Intensivtierhaltung von Kaninchen

15.12.2014: Gemäß dem deutschen Tierschutzgesetz muss jeder, der ein Tier hält, „das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen, darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.“ Längst haben die Menschen die Bilder aus Kaninchenzucht- und Mastanlagen erreicht. Das es sich um eine moralische Katastrophe handelt und das oben zitierte Tierschutzgesetz mit Füßen getreten wird, liegt auf der Hand. Neben allgemeinen Grundsätzen die für mehr Tierwohl sorgen sollen, sind seit kurzem auch die Zucht und Mast speziell für Kaninchen in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) gesetzlich geregelt. Leider sind die neuen Mindestanforderungen aus Tierschutzsicht immer noch mangelhaft. Die Betreiber haben zudem zehn Jahre Zeit, um Ihre Anlagen auf den neuen Stand umzurüsten. Um mehr auf das Leid dieser Kaninchen aufmerksam zu machen, hat PROVIEH sich im Einzelnen mit der Frage beschäftigt, warum Kaninchen in Käfighaltung nicht artgemäß gehalten werden können. PROVIEH will Konsumenten informieren und mit starken Argumenten ein Bewusstsein dafür schaffen, weshalb es sich lohnt auf Kaninchenfleisch zu verzichten oder an der Kasse für ein artgemäß aufgezogenes Kaninchen tiefer in die Tasche zu greifen.

Grundbedürfnisse der Kaninchen

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen klar und deutlich, dass das Wohlbefinden von Tieren davon abhängt, ob das arttypische Verhalten ausgeübt werden kann. Dabei ist zu beachten, dass das Verhalten von Kaninchen dem ihrer Vorfahren, dem Wildkaninchen, gleich ist, da alle Eigenheiten und Bedürfnisse der frei lebenden Artgenossen im Erbgut gespeichert sind. Kaninchen sind Weidetiere. Zum Nahrungsaufnahmeverhalten gehört selektives Fressen, das heißt sie suchen verschiedenste schmackhafte Blätter, Gräser, Kräuter, Triebspitzen und Rinde. Arttypisch ist das ständige Futtersuchen, Beschnuppern und Probieren von Nahrung an verschiedenen Stellen, was auch „Mümmeln“ genannt wird. Dafür legen sie naturgemäß weite Strecken zurück. Durch das rohfaserreiche Weidefutter kürzen sich ihre ständig nachwachsenden Nagezähne von allein. Körner und Samen gehören nicht zum artspezifischen Nahrungsspektrum. Mit diesem Futter kann das spezielle Verdauungssystem der Kaninchen nicht harmonisch funktionieren. Sie werden dauerhaft krank. Wasser nehmen Kaninchen bevorzugt von offenen Flächen auf.

Ihr Sozialverhalten basiert auf dem Leben in Kolonien. Da Kaninchen sehr gesellig sind, leben sie nie dauerhaft alleine. Dabei sind zwei bis drei Rammler meist von drei bis vier Häsinnen umgeben. Die Nachzucht läuft in der Gruppe mit. Steigt die Dichte auf einen bestimmten Punkt, trennen sich einzelne Tiere und bilden neue Gruppen. Eine strikte Rangordnung stärkt den Zusammenhalt der Gruppe. Diese bildet sich durch Rangkämpfe, die in freier Wildbahn bei genügend Platzangebot keine ernsthaften Verletzungen hervorrufen. Gegenseitige Körperpflege und Anschmiegen unterstützen den Gruppenzusammenhalt. Ein Teil des Sozialverhaltens ist das Spielverhalten. Dabei kommt es zu spielerischem Jagen und gejagt werden. Um Spielverhalten ausleben zu können ist es von Bedeutung, dass alle wichtigen Grundbedürfnisse gedeckt sind: Platz, Nahrung, Wasser, Gesundheit, eine reizvolle Umwelt und der Zusammenhalt der Gruppe. Nur so fühlt sich das Kaninchen wohl und überträgt die positive Stimmung auch auf andere Gruppenmitglieder. Der Kaninchenbau bildet das Zentrum des Lebensraums. Dort findet die Gruppe Schutz vor Feinden und Witterung. In ihm wird auch geruht. Neben dem Kaninchenbau benötigen Kaninchen auch offene geschützte Flächen, die Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Kaninchen machen „Männchen“, indem sie ihre Hinterläufe aufrichten. So können sie Feinde besser sichten. Kaninchen bringen zwischen 1 und  24 Jungen pro Wurf zur Welt, Wildkaninchen weisen geringere Wurfgrößen auf als domestizierte Tiere. Die Häsin ist bereits mit rund 3 Monaten geschlechtsreif und bekommt nach 30 Tagen Tragezeit ihre Jungen. Die Anzahl der Würfe pro Jahr wird in freier Natur durch das Angebot an nährstoffreichem Futter limitiert, welches besonders im Sommer ausreichend vorhanden ist. Ihre Jungen säugt die Häsin in der Regel 1-mal täglich für vier Wochen und je nach Rasse an acht bis zwölf Zitzen. Bereits kurz nach der Geburt kann die Häsin erneut trächtig werden. Somit kann sie rund vier Wochen nach der Geburt bereits wieder neue Junge werfen. Mit zwei Wochen verlassen die Jungen erstmals das Nest. Damit die hohen Verluste zum Beispiel durch Raubtiere ausgeglichen werden können, ist es von Bedeutung, dass sich die Kaninchenkolonie in derartig rasantem Tempo vermehren kann.

Wie sieht die Massenkäfighaltung von Kaninchen zur Fleischproduktion aus?

In Europa werden jährlich über 810 Millionen Kaninchen verzehrt. Deutschland ist mit 30.000.000 pro Jahr beteiligt, welche meist in Käfigen unter unwürdigen Bedingungen hochgemästet werden. Der Verzehr von Kaninchenfleisch aus Privathaltung ist nicht mit eingeschlossen, da es keine Angaben über das Ausmaß dieser Haltungsform gibt. Weltweit liefert besonders China Kaninchenfleisch in unsere Supermärkte. In Deutschland sind 53 Großmastbetriebe registriert. Bis auf wenige Ausnahmen werden Kaninchen in Deutschland ausschließlich in einem intensiven Mastsystem aufgezogen. Dieses beruht darauf, dass möglichst viele Tiere auf möglichst geringer Fläche gehalten werden. Unterschieden werden die Haltung von Zuchthäsinnen, Zuchtrammlern und die Mast der  erzeugten weiblichen und männlichen Nachkommen. Geschlossene Systeme, in denen Rammler, Zuchthäsinnen und Masttiere gehalten werden, sind eher selten. Vielmehr werden die Jungtiere nach der Trennung der Mutter in weiter entfernte Mastanlagen transportiert. Zuchthäsinnen und Zuchtrammler, welche grundsätzlich das ganze Leben isoliert gehalten werden, steht nach den neuen Richtlinien, lediglich eine Fläche von 6000 bis 6800 Quadratzentimeter zur Verfügung. Das entspricht einer Fläche von zehn DIN A4 Blättern. Selbst zur Paarung leben die Tiere isoliert. Das Sperma wird dem Rammler entnommen und kommt zu einem anderen Zeitpunkt durch künstliche Besamung zum Einsatz. Die Tierschutznutztierverordnung sieht für die geschlechtergetrennt gehaltenen Mastkaninchen je nach Gruppengröße pro Tier nur 700 bis 1500 Quadratzentimeter. Bodenfläche vor. Dies entspricht bei Gruppen mit über 25 Tieren gerade einmal der Größe eines DIN A4 Blattes pro Tier. Hinzu kommt noch eine kleine erhöhte Bodenfläche. Besonders unter den Männchen, die im Laufe der Mast  in die Geschlechtsreife kommen, kommt es natürlicherweise zu Rangordnungskämpfen. Dabei ziehen sie sich in den Käfigen erhebliche Verletzungen zu. Grund ist, dass rangniedere Tiere nicht ausweichen können. Dieses Problem versuchen Kaninchenhalter einzudämmen, indem sie ihre Kaninchen so schnell wie möglich hochmästen und schlachten. Dies wird durch eine nicht artgemäße Getreide- und sojalastige Fütterung mit Kraftfutter realisiert. Dabei kommt es zwar zu maximalen Tageszunahmen, jedoch ist das empfindliche Verdauungssystem der Tiere dabei ständig im Ungleichgewicht. Die werden demnach schlicht „krank“ gemästet. Da das Futter zu Pellets zusammengepresst ist, wird das Nahrungssucheverhalten unterdrückt. Zur Wasserversorgung der Tiere kommen Nippeltränken zum Einsatz, also Tränken, die Wasser nur tröpfchenweise abgeben.

Sowohl bei Zuchthäsinnen, als auch bei den Zuchtrammlern und den Mastkaninchen kommen Käfiganlagen zum Einsatz. Ausgestattet mit perforierten Gitterkäfigböden fällt Kot und Harn auf darunterliegende Förderbänder oder sammelt sich darunter in Bergen, was für ständigen, beißenden Fäkalgeruch in der Atemluft sorgt. Gitterkäfigböden und Haltungsenge führen zu Geschwüren an den Pfoten und zu Verkrümmungen an der Wirbelsäule. Man kann feststellen, dass die Ausübung von sozialem Verhalten wie „gegenseitige Fellpflege“, „Anschmiegen“ und das „gemeinsame Ruhen“ unmöglich sind. Entspanntes Ruhen ist in Käfigen nicht möglich, da keine Rückzugsmöglichkeit besteht. Auch das vollständige Aufrichten, um die Umgebung zu erkunden, ist durch die zu geringe Höhe des Käfigs nicht möglich. Neben der fehlenden Rückzugsmöglichkeit kann somit das Bedürfnis nach Sicherheit nicht ausgelebt werden.  Die Tiere stehen unter permanentem Stress. Eine Vielzahl von Verhaltensstörungen, wie Kannibalismus, Gitternagen, Unruhe und ein gestörtes Nestbau- und Säugeverhalten sind die Folge dieser Haltungsform. Mastkaninchen werden ab  90 Tagen Alter zum Schlachthof gefahren und aufgrund von Fehlbetäubungen teils unbetäubt geschlachtet

Zuchthäsinnen sollen durch zahlreiche künstliche Besamungen im Jahr möglichst viele Junge bekommen. Das neue Gesetz schreibt vor, dass Häsinnen erst rund elf Tage nach der Geburt der Jungen erneut besamt werden dürfen. Dieser Punkt ist zu begrüßen, da so nur noch acht Mal pro Jahr eine Trächtigkeit eingeleitet werden darf, wenn auch durch künstliche Besamung. Die vorherige Gesetzeslage erlaubte zwölf Besamungen pro Jahr, wobei höchstens sechs bis acht als artgemäß gelten. Zwar ist die Vermehrungsrate bei Kaninchen naturgemäß hoch, dennoch überschreitet die Intensivhaltung das gesunde Maß in mehrerlei Hinsicht. Die Zuchthäsinnen sind so gezüchtet, dass sie meist doppelt so viele Junge bekommen, wie sie Zitzen haben. Häufig sterben Jungtiere, da sie nicht ausreichend Milch erhalten können. Ein größerer Zeitabstand zwischen den Würfen und eine geringere Wurfgröße würden sich hingegen positiv auf das Überleben der Jungtiere und das der Zuchthäsinnen auswirken. Diese Sterblichkeit wird jedoch schlicht einberechnet. Da im Vergleich zu anderen Nutztieren Kaninchen sehr viele Nachkommen in geringer Zeit gebären können ist der monetäre Wert eines Jungtieres minimal. Das Leben eines Kaninchens ist demnach „nichts wert“. In der Intensivhaltung ist es wirtschaftlicher eine „alte“ ausgelaugte Häsin, die diesen Zustand dann schon im Alter von einem Jahr erreicht hat, gegen eine neue junge Häsin auszutauschen, als den Bestand gesund zu halten und zu pflegen. Die ausgelaugte Häsin wird dann geschlachtet.

Neben den bereits genannten Maßnahmen zur Kosteneinsparung wird zudem grundsätzlich auf ein Angebot von Beschäftigungsmöglichkeiten verzichtet. Diese sind teuer in der Anschaffung, platzraubend, notwendige Reinigungsmaßnahmen sind zeitaufwändig und es wäre ein zusätzliches Management gefordert. Der Kaninchenkäfig bietet demnach keine Beschäftigung und ist nur eine Ursache für eine Vielzahl von Verhaltensstörungen wie Kannibalismus, Gitternagen, Unruhe und ein gestörtes Nestbau- und Säugeverhalten.

Es ist demnach zu hoffen, dass die Betriebe schnellstmöglich mindestens die neuen Richtlinien der Tierschutznutztierhaltungsverordnung umsetzen und den Tieren bis dahin zumindest ausreichend Raufutter und Beschäftigungsmaterial anbieten. Wenn man sich mit dem arttypischen Verhalten von Kaninchen beschäftigt, wird schnell klar: Kaninchen können unter keinen Umständen in der Massenproduktion artgemäß gehalten werden. Nur die hohe Anpassungsfähigkeit der Kaninchen ermöglicht diese qualvolle Haltung, die Mäster voll ausnutzen. Die Intensivhaltung in Käfigen ist damit grundsätzlich abzulehnen.

Zusammengefasst kann man sagen, dass die Massenproduktion von Kaninchenfleisch zwar die Wünsche vieler Verbraucher nach billigem Fleisch erfüllen kann, jedoch massives Leiden bei Kaninchen verursacht. Damit dieses Leiden gestoppt wird, muss das Problem an der Wurzel behoben werden. Wenn Verbraucher bereit sind höhere Preise für Kaninchenfleisch zu zahlen, müssen Kaninchen nicht mehr in Käfigen gehalten werden. Einige deutsche Großhandelsketten haben diese Entwicklung erkannt und Kaninchenfleisch aus enger Käfighaltung bereits aus dem Programm genommen. In der Schweiz ist diese Haltungsform generell verboten, auch der Import solcher Waren.

Der höhere Erlös kann dem verantwortungsbewussten Halter dazu dienen, in tiergerechte Haltungssysteme für seine Kaninchen zu investieren. Gemeint sind Bodenhaltungssysteme, in denen sich Kaninchen in Gruppenhaltung mit Auslauf, Tageslicht und gesundem Futter langsamer vermehren und gesund wachsen können. Wichtig ist zudem eine vielfältig strukturierte Stalleinrichtung mit Versteckmöglichkeiten, erhöhten Sitzflächen, Freiflächen und Einstreu, welche unbedingt mehr Fläche für das Einzeltier bietet.

Forderungen von PROVIEH

Lange schon wird das Leiden von Kaninchen politisch gebilligt und durch fehlende Regelungen und Sonderregelungen legalisiert. PROVIEH fordert eine gesetzlich festgelegte artgemäße Auslaufhaltung von Kaninchen im In- und Ausland, welche durch unabhängige Kontrollstellen überprüft wird. Wir wollen das Thema „konventionelle Mastkaninchenhaltung“ in Politik, Handel, bei Erzeugern und in den Medien kritisch thematisieren. So ist PROVIEH ein Sprachrohr für eine Vielzahl von Verbrauchern, welche auf höhere Tierschutzstandards in Deutschland drängen.

Verbrauchertipps

Tierschutz fängt beim Kochen an. Wenn man auf Kaninchenfleisch nicht verzichten möchte, ist es wichtig beim Kauf nach der Haltungsart zu fragen und beispielsweise auf Bio-Fleisch zurück zu greifen. Bei hohem Kaninchenfleischkonsum ist es zu empfehlen hohe Fleischmenge gegen höhere Fleischqualität zu tauschen.  Das bedeutet mehr Genuss für gleiches Geld.

 

Amira Zaghdoudi

Fotos von oben nach unten: © freeanimalix; © freeanimalpix, © Farkas; © M. Großmann/ PIXELIO