Illegale Zustände in der EU-Schweinehaltung aufgedeckt

21.01.2010: Compassion in World Farming (CIWF), die britische Partnerorganisation von PROVIEH, veröffentlichte in Brüssel einen Untersuchungsbericht zu rechtswidrigen und grausamen Zuständen in der europäischen Schweinehaltung. Auch die deutsche Schweineindustrie verstößt massiv gegen geltende EU-Haltungsbestimmungen.

Anlass der Pressekonferenz war die Veröffentlichung der Ergebnisse einer 18-monatigen verdeckten Untersuchung von CWIF und der European Coalition for Farm Animals (ECFA). Im Rahmen dieser Recherchen wurden in den Jahren 2008 und 2009 insgesamt 74 Schweinemastbetriebe in Deutschland, Dänemark, Ungarn, Spanien, den Niederlanden und in Großbritannien untersucht. Diese sechs Länder produzieren zusammen 57% der jährlich in der EU gemästeten Schweine.

Ergebnis der Untersuchungen ist, dass ein großer Teil der europäischen Schweinemastbetriebe gegen bestehendes EU-Tierschutzrecht verstößt und die Mehrheit der jährlich produzierten Schweine unter erbärmlichen Bedingungen leben muss.

In den "Mindestanforderungen für den Schutz von Schweinen" (Richtlinie 2008/120/EG des Rates) heißt es eindeutig: "Ein Kupieren der Schwänze (...) dürfen nicht routinemäßig und nur dann durchgeführt werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass Verletzungen (...) entstanden sind. Bevor solche Eingriffe vorgenommen werden, sind andere Maßnahmen zu treffen, um Schwanzbeißen und andere Verhaltensstörungen zu vermeiden, wobei die Unterbringung und Bestandsdichte zu berücksichtigen sind. Aus diesem Grund müssen ungeeignete Unterbringungsbedingungen oder Haltungsformen geändert werden."

Da das Kupieren aber wie durch CIWF dokumentiert in Deutschland zum Regelfall wird, muss davon ausgegangen werden, dass entweder die geforderten anderen Maßnahmen zur Vermeidung von Schwanzbeißen nicht ergriffen werden oder sich die in Deutschland zugelassenen Mindestanforderungen für die Haltung von Schweinen als ungeeignet erweisen für eine Vorbeugung von Verhaltensstörungen.

Ferner heißt es in der EU-Richtlinie: "Schweine müssen ständigen Zugang zu ausreichenden Mengen an Materialien haben, die sie untersuchen und bewegen können, wie z. B. Stroh, Heu, Holz, Sägemehl, Pilzkompost, Torf oder eine Mischung dieser Materialien."

In Deutschland gilt diese Vorschrift bereits als erfüllt, wenn zur Befriedigung des Beschäftigungsdrangs der Schweine ungeeignete Gegenstände wie Ketten oder Autoreifen in die Gehege gehängt werden. In der EU-Richtlinie werden aber ausdrücklich organische Beschäftigungsmaterialien aufgeführt. Das ist aus tierethologischer Sicht wohlbegründet. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen bleiben organische Beschäftigungsmaterialien lange für die Schweine attraktiv und regen zu vielfältigen Verhaltensweisen an.

Die Haltung den Schweinen anpassen, nicht umgekehrt!

PROVIEH fordert die zuständigen deutschen Behörden auf, dafür zu sorgen, dass endlich die seit 2003 geltenden EU-Bestimmungen wirksam und nachhaltig umgesetzt werden. Der Fachverband erwartet auch, dass die beengte Kastenstandhaltung von Sauen noch vor dem europaweiten Verbot 2013 und tierquälerische Abferkelungsbuchten in Deutschland umgehend abgeschafft werden.

Die während er Pressekonferenz aufgeworfene Frage nach den Mehrkosten der notwendigen Anpassungen konnte Peter Stevenson, Vorsitzender von CIWF, relativieren. Es sei wahrscheinlich, dass sich die Gesundheit und das Wachstum durch die verbesserten Haltungsbedingungen steigern. Gleichzeitig dürften die Sterblichkeit und die Tierarztkosten geringer ausfallen. So könne man mit sehr geringen Mehrkosten, wenn nicht sogar mit einer erhöhten Wirtschaftlichkeit rechnen. Um die Umstellung auf artgerechtere Schweinehaltung zu fördern, soll nun auch Druck auf den Lebensmitteleinzelhandel und die Konzerne gemacht werden. Denn nur wenn sie mitziehen, kann ein ähnlicher Erfolg erreicht werden wie bei der Abkehr von Käfigeiern.

PROVIEH setzt sich seit langem für eine Verbesserung der Umsetzung der Richtlinie von 2003 ein. Im Jahr 2009 hatte der Verein bereits Beschwerde gegen Deutschland wegen der Nichteinhaltung des bestehenden EU-Tierschutzrechts eingelegt.

Unterstützen können Sie die Kampagne gegen die illegalen Zustände in der EU-Schweinehaltung, indem Sie einen Aufruf an den designierten EU Agrarkommissar John Dalli versenden.

Anne-Sabeth Beny - Büro Brüssel