Kannibalismus bei Schweinen

11.12.2013: Ein Erfahrungsbericht aus erster Hand, wie Schwanzkupieren und Schwanzbeißen erfolgreich vermieden werden können.

Das Thema Kannibalismus bei Schweinen wird unter Fachleuten sehr kontrovers diskutiert. Wenn man diverse Fachartikel in Fachzeitschriften und im Internet liest, muss man feststellen, dass sich die Veterinärmedizin mit diesem Thema sehr schwer tut.  Weder über die Ursache(n) noch über wirklich erfolgreiche und praxistaugliche Maßnahmen ist man sich einig.

Ursachen - Irrtümer - Lösungen

Ich bin selber Schweinehalter und habe in den letzten 18 Jahren ca. 2.500 Mastschweine mit Ringelschwanz produziert, auf Vollspalten ohne Beschäftigungsmaterial, Einstreu oder sonstigen Klimbim. Die Ferkel produziere ich selbst.

Mit Kannibalismus, Schwanzbeißen etc. habe ich keinerlei Probleme. Die Fütterung besteht aus Molke und einer Fertigmischung, die zugekauft wird. Als Rohfaserergänzung zu dieser sehr rohfaserarmen Fütterung bekommen die Sauen, Absatzferkel und Mastschweine dreimal täglich Gras oder Heu, bisher direkt auf die Spalten gestreut und in der Menge portioniert, damit alles einigermaßen sauber aufgefressen wird, die Spalten sauber bleiben und ihre Funktion erfüllen können. Ganz ideal ist dies nicht, weil bei nassem Gras hinterher die Schweine die Spalten dort verkoten, weshalb ich künftig vielleicht Spender bauen werde.

Die Sauen behalten übrigens durch die Gras-/ Heufütterung während des gesamten Produktionszyklus eine sehr gute Kondition – trotz der fünfwöchigen Säugezeit! Ich muss pro Jahr nie mehr als maximal ein Drittel meiner Sauen austauschen. Die lange Säugezeit ist wichtig für die Ferkel, damit sie beim Absetzen reif und stabil sind. Durchfall kenne ich auf meinem Betrieb nicht!

Bei der Rohfaserergänzung ist es äußerst wichtig, dass die Qualität den geschmacklichen Vorstellungen der Schweine entspricht. Wenn das nicht  beachtet wird, wird das Gras oder Heu nicht in ausreichender Menge aufgenommen und ist nur noch Beschäftigungsmaterial. Das Beste für die Rohfaserergänzung ist immer junges frisches Gras. Wenn man einmal Schweine sehen möchte, die ihr Glück durch ihr Verhalten äußern, geben Sie ihnen frisches, junges Gras!

Aber es geht nicht nur um Glück, sondern auch um Gesundheit und Sättigung. Schweine haben einen angeborenen Wühl- und Beißtrieb, der durch das Sättigungsgefühl gesteuert wird. Das heißt im Klartext: Bei satten Schweinen bleiben Schwänze und Ohren unangetastet! Damit dieses Sättigungsgefühl auch wirklich im erforderlichen Umfang erreicht wird, ist strukturierte Rohfaser, die schmackhaft und auch gut verdaulich ist, in ausreichendem Maße erforderlich. Damit man mit Kannibalismus und Schwanzbeißen keine Probleme hat, ist es notwendig, dieses Sättigungsgefühl permanent auf einem hohen Level zu halten. Wenn das eingehalten wird, spielen die Haltungsbedingungen keine Rolle. Ich habe in den 18 Jahren nur zweimal Probleme mit Schwanzbeißen gehabt – nach Fütterungsfehlern! Da war ich wirklich selber schuld und habe daraus meine Lehren gezogen! Damals hatte ich den Schweinen nicht mehr ganz einwandfreie Silage gegeben, die ich nicht mehr an meine Milchkühe verfüttern wollte.

 

Hier die nach meiner Erfahrung wichtigsten Irrtümer noch einmal im Überblick:

 

  1. Beschäftigungsmaterial

Wird durch mangelndes Sättigungsgefühl der Beißreflex ausgelöstund wird den Schweinen nur Beschäftigungsmaterial egal welcher Art angeboten, aber kein Raufutter, dann werden die Schweine nicht satt! Sie können ihren Beißreflex durch Beißen auf Spielmaterial zwar etwas abreagieren, und die mathematische Wahrscheinlichkeit, dass sie sich führ die Schwänze und Ohren entscheiden, sinkt. ber das Problem des Schwanz- und Ohrbeißens wird dadurch nicht gelöst. Einen wirklich nachhaltigen Erfolg wird es dadurch nie geben!

  1.  Stroh als Rohfaserergänzung

Stroh hat in der Schweinehaltung als Rohfaserergänzung absolut nichts verloren. Stroh wird von den Schweinen aufgrund seines Geschmackes und seiner mangelnden Verdaulichkeit nur ungern gefressen und führt daher auch nicht zum Erfolg. Stroh taugt als Einstreu und Beschäftigungsmaterial, nicht aber zur Sättigung.

  1. Multifunktionale Ursachen

Kannibalismus bzw. Schwanz und Ohrenbeißen hat vor allem eine Ursache: Das mangelnde Sättigungsgefühl durch den Mangel an strukturierter, schmackhafter und gut verdaulicher Rohfaser. Wenn die Schweine damit ausreichend versorgt sind, spielen die sogenannten multifunktionalen Ursachen nach meiner Erfahrung praktisch keine Rolle!

  1. Kannibalismus als Haltungsproblem

Schwanzbeißen ist vor allem ein Fütterungsproblem und nicht ein Haltungsproblem. Der alles entscheidende Faktor zur Lösung des Problems ist die Befriedigung des Sättigungsgefühls mit qualitativ hochwertiger, gut verdaulicher Rohfaser (analog zur Milchkuhhaltung)! Die Bodenbeschaffenheit, der Platz pro Tier, das Stallklima, Temperaturen und Temperaturschwankungen etc. haben meiner Erfahrung nach keinerlei Auswirkungen.

Mir ist durchaus bewusst, dass diese Thesen eine gewisse Brisanz haben. Aus diesem Grunde können Sie sich auf meinem Betrieb gerne selber ein Bild vom Erfolg der Maßnahmen machen.

 

Andreas Burtscher

A 6934 Sulzberg 65

Tel.:0043 664 152 75 02

andreas.burtscher@hotmail.com

Foto oben: © PROVIEH (Schwanzbeißendes Ferkel)

alle übrigen Fotos : © Anreas Burtschel