Hohe Tierschutzstandards von der Bevölkerung gewollt – in Deutschland und weltweit

Laut einer repräsentativen Umfrage des Allensbach Instituts (Erhebung Nov./Dez. 2008) im Auftrag der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft DLG wollen 79 % der Deutschen eine artgerechte Tierhaltung in der Landwirtschaft (vgl. adr-informationen 02/09).

Dies ist ihnen sogar wichtiger als die Garantie für Qualität bei der Fleischproduktion (75 %), die Sicherung der Ernährung in Deutschland (73 %) oder die Nachhaltigkeit bei der Produktion (72 %). Auch Eurobarometerumfragen der letzten Jahre hatten immer wieder gezeigt, dass das Tierwohl ganz weit oben auf der Prioritätenliste der Europäerinnen und Europäer steht (vgl. hier und hier).

Und was sagt die Politik dazu?

Der Fachministerrat für Landwirtschaft und Fischerei mit seinen Vertretern aus den 27 Mitgliedsstaaten erklärte am 23. März 2009 in einer Schlussfolgerung des Rates, dass er die internationalen Bemühungen für eine Allgemeine Erklärung zum Tierschutz unterstützt.

Die Allgemeine Erklärung soll aus einer Reihe von Grundsätzen und Standards bestehen, die für Nutztiere, Haustiere, Zoo- und Zirkustiere, Tiere in der wissenschaftlichen Forschung sowie für wildlebende Tiere gelten soll. Die Festlegung der Standards soll auf Grundlage der „fünf Freiheiten“ erfolgen:

  • Freiheit von Hunger, Durst und Fehlernährung,
  • Freiheit von Angst und Leiden,
  • Freiheit von körperlichem und temperaturbedingtem Unbehagen,
  • Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit,
  • Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensweisen.

Die Europäische Union will mit dieser Maßnahme einer Grundsatzerklärung des Vertrags von Amsterdam nachkommen. Im Anhang des Vertrages heißt es, dass die Mitgliedstaaten ihren Wunsch bekräftigen „sicherzustellen, dass der Tierschutz verbessert und das Wohlergehen der Tiere als fühlende Wesen berücksichtigt wird".

In seiner Schlussfolgerung verweist der Rat an mehreren Stellen auf die internationale Dimension des Tierschutzes und die Notwendigkeit gemeinsamer internationaler Standards und ruft die Europäische Kommission dazu auf, dass „gewährleistet werden soll, dass bei diesen Initiativen auch deren europäischer und internationaler Dimension und Wertstellung gebührend Rechnung getragen wird“ und dass „gemäß ihrer Ankündigung in ihrem Aktionsplan für den Schutz und das Wohlbefinden von Tieren "internationale Initiativen zur Sensibilisierung für und Konsensfindung über den Tierschutz und Lancierung neuer Initiativen weiter zu unterstützen; dies bedeutet auch Aufnahme von Kontakten zu Entwicklungsländern, um Handelsmöglichkeiten zu erforschen, die an tierschutzfreundliche Produktionssysteme gebunden sind".

Damit bestätigt sich der neue Tenor in den EU-Diskussionen, der anlässlich des Internationalen Forums über Welthandel und Nutztierschutz im Januar dieses Jahres erstmals ganz deutlich in den Vordergrund trat. Dort hatten Vertreter der EU-Kommission und internationaler Organisationen wie der World Organisation for Animal Health (OIE), der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO und des Europäischen Bauerndachverbands COPA-COGECA wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass durch hohe Tierschutzstandards in der EU die europäischen Landwirte gegenüber Importen aus Drittländern (mit niedrigeren Standards) nicht konkurrenzfähig wären. Sie liefen daher Gefahr, aus dem Markt gedrängt zu werden. Deshalb müsse man gleiche Standards für alle fordern, so die Agrarvertreter. Andernfalls, so das „Gruselszenario“, würden die Regeln künftig vom Handel aufgestellt werden – unabhängig von Gesetzgebern auf EU- und Mitgliedsstaatenebene.

Außerdem wird in diesem Zusammenhang gern die Wissenschaft zur Durchsetzung eigener Interessen missbraucht. Uns wird z.B. gesagt, erst einmal müssten „wissenschaftliche Grundlagen zur Erfassung des Tierleids“ gelegt werden - das kann Jahre dauern - in der Hoffnung, dass das Tierschutzproblem inzwischen vergessen wird.

Beispiel Käfigeier: Dass ein klassischer Legehennenkäfig, wie er seit den Sechziger Jahren aus rein ökonomischen Gründen millionenfach genutzt wurde, tierquälerisch ist, muss nicht erst durch Dutzende von Untersuchungen und Expertisen gezeigt werden, sondern ist mit ein bisschen gesundem Menschenverstand unmittelbar erkennbar. Nach jahrelangem Gezerre trat dann 1999 endlich die europäische Richtlinie in Kraft, nach der die klassische Käfighaltung ab 2012 europaweit verboten wird. Aber die Käfigbarone haben längst die kaum besseren „ausgestalteten Käfige“ aus dem Hut gezaubert, die in der EU sogleich erlaubt wurden. Fortschritt? Fehlanzeige!

Oder Beispiel Kaninchenkäfige: Nach 10-jährigen Beratungen in Deutschland wurden jüngst „Empfehlungen“ zur Kaninchenhaltung veröffentlicht. Käfigverbot wie in Österreich (seit 1. Januar 2008)? – Fehlanzeige! Und in der EU steht das Thema noch nicht einmal auf der Tagesordnung.

Und was erreichen die Tierschutzverbände?

Die Tierschutzverbände haben längst den schwachen Punkt im Gerede der Agrarlobby erkannt und wissen, wie sie den Handel dazu bringen können, schneller als politisch vorgegeben auf die Einhaltung höherer Tierschutzstandards zu drängen. Der schwache Punkt besteht darin, dass die Agrarlobby und der Handel fürchten, die Öffentlichkeit – also wir Menschen im Staat – könnten erfahren, was hinter den Mauern der industriellen Nutztierhalter wirklich geschieht. Diese Angst lässt sich geschickt für den Nutztierschutz einsetzen.
Auf diese Weise konnte die Kampagnenarbeit von Tierschutzorganisationen (wie Compassion in World Farming, PROVIEH, Vier Pfoten, der Albert-Schweitzer-Stiftung und anderen) den Handel durch nachvollziehbare Argumente überzeugen, noch vor der EU-Frist die Käfigeier aus ihrem Frischeier-Sortiment auszulisten. Das ist mittlerweile in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und in Großbritannien größtenteils geschehen. Auch einige Nahrungsmittelhersteller benutzen inzwischen keine Käfigeier mehr für verarbeitete Erzeugnisse wie Mayonnaise etc. (mehr dazu hier).

Wir von PROVIEH und anderen Nutztierschutz-Organisationen sind also nicht traurig, sondern erfreut, wenn der Handel aus Tierschutz- (und Image-)Gründen, von unserer Kampagnenarbeit bewegt wird, schneller als vom Gesetzgeber vorgegeben die Einhaltung höherer Tierschutzstandards von den Erzeugern einzufordern. Damit entspricht der Handel letztlich den ansonsten meist überhörten Verbraucherinteressen.

Sabine Ohm, Europareferentin