Arbeit zum Film über die Regenwaldvernichtung und die vom Aussterben bedrohten Orang Utans am meisten aufgewühlt?

Dass wir den größten CO2-Speicher der Erde einfach völlig gedankenlos wegsägen, für Biosprit, Papier, Dübel, Klobrillen, Billig- und Pressholz, oder Gartenmöbel. Wir zerbrechen uns den Kopf über Feinstaub, Kohlendioxid- und Methan-Ausstoß, den Klimawandel und die globale Erwärmung. Und das einzige Gegenmittel was wir haben, nämlich den Regenwald, den vernichten wir im Rekordtempo! Der Orang Utan ist ein trauriger Kollateralschaden. Viel schlimmer ist, was wir der Erde als Ganzes antun. Wir behandeln sie als hätten wir einen Ersatzplaneten im Kofferraum unserer SUVs.

Ihr neues Buch „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche“ beschäftigt sich mit dem System Gesellschaft. Wenn Sie es sich aussuchen könnten – welchem Alpha-Tier könnten Sie am ehesten folgen und warum?

Ich würde mich einer matriarchalischen Gesellschaft anschließen, wie bei den Orcas oder den Elefanten. Matriarchalisch organisierte Arten fahren interessanterweise am besten. Bei Orcas ist es immer das klügste, erfahrenste Weibchen, das das Rudel anführt und bestimmt, wo es langgeht. So stehen Orcas sogar noch über den Haien und sind die Spitze der marinen Nahrungskette. Sie sind die intelligentesten Tiere, die im Wasser schwimmen.

Sie zeigen in Ihren Dokumentationen über bedrohte Tierarten Mangel und Elend. Was denken Sie darüber?

Dass der Mensch die einzige Spezies ist, die ihr eigenes Nest beschmutzt und zerstört. Kein anderes Tier würde seinen Lebensraum so behandeln. Ich halte den modernen Menschen für eine evolutionäre Fehlkonstruktion.

Worüber ärgern Sie sich am meisten?

Dass mir das Lesen von Tageszeitungen nicht gut bekommt. Zum Beispiel Artikel über die Übernahme von Monsanto durch Bayer Leverkusen. Über die gesamte Agro-Chemie (BASF, Syngenta etc.): Glyphosat, Pestizide, Herbizide, Insektizide und Fungizide. Die Vernichtung der Bienen. Die deutsche Agrarpolitik. Über Monokultur ohne Ende. Die Nitratverseuchung unseres Grundwassers. Und Herr Agrarminister Schmidt findet das alles in Ordnung!

Über die deutsche Jagdgesellschaft. Über die sogenannten Auslandsjäger, die nach Afrika reisen und Großwild jagen... Es gibt so viele Themen, die mich aufregen!


Können Sie noch gut schlafen?

Ja. Ich brauche zum Glück nicht viel Schlaf. Wenn man Medienmacher ist, kann man ja etwas unternehmen. Nichts ist schlimmer als Ohnmacht oder Nichtstun. Darunter leide ich nicht. Ich habe dank des ZDF eine großartige Plattform und darf dort einmal im Jahr eine meiner Dokumentationen drehen und zeigen. Ich kann in Talk-Shows gehen oder Bücher schreiben. Ich kann Menschen Sachen näher bringen, die sie sonst kaum sehen würden. Dadurch habe ich die Möglichkeit zu informieren und, wie ich finde, auch die Pflicht dazu. So lange ich etwas bewegen kann, und sei es nur in winzigen Schritten, geht’s mir prächtig. Und dann schlaf ich auch gut.

Gibt es trotzdem schöne Momente, die Sie genießen?

Natürlich! Man muss ja nicht so tun, als wäre das alles immer nur schrecklich harte Arbeit. Allein die Reisen zu den Dreharbeiten und Locations sind die Anstrengung doch schon wert. Die Menschen, mit denen wir zusammen kommen. Wir haben ja fast immer mit Leuten zu tun, die sich für den Erhalt eines Tieres oder Habitats einsetzen. Ich habe durch mein Engagement unglaubliche Leute kennengelernt, zum Beispiel Jane Goodall, oder Willie Smits, oder Ken Balcomb, oder all die anderen genialen Typen, die sich an vorderster Front ein - setzen, damit nicht die letzten Lebensräume der Welt auch noch geplündert werden. Die meisten dieser großartigen Menschen sind unterfinanziert, verdienen nix, aber geben nicht auf. Und das gibt Hoffnung!



Das Interview führte Annette Behr
 


Annette Behr ist freie Journalistin, Pädagogin und Veterinär-Medizinisch-Technische-Assistentin. E-Mail: blaubehr@gmx.net



TV-Tipp: „Hannes Jaenicke im Einsatz für Nashörner“. Am 16. Januar 2018 um 22:15 Uhr im ZDF.

 

Foto oben: © Guido Ohlenbostel, ZDF „Im Einsatz für Elefanten“
Foto unten: © Markus Strobel/ZDF: Hannes Jaenicke unterwegs in der Serengeti