Initiative Tierwohl (Bonitierungssystem)

Foto: PROVIEH

PROVIEH hatte das Grundkonzept für ein Tierwohl-Bonitierungssystem mit ausgearbeitet. Was allerdings die sogenannte „Initiative Tierwohl“ (kurz ITW), bestehend aus Lebensmitteleinzelhandel, Schlachtbranche und Bauernverbänden (organisiert unter dem Siegel QS am Ende) unter Ausschluss von PROVIEH aus dem System gemacht haben, weicht stark ab von dem von uns mitentwickelten Konzept. So kann die als Branchenlösung gedachte ITW aus Sicht von PROVIEH nicht wie ursprünglich geplant einen substantiellen Beitrag für eine tierfreundliche, nachhaltige und gesetzeskonforme Schweinehaltung in Deutschland leisten.

Vorgeschichte

Ab April 2010 traf sich PROVIEH in einem kleinen Initiativkreis mit drei Erzeuger- und Schlachtunternehmen (Böseler Goldschmaus, Tönnies und Thönes Natur) und arbeitete in ständiger Rücksprache mit erfahrenen Beratern aus dem Bereich Tierwohl im Schweinestall an einem völlig neuen Konzept: Ein Bonitierungssystem sollte den Tieren auf möglichst vielen Betrieben bessere Lebensbedingungen von der Geburt bis zur Schlachtung ermöglichen. Das Hauptaugenmerk galt den Fragen „Was braucht das Schwein?“ und „Woran kann man messen, ob seine Bedürfnisse befriedigt werden?“ Aber auch die Praktikabilität aus Sicht der Schweinehalter sowie die Überprüfbarkeit durch die Auditoren fanden von Anfang an Berücksichtigung, um spätere Akzeptanz und große Verbreitung sicherzustellen.

Ab März 2011 nahm die REWE an unserem Initiativkreis teil und der Kriterienkatalog wurde mit Hilfe wissenschaftlicher Begleitung überprüft und optimiert.

Im April 2012 stellte QS-Mitglied REWE das Bonitierungssystem allen Branchenbeteiligten im Rahmen der QS (Qualität und Sicherheit GmbH) vor. Ab September 2012 koordinierte QS die weitere Ausarbeitung in der dazu gegründeten „Initiative zum Tierwohl“. Der Geflügelsektor gründete eine ähnliche Initiative, allerdings ganz ohne Beteiligung des Tierschutzes.

Ab März 2013 wurden PROVIEH sowie Vertreter aus Wissenschaft und Beratung an der weiteren Ausarbeitung des Tierwohlkriterienkatalogs beteiligt. Durch diese bisher einzigartige, branchenweite Initiative sollte das Tierwohl in den Ställen auf breiter Front und auf freiwilliger Basis schrittweise verbessert werden. Tierhalter sollten für alle von ihnen umgesetzten Tierwohlmaßnahmen einen fairen finanziellen Ausgleich (Bonuszahlungen) aus einem vom Lebensmitteleinzelhandel (LEH) finanzierten unabhängigen Fonds bekommen – je mehr Tierwohl, desto mehr Geld.

Stolperstart

Bis Ende Juli 2013 wurden dazu in intensiven Verhandlungsrunden unter Mitwirkung von PROVIEH Kriterienkataloge für Sauenhaltung, Ferkelaufzucht und Schweinemast entwickelt. Der LEH bestand auf einem Paket aus einigen wichtigen Pflichtmaßnahmen für die freiwilligen Teilnehmer am Bonitierungssystem gegen eine Sockelvergütung von 500 Euro pro Betrieb, was PROVIEH sehr begrüßte und unterstützte. Die wichtigste Errungenschaft dabei war die Pflicht zur täglichen Bereitstellung von Raufutter, die elementar ist für das Wohlbefinden von Schweinen. Neben der Vorschrift von jährlichen unangekündigten Audits, Stallklima- und Tränkwasserchecks sowie kontinuierlichem Schlachthofbefunddaten- und Antibiotikamonitoring schloss man (in Altbauten noch erlaubte) Dunkelställe ohne Tageslicht aus.

Für PROVIEH überraschend und vor Beendigung der Feinarbeit löste QS die Kriterien-Arbeitsgruppe einfach auf. Es folgten zähe einjährige Verhandlungen innerhalb der mit organisatorischen Fragen befassten „Projektgruppe“. Die beschloss, wie sich später herausstellte, auch  tiefgreifende inhaltliche Veränderungen. Die Boni wurden zudem gekürzt und gedeckelt, so dass die Tierhalter nur noch einige Tierwohlkriterien umsetzen können. PROVIEH wurde die Teilnahme an der Projektgruppe verwehrt.

2014 gab es immer wieder Medienberichte über Durchbrüche und dann doch wieder Stolpersteine und Rückzieher. Nachdem das Bundeskartellamt grünes Licht für das Bonitierungssystem signalisierte, kam es schließlich im Spätsommer 2014 zur Einigung der Fleischverarbeiter und Bauernverbände mit den meisten Unternehmen des LEH. LIDL, Kaufland, ALDI Nord und Süd, REWE und Penny, Kaiser´s Tengelmann und Teile der EDEKA sowie Netto unterzeichneten.

Die Ende 2014 neu gegründete Trägergesellschaft der „Initiative Tierwohl“ veröffentlichte im November die ersten Kriterienkataloge und Leitlinien unter http://www.initiative-tierwohl.de/. PROVIEHs inhaltliche wie konzeptionelle Kritik wurde ignoriert – genau wie die von PROVIEH geforderte Beteiligung an der Ausbildung der Tierwohl-Auditoren sowie das Recht auf eigene unangekündigte Betriebsprüfungen, um die richtige Umsetzung und Glaubwürdigkeit der IWT sicherzustellen. PROVIEH begrüßte trotzdem, dass endlich der Anfang gemacht wurde, wenn auch mit stark verbesserungswürdiger Ausgestaltung.

Was lange währt wird nicht immer gut

Die Unternehmen des LEH verpflichteten sich, mindestens drei Jahre lang je vier Cent pro Kilogramm verkauftem Schweinefleisch – inklusive schweinefleischhaltiger Wurstwaren und Fertiggerichte – in den Fonds einzubezahlen, egal, woher das Fleisch stammt. Dadurch sollten bei gleichbleibendem Konsumverhalten etwa 65 Millionen Euro pro Jahr für Tierwohl-Boni in der Schweinehaltung bereitgestellt werden.

Seit Januar 2015 zahlten die teilnehmenden Unternehmen des LEH ihren Beitrag in den Fond ein. Damit werden ca. 85 Prozent des über Supermärkte in Deutschland verkauften Schweinefleischs in die ITW einbezogen. Das entspricht allerdings weniger als einem Drittel des in Deutschland verkauften Schweinefleischs, da ca. 20 Prozent über Metzger und weitere 20 Prozent über den Großhandel beziehungsweise Großküchen vertrieben werden, weitere 30 Prozent (vor allem in Deutschland nicht konsumierte Teile) gehen in den Export.

Bis Mitte 2016 konnten knapp 260 Nachrücker von der Warteliste dank der Reduzierung einer zu hohen „Risikorücklage“ aufgenommen werden, so dass nun jährlich Tierwohl-Boni für 12,8 Millionen Schweine gezahlt werden.

Blockaden

PROVIEH protestierte, versuchte durch Kampagnenaktionen und Gespräche den Kreis der Teilnehmer zu erweitern und eine Verdoppelung des Tierwohl-Beitrags des LEHzu erreichen. Aber nur die WASGAU AG trat bei, Norma, famila und Globus weigern sich. Weder Metzgerketten noch Großküchen machen mit, und auch die Großhandelsunternehmen wie Metro und CITTI, bei denen die Gastronomen einkaufen, nehmen nicht teil.

Sie alle müssten aber mit in die Brancheninitiative einsteigen, weil es sonst schlicht keine Branchenlösung ist. Nur so könnten Wettbewerbsverzerrungen vermieden und die Verbraucher an faire Preise gewöhnt werden. Nach jahrelangem Preiswettkampf des LEH auf dem Rücken der Tiere müssen die Konsumenten lernen, dass Tierwohl nicht zum Nulltarif zu haben ist. Schweinefleisch kann nicht weiter so billig produziert und angeboten werden, wenn zum Beispiel der Antibiotikaverbrauch sinken und die Ringelschwänze der Schweine ganz bleiben sollen. Das verlangt aber der Gesetzgeber von allen Schweinehaltern.

Auch die Bauern machten Druck für mehr Geld durch öffentlichkeitswirksame Aktionen. Bei den Verhandlungen über die Fortsetzung der ITW von 2018-2020 einigten sich die Teilnehmer dann aber nur auf eine Aufstockung des Beitrags um 2,25 Cent auf 6,25 Cent pro Kilogramm Schweinefleisch bzw. -wurst. Das reicht nur aus, um die immer noch gut 2.000 auf der Warteliste stehenden Schweinehalter aufzunehmen – und das auch nur unter erheblicher Kürzung der maximal erreichbaren Boni pro Tier und Zusammenstreichung der Tierwohlkriterien.

Irreführende Werbung

Im Mittelpunkt der Veränderungen 2016 stand leider nicht, wie man tatsächlich mehr Schweinewohl – insbesondere abzulesen an intakten, geringelten Schwänzen – erzeugen kann, also die Auslobung der von PROVIEH seit 2011 geforderten Ringelschwanzprämie in der ITW einzuführen. Stattdessen stritt man um eine Veränderung des Systems zur Schaffung besserer Werbemöglichkeiten, entgegen aller Warnungen von PROVIEH vor Verbrauchertäuschung.

Die ITW wurde von PROVIEH als Massenbilanzierungssystem ohne Etikettierung der Ware erdacht; denn Tierwohllabel wie das von Neuland gibt es seit Jahrzehnten, ohne das damit größere Marktanteile gewonnen werden konnten oder auch die konventionelle Schweinehaltung einen Deut verbessert worden wäre. Diese Label, wie auch Bioware, haben eine wichtige Funktion und Leuchtturmwirkung, sind aber eine Nische im Markt. Sie werden durch die ITW in keiner Weise unterminiert. Eine Etikettierung ist aber auch nicht notwendig, weil es bereits andere Tierwohllabel als Wahlmöglichkeit für diejenigen Verbraucher gibt, die höhere Tierwohlstandards wollen.

Mit der ITW sollte demgegenüber die breite Masse der konventionell gehaltenen Schweine in den Genuss von Tierwohlmaßnahmen kommen, indem den Tierhaltern - ohne zu hohe Einstiegshürden - finanzielle Anreize und Wahlmöglichkeiten im Rahmen ihrer betrieblichen Möglichkeiten geboten werden, den Tierschutz zu verbessern. Eine Etikettierung ist dabei nicht ohne Verbrauchertäuschung möglich. Das bleibt auch nach der geplanten Verabschiedung der Neuerungen ab 2018 so, weil außer den - dann um 10 Prozent mehr Platz und organisches Beschäftigungsmaterial - erweiterten Grundanforderungen zur Teilnahme keine insgesamt einheitlichen Kriterien eingehalten werden müssen, sondern weiterhin Wahlkriterien zur Auswahl stehen.

Die Verbrauchertäuschung ist umso schlimmer, als von Tierwohl auf den Warenetiketten die Rede ist, obwohl noch nicht einmal die Einhaltung der gesetzlichen Mindeststandards garantiert ist. Denn weder QS noch die Trägergesellschaft der ITW setzen das in europa bereits seit 1994 geltende Kupierverbot bisher durch. Werbung hatte PROVIEH also schon deshalb nicht vorgesehen, weil es nichts zu bewerben gibt, so lange in Deutschland die Schweine zu über 99 Prozent routinemäßig kupiert werden (siehe Kampagnenseite „Der Ringelschwanz bleibt ganz“).

Ausblick

Vor allem sollte sofort die eigentlich schon für 2016 geplante Ringelschwanzprämie eingeführt werden. Was dafür nötig ist, haben die in Nordrhein-Westfalen seit 2010 stufenweise durchgeführten Projekte, an denen PROVIEH maßgeblich beteiligt war, bereits hinreichend belegt. Zudem hat die EU-Kommission im Februar 2016 Leitlinien zum Kupierverzicht und zur Bereitstellung von Beschäftigungsmaterial veröffentlicht. Ab 2017 werden die EU-Inspektoren die Einhaltung des Kupierverbots und das Gebot der ständigen Bereitstellung von angemessenem organischem Beschäftigungsmaterial in den Schweineställen kontrollieren. Spätestens dann werden die Bauern und ihre Verbandsvertreter bereuen, dass sie die konstruktiven Vorschläge von PROVIEH ignorierten und die nötigen Umstellungsmaßnahmen nicht rechtzeitig ergriffen haben. Dann bekommen sie nicht nur kein Geld vom Handel für die nötigen Maßnahmen, sondern müssen sogar noch Agrarsubventionen an Brüssel zurückzahlen („Cross-Compliance-Kürzungen“).

Die noch nicht veröffentlichten vorläufigen Verhandlungsergebnisse über den Fortgang der ITW ab 2018 lassen allerdings nichts Gutes ahnen. Der Austritt des Deutschen Tierschutzbundes aus der ITW im September 2016 und die Bestrebungen des Bundeslandwirtschaftsministers für ein verpflichtendes staatliches Kennzeichnungssystem werfen Fragen über die Zukunft der ITW auf.

PROVIEH sähe eine verpflichtende staatliche Herkunfts- und Haltungskennzeichnung für tierische Erzeugnisse (zum Beispiel wie bei den Eiern, 0, 1, 2, 3), für die wir uns seit Jahren einsetzen, als Chance auch für die ITW. Die ITW könnte sich dann auf die mehr ergebnisorientierten, tierbezogenen Kriterien konzentrieren. Erste Ansätze davon sind durch die 2016 eingeführte Schlachtbefunddatenauswertung, die zu einem Tiergesundheits- bzw. später auch Tierwohlindex ausgebaut werden soll. Auch das Antibiotikamonitoring bietet Möglichkeiten zur Prämierung von Geringverbrauchern. PROVIEH sieht zudem die Notwendigkeit, das gelebte Tierwohl auch durch ITW-Kontrollen auf den Betrieben zum Beispiel der Lahmheit oder anderer Verletzungen, die bis zur Schlachtung wieder verheilen können, zu erheben und zu bonitieren.

So könnte die ITW aus Sicht von PROVIEH als privates, paralleles Bonussystem eine (noch erheblich auszubauende) staatliche Förderung für den Umbau zu tierfreundlichen Haltungssystemen – zum Beispiel durch eine Tierwohlabgabe in einen staatlichen Fonds –  sinnvoll ergänzen.

Stand: September 2016

Stellungnahme von PROVIEH zum Ausstieg bei der ITW Oktober 2016

 

Kontakt: Angela Dinter, dinter@provieh.de